Familienforscher Fthenakis zum Einfluss der Väter auf ihre Kinder

Interview zur Väterstudie: "Männer delegieren viel"

Halt suchen, Halt geben: Männer fördern die Autonomie ihrer Kinder, sagt Familienforscher Wassilios Fthenakis. Foto:  dpa

Berlin. Väter in Deutschland sind hin- und hergerissen zwischen dem traditionellen Rollenbild als Familienernährer und dem neuen Idealbild des perfekten Vaters. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" hervor, die heute in Berlin vorgestellt wurde.

81 Prozent der befragten Männer sagten, dass ein guter Vater so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringen sollte. Gleichzeitig wollen Väter auch im Beruf nicht zurückstecken.

Fast jeder zweite für die Väter-Studie befragte Vater hätte gern mehr Zeit für die Kinder, aber nur vier Prozent arbeiten in Teilzeit. Wie erklären Sie diesen Unterschied?

Prof. Wassilios Fthenakis: Ich habe zwei große Studien geleitet, eine zum subjektiven Konzept der Männer zu ihrer Vaterschaft und eine zur Entwicklung der Familie in Deutschland. Bei ihrem subjektiven Väterkonzept nennen zwei Drittel der Väter wie auch der Mütter nicht den Broterwerb als wichtigstes in ihrem Leben, sondern die Familie. Die soziale Vaterschaft spielt für sie die erste Geige.

Und warum leben sie das nicht auch?

Aktualisierte Fassung von 11:30 Uhr

Fthenakis: Das hat die zweite Studie gezeigt: Noch immer ist es so, dass es mit der Geburt des ersten Kindes zu einer Traditionalisierung des Familienmodells kommt. Das hat ökonomische Gründe: In den meisten Fällen ist der Mann der Besserverdienende. Deswegen stimmen die Frauen zu, dass er sich stärker im Beruf engagiert. Aus dieser Traditionalisierung kommen die meisten Paare nicht mehr heraus. 

Woran liegt das?

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Männer schwanken zwischen Vaterrolle und Beruf

Fthenakis: Die moderne Arbeitswelt verlangt eine hohe Flexibilisierung des Einsatzes. Das lässt sich mit fest etablierten Strukturen nicht vereinbaren. Deswegen verändern übrigens jüngere Paare die Strukturen. Sie behalten so lange wie möglich ihren eigenen Wohnsitz bei, und die Zahl der bewusst kinderlosen Biographien wächst. Seit den 1990er-Jahren haben sich auch die Koordinaten für das Familienleben verschoben: Die tragende Säule der Familie ist heute nicht mehr der Nachwuchs, sondern die Qualität der Partnerschaft.

Wenn die Väter arbeiten gehen, obwohl sie lieber Zeit mit den Kindern verbrächten, senden Sie dann nicht ein falsches Signal an die Kinder?

Fthenakis: Nein. Die Väter bauen die Beschäftigung mit den Kindern in einen angenehmen Kontext ein, nämlich wenn sie abends nach Hause kommen und sich entspannen. Das heißt: Die Kinder erleben die Zeit mit dem Vater in einem entspannten Zusammenhang. Und Väter nutze diese Zeit intensiv.

Ist es für die Kinder egal, ob der Vater oder die Mutter hauptsächlich zu Hause ist?

Fthenakis: Nein, denn die Organisation des Haushalts findet unterschiedlich statt. Frauen fühlen sich alleinverantwortlich, delegieren wenig, setzen hohe Standards und kontrollieren deren Einhaltung. Männer dagegen fühlen sich nicht alleinverantwortlich, sie setzen die Standards nicht sehr noch, delegieren viel. Das hat Vorteile für Kinder.

Männer erziehen Kinder eher zur Selbstständigkeit?

Fthenakis: Das ist in Studien nachgewiesen. Männer unterstützen die Autonomie und Empathie. Und deren Beschäftigung mit dem Haushalt führt nicht zur Verweiblichung ihrer Söhne.

