Medizinerin Elisabeth Pott warnt vor HIV-Heimtests und Hysterie

Interview zum Welt-Aidstag: „Frühzeitige Diagnose ist wichtig“

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35 Millionen Menschen leben weltweit mit einer HIV-Infektion. Der Welt-Aids-Tag steht wieder im Zeichen für Solidarität mit HIV-positiven Menschen. Seit 1988 wird am 1. Dezember der Welt-Aids-Tag von der UNAids - der Aids-Organisation der Vereinten Nationen - organisiert.

Seit vielen Jahren setzt sich Prof. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), für eine bessere Aufklärung in Bezug auf HIV/Aids ein. Wir sprachen mit ihr.

Frau Dr. Pott, woran liegt es, dass Aids in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch einen geringen Platz einnimmt und das Thema in den 90er-Jahren viel präsenter war? Allein schon durch die Fernsehwerbung mit dem bekannten Satz „Was kosten die Kondome“.

Prof. Elisabeth Pott: Zu Beginn der Aids-Präventionskampagne haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender unsere Spots kostenlos zur besten Sendezeit ausgestrahlt haben. Seitdem haben sich die Fernsehlandschaft und die Sendekonzepte deutlich verändert, so dass das heute nicht mehr möglich ist.

Hatte das Folgen? 

Pott: Ja, wir haben parallel zu dieser Entwicklung begonnen, über unsere Websites zu HIV-Ansteckungsrisiken und Schutzmöglichkeiten zu informieren. Durch die Erweiterung und stetige Anpassung unserer Kommunikationskanäle konnten wir erreichen, dass das Schutzverhalten in der Bevölkerung hoch ist.

In Deutschland wird die Zahl der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2013 auf 3200 geschätzt. 200 weniger als 2012. Die Zahl ist seit 2006 konstant. Ist das ein gutes Zeichen? 

Pott: Im europäischen Vergleich liegt Deutschland gemeinsam mit Finnland auf den günstigsten Plätzen, was die Ausbreitung von HIV betrifft. Das zeigt, dass durch die intensive Präventionsarbeit gute Ergebnisse erzielt worden sind.

Nach Ansichten der Vereinten Nationen kann Aids bis zum Jahre 2030 bekämpft werden. Nötig seien 28 Milliarden Euro jährlich. Was halten Sie von dieser These? 

Pott: Die Aussage, man müsse nur entsprechende Milliarden in die Hand nehmen, finde ich nicht überzeugend, wenn nicht genau gesagt wird, was mit dem Geld geschehen soll.

Wo wir schon bei Finanzen sind, wie teuer ist so eine medikamentöse Behandlung? 

Pott: Nach Schätzungen kostet die lebenslange Therapie eines Menschen mit HIV in Deutschland im Durchschnitt mehr als 500 000 Euro. Jede verhinderte HIV-Infektion ist somit nicht nur menschlich ein Gewinn sondern rechnet sich auch ökonomisch. Für die Prävention gibt die BZgA jährlich 13,5 Millionen Euro aus.

HIV begrenzt sich nicht nur auf eine bestimmte Risikogruppe. Trotzdem sind einige Menschen noch unsicher im Umgang mit dem Thema. Wie kann ein unbefangenes Zusammenleben zwischen HIV-Erkrankten und Gesunden besser funktionieren? 

Aufmerksamkeit garantiert: Den 18 Meter hohen Obelisken im Hyde Park der australischen Metropole Sydney schmückt ein großes Kondom, um für die Kampagne „mehr testen + früh behandeln + sicher bleiben = HIV beenden“ zu werben. Foto:  dpa

Pott: Vor allem durch Information. Wenn jemand weiß, dass man sich im Alltag und bei sozialen Kontakten nicht mit HIV anstecken kann, dann weiß man auch, dass man sich weder durch einen infizierten Kollegen ansteckt, aus dessen Tasse man versehentlich getrunken hat, noch weil man seine Brötchen bei einem infizierten Bäcker kauft. Hilfreich ist es auch, wenn man infizierte Menschen persönlich kennt. Das hilft Diskriminierung und Unsicherheiten abzubauen. Der Hauptansteckungsweg ist ungeschützter Geschlechtsverkehr. Der Abbau von Hysterie und irrationalen Ängsten ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Hat man nach einer HIV-Infektion eigentlich direkt körperliche Beschwerden? Also merkt man es, wenn man infiziert ist?

