Interview zu unbegleiteten Flüchtlingskindern: „Sie malen Tod und Krieg“

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Unter den Flüchtlingen, die nach Europa kommen, sind Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern oder nahe Verwandte unterwegs sind. Die Bundesregierung will diese unbegleiteten Flüchtlingskinder bundesweit verteilen. Warum das den Kindern nicht gerecht wird, begründet die Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Donata Schenck zu Schweinsberg, im Interview.

Wie viele Flüchtlingskinder kommen ohne Angehörige in Deutschland an?

Schenck: Im Jahr 2013 sind 6538 unbegleitete Flüchtlingskinder von den Jugendämtern in Obhut genommen worden, im vergangenen Jahr waren es fast 7000. Inzwischen kommen deutlich mehr Kinder und Jugendliche ohne Begleitung an. Insgesamt sind 17 955 unbegleitete Minderjährige in Schutzmaßnahmen.

Tauchen diese Kinder allein in den Lagern auf?

Schenck: Ja, sie kommen allein zu den Stellen des Bundesamtes für Migration in den Flüchtlingslagern. Die meisten stammen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea.

Warum sind sie allein?

Schenck: Die meisten haben ihre Eltern oder Familien auf der Flucht aus den Augen verloren, bei anderen sind die Angehörigen auf der Flucht umgekommen. Die Kinder wurschteln sich durch, und sie wissen, wo sie sich melden müssen. Der DRK-Suchdienst zeichnet ihre Fluchtrouten nach und stellt ihre Fotos auf sogenannte family links ins Internet. So ist es uns schon gelungen, Familien zu finden.

Kommt es vor, dass Eltern ihre Kinder allein auf die Flucht schicken?

Schenck: Kaum. Sehr oft fliehen Familien als Gruppen.

Laufen diese Kinder Gefahr, unterwegs Opfer von Menschenhändlern zu werden?

Schenck: Wir haben davon gehört, gerüchteweise. Beweise haben wir aber nicht.

Die Bundesregierung plant, diese Kinder und Jugendlichen künftig innerhalb von einer Woche auf die 600 Jugendämter bundesweit zu verteilen. Das DRK hält das nicht für den richtigen Weg. Warum?

Schenck: Eine Woche ist zu kurz. Die Kinder brauchen eine fachkundige Betreuung, und nach der UN-Kinderrechtskonvention soll das Kindeswohl im Vordergrund stehen. Statt sie ohne genaue Kenntnis ihrer Situation zu verteilen, sollten sie besser zunächst in Kompetenzzentren gebracht werden, also Kommunen mit Einrichtungen, die erfahren in der sozialpädagogischen Arbeit mit jungen Flüchtlingen sind. Dort können sie stabilisiert werden.

Was bedeutet das?

Schenck: Mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam kann geklärt werden, wie es weitergehen kann. Dazu müssen Dolmetscher zur Verfügung stehen und Psychotherapeuten. Die meisten Kinder haben Schreckliches erlebt und sind traumatisiert. Das wird allein schon klar, wenn man ihre Schilderungen hört und sieht, was sie malen: Tod, Gewehre, Krieg.

Wie lang sollte diese Stabilisierungsphase sein?

Schenck: Das ist von Kind zu Kind verschieden. Bei manchen muss es vielleicht länger sein, aber bei vielen Jugendlichen ist es einfach nur wichtig, dass mit einigen Wochen genug Zeit ist zur Klärung ihrer speziellen Situation.

Wie können Außenstehende diesen Kindern helfen?

Schenck: Sie brauchen Paten und Betreuer. Sie brauchen Menschen, die mit ihnen spielen, etwas unternehmen, die Sprache üben. Die Kinder brauchen eine Perspektive, damit sie motiviert sind, zu lernen und eine Ausbildung zu machen. Sie dürfen nicht nur verwahrt werden.

In welcher Umgebung sind sie in Deutschland? In Heimen?

Schenck: Ganz überwiegend in Heimen der Kinder- und Jugendhilfe. Gut ist es, wenn man sie in eine Umgebung bringen kann, wo ihre Muttersprache gesprochen wird und vielleicht schon Menschen aus dem Heimatland sind.

Könnten Deutsche diese Kinder adoptieren?

Schenck: Das ist schwierig. Dafür braucht man das Einverständnis der Eltern. Die allermeisten sind Jugendliche über 14 Jahren. Das DRK vermittelt keine Adoptionen.

www.drk-suchdienst.org

Zur Person: Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg (64) ist Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Die Sozialpädagogin war u.a. Mitglied im Beirat der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration. Sie lebt in Hausen (Schwalm-Eder-Kreis) und zeitweilig in Berlin, ist verheiratet und hat drei Kinder.

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