Also wäre es sinnvoll, wenn mehr Männer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen könnten? 

Fthenakis: Zwei Drittel der Männer haben ein egalitäres (gleichwertiges) Bild von Beruf und Familie. Wenn sie das nicht leben können, kann dies zu einer Beeinträchtigung ihres Wohlbefindens führen und die Qualität der Partnerschaft leidet. Das ist von fundamentaler Bedeutung. Wir fordern seit 20 Jahren von der Politik, die Organisation der Arbeitswelt so zu gestalten, dass sich ein egalitäres Konzept, jedenfalls das von den Menschen entwickelte Konzept, leben lässt. Wir sagen seit 20 Jahren, dass die Kosten individuell und sozial sehr hoch sind. Nun haben wir das soziale Problem – und das trotz besseren Wissens.

Väter in Zahlen und Fakten

Die meisten Nachkommen: Der russische Bauer Fjodor Wassiljew zeugte im 18. Jahrhundert 69 Kinder mit einer Frau. Das Ehepaar bekam 16 Zwillingspaare, siebenmal Drillinge und viermal Vierlinge. Wassiljews Frau war insgesamt 27-mal schwanger. Mit seiner Fruchtbarkeit kam er sogar ins Guiness-Buch der Rekorde. Fachpublikation zweifeln allerdings den Wahrheitsgehalt von Wassiljews Kinderreichtum an.

Der älteste Vater: Mit 96-Jahren hat Ramajit Raghav einen Sohn bekommen. Damit ist der Inder der älteste Vater der Welt.

Vater der größten Familie: Ziona Chana ist das Oberhaupt einer 181-köpfigen Familie. Er hat 39 Frauen geheiratet und mit ihnen 94 Kinder gezeugt. Mit den 33 Enkeln lebt die Familie unter einem Dach im indischen Dorf Baktawng.

Berühmt und kinderreich: Einige Prominente hatten auch privat viel um die Ohren - zumindest viele Kinder. Der Schauspieler Charlie Chaplin (1889-1977) war Vater von elf Kindern, der deutsche Komponist Johann Sebastian Bach (1685-1750) sogar von 20 Kindern. Ein vielfacher Vater war auch Reggae-Star Bob Marley (1945-1981): Er hatte 14 Kinder.

Der Alleinerziehende: Rapper Eminem ist der bekannteste Alleinerziehende der Musikszene. Der 41-Jährige zieht drei Kinder ohne Beistand einer Partnerin auf.

Der Komplizierte: Eine der deutschen Geistes-Ikonen, Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955, "Buddenbrooks") war als Vater so schwierig, dass er selbst zu einem literarischen Thema wurde. Seine sechs Kinder verarbeiteten die Erfahrungen mit dem berühmten Vater, um dessen Bedürfnisse sich das gesamte Familienleben drehte, in Romanen und Tagebüchern.

Der Zärtliche: Unter dem Pseudonym e.o. plauen hielt der Zeichner Erich Ohser (1901-1944) in den Cartoons "Vater und Sohn" alltägliche Erlebnisse eines rundlichen Vaters mit seinem frechen Sohn fest. Der Nazi-Gegner nahm sich 1944 das Leben.

Zur Person

Prof. Dr. Wassilios Fthenakis (76) gilt als führender Väterforscher. Der Deutsche griechischer Abstammung studierte in Griechenland und München Pädagogik, Anthropologie, Humangenetik und Psychologie. Er leitete 30 Jahre lang das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.

Er war Professor für Entwicklungspsychologie und Familienforschung an den Unis Augsburg und Bozen. Fthenakis hat unter anderem das zweibändige Standardwerk "Väter" verfasst und ist Sachverständiger des Bundesverfassungsgerichts für Kindschaftsrecht und Sorgerecht. Er lebt mit seiner Frau in München. Das Paar hat zwei erwachsene Söhne.

Von Tatjana Coerschulte

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