Pott: Nach einer Infektion mit HIV können Symptome auftreten. Diese sind aber so unspezifisch, dass sie selten mit einer HIV-Infektion in Verbindung gebracht werden. So lässt sich die hohe Schätzzahl von 14 000 Menschen erklären, die zwar HIV-positiv sind, aber deren Infektion nicht diagnostiziert wurde. Hat man sich in eine Risikosituation begeben, sollte man sich deshalb beraten und testen lassen. Eine frühzeitige Diagnose und medizinische Betreuung ist wichtig, da bei optimalem Therapiebeginn Menschen mit HIV eine annähernd normale Lebenserwartung haben können.

Und wie ist die Lebenserwartung ohne Behandlung? 

Pott: Die Lebenserwartung ohne Behandlung ist individuell sehr unterschiedlich. Man geht aber davon aus, dass nach 10 bis 15 Jahren ohne Behandlung die Krankheit ausbricht

Im Internet werden jetzt HIV-Schnelltests angeboten. Kann man den Test also auch selbst zuhause durchführen? 

Pott: Wir empfehlen keine Selbsttests zu Hause. Es können Anwendungsfehler auftreten. Außerdem kann der HIV-Test erst drei Monate nach einer Risikosituation richtig angewendet zuverlässig feststellen, ob eine Infektion vorliegt oder nicht. Wird der Test früher gemacht, können falsch negative Ergebnisse die Folge sein.

Wie sieht es mit Kinderwunsch aus? 

Pott: Wenn bei guter Behandlung die Viruslast unter der Nachweisgrenze gehalten werden kann, ist ein Risiko für den Sexualpartner äußerst unwahrscheinlich.

Welches Übertragungsrisiko hat das Ungeborene? 

Pott: Bei bekannter HIV-Infektion der Mutter kann das Risiko einer Virusübertragung auf das Kind auf unter zwei Prozent gesenkt werden, durch eine gute medikamentöse Behandlung und eine Kaiserschnittgeburt.

Stichwort: Aids

Die Immunkrankheit Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome: englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“) wurde am 1. Dezember 1981 als Krankheit anerkannt.

Laut Robert-Koch-Institut lebten in Deutschland Ende 2013 etwa 80.000 Menschen mit HIV.

Hessen:

• Rund 5900 Menschen mit HIV,

davon 4700 Männer und 1100 Frauen.

• Dunkelziffer: geschätzt 1200 Menschen, die infiziert sind, bei denen Aids aber noch nicht festgestellt wurden.

• Rund 290 Neuinfektionen.

55 Menschen, die im Jahr 2013 an Aids gestorben sind.

Niedersachsen:

• Rund 4400 Menschen mit HIV,

davon 3400 Männer und 970 Frauen.

• Dunkelziffer: 870 Menschen

geschätzt rund 220 Neuinfektionen.

• 30 Menschen, die im jahr 2013 an Aids gestorben sind .

Zur Person

Prof. Dr. Elisabeth Pott (65) studierte von 1967 bis 1974 Medizin in Bonn und Kiel und erhielt zwei Jahre später ihre Approbation und promovierte zur Dr. med. Bis 1978 arbeitete sie als Ärztin in der Klinik/Chirurgie. Seit 1986 ist sie Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln. Unter ihrer Leitung begann 1987 die bundesweite Aids-Aufklärungskampagne „Gib Aids keine Chance“.

Weitere Informationen im Internet unter

www.gib-aids-keine-chance.de www.machsmit.de

Von Melanie Triesch

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