Marcel Fratzscher: Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Interview zu Ursachen und Folgen des Börsencrashs: „Nicht auf Kurse gucken“

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, ist spezialisiert auf die Probleme der globalen Finanzmärkte.

Der 44-jährige Makroökonom äußert sich im Interview zu den Ursachen und Folgen des gegenwärtigen Börsencrashs.

Wie kann es passieren, dass Wachstumsprobleme in China für Kursstürze in Europa und der Welt sorgen? Woher diese Nervosität an den Börsen?

Marcel Fratzscher: Es gibt große Unsicherheiten in der Weltwirtschaft, obwohl die Fundamentaldaten gut sind. Wir haben einfach sehr viele Risikoherde. Einige davon liegen in Europa. Griechenland etwa, das nur für den Moment gerettet ist, oder die großen Schwierigkeiten Italiens oder die anhaltende Ukraine-Krise. All das lässt die Finanzmärkte nicht unberührt.

War also China bloß der Auslöser für das Börsenbeben? 

Fratzscher: Besonders in China, aber auch in Europa und den USA, gab es in den letzten Jahren Übertreibungen nach oben an den Aktienmärkten. Die Kurse waren nicht immer und überall gerechtfertigt. Insofern haben wir hier lediglich eine Korrektur gesehen, einen normalen und auch sinnvollen Anpassungsprozess.

Ist damit der Boden erreicht? 

Fratzscher: Genauso wie es Übertreibungen nach oben gibt, kann es auch Übertreibungen nach unten geben. Das ist schwer vorauszusagen. Es kann durchaus sein, dass die Märkte noch länger volatil bleiben und sich noch weiter nach unten anpassen.

Hat der Computerhandel die hektischen Marktbewegungen (Volatilitäten) an den Börsen womöglich noch verstärkt? 

Fratzscher: Automatisierte Handelsentscheidungen können zu solchen Volatilitäten beitragen, müssen es aber nicht. Das ist eine offene Frage. In China liegt ein Teil der Schuld für die großen Ausschläge eher bei der Regierung. Ihre Versuche, die Aktienmärkte zu manipulieren, mussten nach hinten losgehen. So etwas funktioniert grundsätzlich nicht.

Was kann und muss die europäische Politik tun, um mehr Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents zu schaffen?

Fratzscher: Sie muss sich wieder stärker den Strukturreformen widmen. Über Griechenland hat man ein wenig die Orientierung verloren. Spanien, Irland und Portugal sind zwar wieder auf der Erfolgsstraße. Aber Italien, das praktisch seit 20 Jahren kein Wachstum mehr hat, hat riesige Probleme. Ebenso Frankreich. Auch in Deutschland sind die privaten Investitionen extrem schwach. Das zeigt, dass auch wir Strukturreformen machen müssen. Der Schuldenabbau in vielen Ländern Europas ist das zweite Thema. Das dritte ist die Reparatur des Finanzsystems. Wir haben in Europa noch viel zu viele Banken, die Risikofaktoren sind.

Sie haben nicht die Sorge, dass uns eine neue Weltwirtschaftskrise droht? 

Fratscher: Nein. China hat eine verlangsamte Konjunktur, und das spiegelt sich nach den dortigen Übertreibungen in seinen Aktienmärkten wieder. Und wegen der beschriebenen Unsicherheiten in Europa im Gefolge auch anderswo. Mehr ist nicht geschehen. Die Fundamentaldaten sprechen nicht für eine weltweite Rezession.

Was raten Sie dem deutschen Anleger heute: Kaufen oder verkaufen? 

Fratzscher: Weder noch. Sondern ruhige Nerven behalten, einfach mal nicht auf die Kurse gucken. Man kauft eine Aktie nicht, weil man in einem halben Jahr Geld machen möchte, sondern um eine langfristige Wertsteigerung zu erzielen. Die Börsenbewegungen der letzten Tage haben an der Realwirtschaft nichts geändert.

Zur Person:

Der Ökonom Marcel Fratzscher (44) leitet seit Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, zudem ist er Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Davor war er seit 2008 Leiter der Abteilung „Internationale wirtschaftspolitische Analysen“ bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Studiert hat der gebürtige Bonner in Kiel, Oxford und Harvard. Fratzschers Forschung konzentriert sich zumeist auf angewandte Fragen der internationalen Makroökonomie, der monetären Ökonomie und Finanzwissenschaft. Über sein Privatleben ist nichts bekannt.

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