Interview zum Umgang mit Wölfen: „Es bleibt ein Spannungsfeld“

Konflike im Umgang mit Wölfen werden bleiben, sagt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel

Niedersachsen wird immer mehr zum Land der Wölfe. Drohen im neuen Jahr nicht große Konflikte zwischen Artenschutz und den Interessen der Bevölkerung, namentlich der Nutztierhalter?

Stefan Wenzel: Die Auseinandersetzung um den Wolf ist auch eine Debatte um die Werte. Meine Kinder haben mich gefragt: Warum ist es eigentlich gut, wenn der Mensch ein Schaf isst? Und warum ist es böse, wenn der Wolf ein Schaf frisst? Darauf habe ich geantwortet: Der Mensch bezahlt für sein Lammkotelett, der Wolf bezahlt nicht. Wir als Land ersetzen als freiwillige Leistung dem Schäfer den Schaden durch Wolfsrisse. Und wir unterstützen den Schäfer beim Bau von Zäunen und anderen Abwehrmaßnahmen, damit er seine Herden vor den Wölfen besser schützen kann. Aber das wird niemals 100-prozentig gelingen. Es bleibt also ein Spannungsfeld.

Das nicht aufzulösen ist?

Wenzel: Auf der einen Seite haben wir den strengsten Schutzstatus, den das Bundesnaturschutzgesetz bietet; auf der anderen Seite haben wir Nutztierhalter, die auch in Zukunft Schafe züchten und halten wollen. Und wir haben natürlich auch die Sorgen der Bevölkerung, die sicher sein will, dass niemand zu Schaden kommt. Unser ganzes Handeln ist darauf ausgerichtet, dass die Sicherheit des Menschen an erster Stelle steht. Wenn es hier auffällige Tiere gibt, dann müssen sie entnommen werden.

Den Abschuss von Problemwölfen fordern die Halter aber auch zum Schutz ihrer Tiere.

Wenzel: Das ist rechtlich nur zulässig, wenn vorher alles zur Vorsorge unternommen worden ist. Das heißt, die Herden müssen aktiv geschützt werden. In dieser Phase befinden wir uns im Moment.

Menschen sind gottlob noch nicht zu Schaden gekommen. Wäre bei Nutztieren auch eine höhere Entschädigung möglich? Das könnte helfen, die Existenzängste der Schäfer auszuräumen.

Wenzel: Die Billigkeitsleistung des Landes deckt den Schaden durch das tote Nutztier und darüberhinaus auch Nebenkosten, die dem Tierhalter entstehen, ab. Die Diskussion dreht sich darum, ob diese Zusatzkosten adäquat berechnet werden. Wir gucken uns noch einmal sehr genau an, ob die Größenordnung tatsächlich angemessen ist.

Grundängste der Menschen können Sie damit aber nicht beseitigen.

Wenzel: Vieles in der Diskussion ist dadurch bedingt, dass der Wolf hier 100 Jahre abwesend war. Es fehlt einfach Erfahrungswissen. Aus anderen Regionen in Europa war der Wolf niemals verschwunden. Dort gab es immer das Konfliktfeld Nutztiere und Wildtiere; die Menschen dort gehen sachlicher damit um. Unsere Ökosysteme sind weitgehend durch menschliche Einflüsse geprägt. In unseren Wäldern ist beispielsweise der Wildbestand viel zu hoch.

Wir hatten im abgelaufenen Jahr 24 000 Wildunfälle auf den Straßen – mit erheblichen Folgekosten. Zu viele Rehe sind zudem ein erhebliches Problem für den Baumbestand. Unsere Förster haben mittlerweile 15 000 Kilometer Zäune in den Wäldern gebaut, um die Schonungen vor Wildverbiss zu schützen. Das hat in den vergangenen Jahren mehr als 100 Millionen Euro gekostet.

Soll also der Wolf Abhilfe leisten?

Wenzel: Natürlich sind da die unerwünschten Folgen des Wolfes: Er frisst ab und zu Nutztiere. Auf der anderen Seite haben wir einen zu hohen Wildbestand. Der Wolf reduziert diesen, reduziert also auch Kosten beim Zaunbau und durch Wildunfälle. So gesehen gibt es bei diesem Thema auch einen volkswirtschaftlichen Aspekt.

Und die Gefahren für Menschen?

Wenzel: Die Wildtierforscher sagen, dass von einem gesunden Wolf in der Regel keine Gefahr für die Menschen ausgeht. Nach dem Krieg gab es in ganz Europa neun berichtete Konfliktfälle zwischen Mensch und Wolf, fünf ausgelöst durch Tollwut, vier wohl durch Anfütterung, also krankheitsbedingt oder wegen Fehlverhaltens des Menschen. Wenn man in Kanada in den Wald geht, raten die Einheimischen zur Mitnahme eines Anti-Bären-Sprays. Vom Wolf ist gar nicht die Rede.

Themenwechsel: Im neuen Jahr sind die Urteile zum erneut geplanten Ausbaggern von Elbe und Weser zu erwarten. Weiß das Ministerium schon, wann damit zu rechnen ist?

Wenzel: Nein, das können wir nicht sagen. Das Bundesverwaltungsgericht hatte einen Vorlagenbeschluss zum Europäischen Gerichtshof ausgearbeitet; nach dessen Urteil müssen die Leipziger Richter jetzt die dort aufgestellten Grundsätze zur Wasserqualität auf das Weser-Verfahren und das Elbe-Verfahren anwenden. Es kann aber durchaus sein, dass es schon in der ersten Jahreshälfte ein Urteil gibt.

Hamburg behauptet, dass man in Sachen Elbvertiefung mit Blick auf Gewässerzustand und Naturbelange kräftig nachgebessert habe. Teilt Niedersachsen diese Meinung?

Wenzel: Ich kann bislang nicht erkennen, dass diese Nacharbeitung die Probleme ausräumt. Zudem hat man an der Elbe jetzt eine neue Tierart entdeckt, die bisher nicht berücksichtigt wurde, nämlich die Lachseeschwalbe.

Niedersachsens Umweltminister lehnt die Baggerei also nach wie vor ab?

Wenzel: Ich wünsche mir endlich eine norddeutsche Zusammenarbeit im Hafenbereich. Die großen und ganz großen Schiffsklassen, die noch zu erwarten sind, kann man mittel- und langfristig nur in einer engen Kooperation abfertigen.

Die Riesen-Containerfrachter sollen also lieber Wilhelmshaven statt Hamburg anlaufen?

Wenzel: Hamburg profitiert sehr stark von den so genannten Loco-Verkehren mit einer Weiterverarbeitung der Fracht im eigenen Hafen oder im nahen Umland. Wilhelmshaven hat dagegen einen großen natürlichen Tiefgang, den man auch ohne nennenswerte Maßnahmen erhalten kann. Das ist auch eine Kostenfrage. Bei einer neuen Elbvertiefung spielen dagegen Deichsicherheit und Küstenschutz eine wichtige Rolle. Norddeutschland muss hier zusammenstehen – im Bewusstsein der Bedeutung seiner Häfen, aber auch im Bewusstsein der Grenzen, die uns die Natur setzt.

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