Interview zum Unwort des Jahres: „Diese Menschen sind nicht naiv“

Flüchtlingshelfer im Einsatz: Das Bild zeigt Julia Behrend aus Hamburg (2. von links), die an Heiligabend des vergangenen Jahres in einer Notunterkunft in Bayern freiwillig die Caritas-Mitarbeiter unterstützt. Foto:  dpa

Die Menschenrechtlerin Monika Hauser meint zum "Gutmensch", dass es zu viel Zivilcourage nicht geben kann.

Frau Hauser, sind Sie ein guter Mensch?

Monika Hauser: Ich bin Menschenrechtsaktivistin - das bin ich schon mein ganzes Leben lang. Ich kann mir gar nicht vorstellen, unsolidarisch zu handeln.

Was zeichnet einen guten Menschen aus - kann man das lernen?

Hauser: Ich denke, wer in einem guten Kontakt zu sich selbst steht, die eigenen Schmerzen und Ängste reflektiert, der kann gar nicht anders handeln. Der nimmt die Schmerzen, Ängste und Gewalterfahrungen von anderen Menschen wahr und hilft mit, dass diese Menschen besser leben können und wir müssen unsere Kinder dahingehend erziehen, dass sie immer wieder ihre Stimme erheben.

Sind Menschen, die freiwillig Gutes tun, naiv?

Hauser: Nein, diese Menschen sind nicht naiv, sondern haben einen sehr realistischen Blick auf unsere Welt und übernehmen Verantwortung. Gegen Rassismus, Sexismus und Hass in dieser Welt. Diese Menschen leisten ihren Beitrag dazu, dass es Menschen wieder besser geht, die solche Gewalt erlebt haben. Wenn jemand in diesem Sinn etwas Gutes in der Welt tut, wird auch die Welt selbst dadurch ein Stückchen besser.

Per Definition ist ein „Gutmensch“ jemand, der sich übertrieben für Political Correctness einsetzt. Kann man das in Bezug auf die Flüchtlingsthematik überhaupt?

Hauser: Man muss seine eigenen Grenzen kennen. Da sehe ich die Einschränkung: Das, was ich tue, muss in Einklang mit den eigenen Ressourcen und Fähigkeiten stehen. Es kann sein, dass jemand in der Unterstützungsarbeit über die eigenen Grenzen hinausgeht. Das ist für die eigene Person dann nicht gut und eventuell auch nicht für diejenigen, denen man helfen möchte. Aber zu viel Zivilcourage kann es auf keinen Fall geben. Vor allem nicht in der Welt, in der wir heute leben.

Ich denke, dass Menschen von denjenigen als Gutmenschen bezeichnet werden, die keine eigene Verantwortung übernehmen und vernebeln wollen, was eigentlich an Gewalt in dieser Welt vorhanden ist.

Sie helfen selbst seit über 20 Jahren und haben dabei viel von Ihrer Lebenszeit investiert. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie jemand vom Sofa aus als Gutmensch bezeichnen würde?

Hauser: Ich mag den Begriff nicht. Ich würde mir anschauen, welche Person diesen Begriff sagt und wie sie ihn meint. Ich kenne die Diffamierung, die dahinter steht. Und ich würde dieser Person sagen, dass sie selbst den Arsch hochbekommen soll, um etwas zu verändern.

Würden Sie lieber als Gutmensch bezeichnet werden, wenn die Alternative wäre, gar nichts zu tun?

Hauser: Ich würde immer wieder das gleiche tun. Auch wenn das in den vergangenen 23 Jahren mit Gefahren und Einbußen für mein Leben verbunden war. Das ist gar keine Frage für mich. Das ist meine Einstellung.

Sie wohnen selbst in Köln: Muss man bei den mutmaßlichen Tätern der Silvesternacht schon von missglückter Integration sprechen?

Hauser: Ich sehe das völlig anders. Ich weiß durch meine Arbeit, dass Vorfälle von sexualisierter Gewalt auf der ganzen Welt politisch instrumentalisiert werden. Das sehen wir von Bosnien über Afghanistan bis hin zur Kölner Silvesternacht. Sexualisierte Gewalt ist etwas, das in Deutschland weit verbreitet ist. Jetzt kommen rechte konservative Politiker und stellen sich als Frauenrechtler hin - über das ganze Jahr hinweg ist ihnen diese Thematik sonst ziemlich egal.

Männer weltweit vergewaltigen und begehen sexuelle Übergriffe: Migranten, Flüchtlinge und auch Deutsche. Viele Flüchtlinge sind ja gerade erst angekommen. Da kann man noch nicht von Integration sprechen. In dieser Hinsicht sind wir auch noch auf keinem guten Weg.

Was muss Integration denn heute leisten?

Hauser: Alle, die sich in Deutschland aufhalten, bewegen sich auch auf dem Boden des Grundgesetzes - das muss klargemacht werden. Dazu gehören aber auch die Rechten. Ich finde es merkwürdig, dass Migranten und Flüchtlinge die guten Übermenschen werden sollen. Was ist mit den Anschlägen auf Flüchtlingsheime und dem Hass der Rechten? Diese Diskussion muss zusammen geführt werden.

Goethe hat in seinem Gedicht „Das Göttliche“ geschrieben: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Würden sie das unterstützen?

Hauser: Im Grunde muss das die Maxime sein, die unser Handeln beeinflusst. In Deutschland gibt es genügend Orte, an denen man handeln und helfen kann.

Zur Person

Dr. Monika Hauser (56) ist Frauenärztin und Gründerin der Hilfsorganisation „medica mondiale“, die kriegstraumatisierte Frauen unterstützt. Aufgerüttelt durch Berichte über Massenvergewaltigungen im Balkan-Krieg reiste die gebürtige Schweizerin 1992 ins Kriegsgebiet und baute in Bosnien das Therapiezentrum „Medica Zenica“ für Frauen auf. Das führte zur Gründung des Vereins „medica mondiale“. Für ihren Einsatz erhielt sie unter anderem den als Alternativen Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award. Sie ist verheiratet, Mutter eines 19-jährigen Sohnes und lebt mit ihrer Familie bei Köln.

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