Interview: Welche Bedeutung hat der Holocaust für junge Menschen?

Nur wenige überlebten die KZ-Hölle: Unser Bild zeigt Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Foto: dpa

Auschwitz ist bis heute das Symbol für den systematischen Mord an Juden, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen und vielen anderen Häftlingen. Am 27. Januar 1945 war das KZ von der Roten Armee befreit worden.

1996 erklärte der Bundestag auf Anregung von Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Dazu Fragen an den Sozialpsychologen Oliver Decker.

Die nachfolgenden Generationen sind nicht schuldig an den Taten oder Unterlassungen ihrer Vorfahren. „Aber sie tragen das Erbe in sich“, haben Sie über den Holocaust geschrieben. Wie meinen Sie das?

Dr. Oliver Decker: Wenn wir uns abends ins Bett legen, sind wir selten allein – im psychischen Sinne sind alle Generationen unserer Vorfahren neben uns gebettet. Unsere Persönlichkeit wird in einem langen Prozess gebildet, dazu gehört die Identifikation mit unseren Eltern und deren Eltern. Ihnen sind wir sehr eng verbunden, und das hat eine große Bedeutung für unbewusste Wünsche und Konflikte, die an uns weitergegeben werden.

Nehmen wir einen jungen Menschen, Jahrgang 1990. Welches Erbe aus der NS-Zeit könnte er haben?

Decker: Wir wissen aus Studien, dass bei den Opfern der Nationalsozialisten die Erfahrung der KZ-Haft an die nächsten Generationen weitergegeben wird, als traumatische Erfahrung oder als Thema, über das geschwiegen wird. Auch die Mitläufer und die Täter haben etwas weitergegeben. Und es ist natürlich sehr schwer, sich vorzustellen, dass die eigenen Vorfahren auf der Täterseite waren.

Was bringt dieses Wissen jemandem, der heute 23 Jahre alt ist?

Decker: Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte ist oft der Wunsch der Vater des Gedankens. Es gibt nachgewiesenermaßen Erzähltraditionen in Familien, bei denen aus einem Mitarbeiter der Gestapo plötzlich ein Widerstandskämpfer wird – weil das leichter zu ertragen ist. Es kostet aber viel Kraft, die eigene Geschichte immer zu verbiegen. Wer sich mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt, bei dem fällt ein Abwehrreflex weg. Selbst junge Menschen sagen heute schnell, sie seien „nicht schuld“. Von Schuld spricht aber niemand. Diese Empfindung ist in ihnen, sonst müssten sie sie nicht abwehren.

Spätestens wenn Schüler oder Studenten eine Zeitlang ins Ausland gehen, werden sie dort damit konfrontiert, dass man Deutschland auch mit Nazis und Holocaust verbindet. Wie sollen junge Deutsche darauf reagieren?

Decker: Da gibt es keine Norm. Es ist wichtig, dass man Offenheit und Sensibilität zeigt für das, was den anderen beschäftigt. Das geht übrigens besser, wenn man nicht eigene Ängste abwehren muss. Auch deswegen sollte man sich mit der Geschichte auseinandersetzen. Die Menschen in unseren Nachbarländern haben nicht vergessen, dass von Deutschland ein Angriffs- und Vernichtungskrieg ausgegangen ist. Das ist eine kollektive Erfahrung, die noch sehr lange im Bewusstsein bleiben wird, und bei der es eine wesentliche Rolle spielt, ob man Nachfahre eines Polen oder eines Deutschen ist.

Sie kommen in Ihren Reflexionen zum Holocaust unter anderem auf Castingshows zu sprechen. Bewegen Sie sich da nicht gedanklich auf einem gefährlichen Terrain?

Decker: Man darf den Holocaust nicht banalisieren. Es wohnt aber der deutschen und der europäischen Kultur etwas inne, was diese Entmenschlichung möglich gemacht hat. Und das tritt auch an Orten auf, die scheinbar nichts mit Politik zu tun haben, nämlich da, wo ein Einzelner zugunsten der Allgemeinheit geopfert wird – und wenn es nur für das Ziel der Unterhaltung ist. Das ist selbstverständlich nicht gleichzusetzen mit dem Holocaust. Aber es soll zeigen, dass wir unsere Umgangsweisen immer wieder prüfen müssen, etwa: Provoziert Schwäche Aggression? Es ist wichtig, für so etwas offen zu sein, damit sich die Entmenschlichung nicht wiederholt.

Sie haben auch zum heutigen Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft geforscht. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass der Schoß noch fruchtbar ist?

Decker: Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir eine ähnliche Lage wie in den 1920er- und 1930er-Jahren erleben werden. Dafür hat sich zu viel verändert. In Deutschland sind Rechtsextremismus und struktureller Rassismus heute weniger verbreitet als in anderen europäischen Ländern. Die größte Gefahr sehe ich in einem Wohlstandschauvinismus. Die Integrationskraft in Deutschland beruht auf ökonomischer Stärke. Der Wohlstand wird aber dauerhaft nicht für alle zu halten sein. Das könnte die Menschen dazu bringen, undemokratische Strukturen zu bevorzugen, um minimale Inseln des Wohlstands zu erhalten. Es wird darum gehen, das demokratische Fundament zu verteidigen, indem die Interessen der anderen, der Ärmeren, als gleichberechtigt anerkannt werden.

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