Der 4. Februar ist Weltkrebstag

Interview zum Weltkrebstag: „Wissen mehr über Krebszellen“

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Tumore im Blick: Zwei Radiologen am Uniklinikum Münster vor Bildschirmen mit Mammografie-Aufnahmen, auf denen eine Auffälligkeit in der Brust einer Patientin zu erkennen ist.

Wir sprachen mit dem Onkologen Dr. Mathias Kleiß vom Roten Kreuz Krankenhaus Kassel über die Zunahme von Krebserkrankungen und die Entwicklungen in der Krebsforschung.

Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr etwa eine halbe Million Menschen an bösartigen Tumoren.

Krebs ist eine der häufigsten Todesursachen. Haben Krebserkrankungen zu- oder abgenommen? 

Mathias Kleiß: Sie nehmen zu. Das hat seinen Grund in dem zunehmenden Alter der Bevölkerung und den verbesserten diagnostischen Möglichkeiten und Vorsorgemöglichkeiten. Wir finden einfach auch mehr Krebserkrankungen.

Rechnen Sie zukünftig mit einem weiteren Anstieg? 

Kleiß: Ja, momentan erkrankt etwa jeder Vierte an Krebs. Mit zunehmendem Alter wird das zunehmen. Das hängt mit Zellteilungsmechanismen und der Zellalterung zusammen. Es kommt zu Veränderungen im genetischen Material der eigentlich gesunden Zellen. Je älter die Zellen werden, desto mehr Schäden häufen sich an. Das gibt einen Summeneffekt und es entstehen Krebserkrankungen.

Ist Krebs heute noch ein Todesurteil? 

Kleiß: Bei Krebserkrankungen in fortgeschrittenen Stadien meistens leider ja. Mit modernen Therapieansätzen ist aber vielfach gerade bei nicht ganz weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen eine Heilung sehr gut möglich. Durch moderne Methoden der Krebstherapie gibt es bei einer zunehmenden Zahl an Krebserkrankungen bessere Behandlungsmöglichkeiten, die zwar keine Heilung erreichen können, aber einen Gewinn an Lebenszeit und Lebensqualität. Aber man kann eine ganze Reihe von Blutkrebserkrankungen oder Lymphdrüsenkrebserkrankungen mit Chemo-Immun-Therapie auch heilen.

Welche Entwicklungen gibt es derzeit in der Krebs-Forschung?

Kleiß: Zur Zeit sind die zunehmenden Möglichkeiten der Immuntherapie interessant. Es gibt moderne Substanzen, die zum Beispiel beim schwarzen Hautkrebs schon zugelassen sind. Sie aktivieren das körpereigene Immunsystem und sind gegen eine ganze Reihe von Krebserkrankungen wirksam. Sie bieten Behandlungsmöglichkeiten bei Krebsarten, bei denen man bisher nicht wusste, was man gegen sie machen soll, wie beispielsweise beim schwarzen Hautkrebs.

Ist die Immuntherapie das neue Wundermittel gegen Krebs? 

Kleiß: Nein, sie ist kein Wundermittel. Den Gedanken und das Prinzip der Immuntherapie gibt es schon seit Jahrzehnten. Aber man wusste nicht so richtig, wie man damit umgehen soll. Und dann wirkte es nur in wenigen Fällen. Das klappt jetzt mit den neuen Substanzen etwas besser. Auch weil wir ein besseres Verständnis davon haben, wie das Immunsystem und Immunzellen funktionieren und wie die Interaktion zwischen Krebszellen und Immunzellen stattfindet.

Gibt es weitere wichtige Entwicklungen? 

Kleiß: Zum einen das zunehmende Wissen über die Faktoren, von denen das Krebswachstum abhängig ist. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass Krebs durchblutet werden muss und Sauerstoff und Nährstoffe braucht. Mit künstlich hergestellten Antikörpern kann man die Blutzufuhr zum Krebs unterbinden oder zumindest reduzieren. Dann stirbt ein Krebs ab. Zum anderen weiß man zunehmend mehr darüber, wie Abläufe in Krebszellen reguliert sind. In diese Abläufe kann man eingreifen.

Halten Sie das umstrittene Mammografie-Screening für sinnvoll?

Kleiß: Unterm Strich ist es sinnvoll. Wir empfehlen es, genauso wie Prostatakrebs- und Darmkrebs-Vorsorge.

Wie kann man sein eigenes Krebsrisiko senken?

Kleiß: Durch Krebsvorsorge, regelmäßigen Sport und gesunde Ernährung. Man sollte nicht rauchen und wenig Alkohol trinken. Vitamintabletten und Nahrungsergänzungsmittel sind nicht nötig.

Zur Person

Dr. Mathias Kleiß ist Chefarzt der Klinik für interdisziplinäre Onkologie am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel. Der 45-Jährige ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie. Palliativmediziner und Pneumologe. Sein Medizin-Studium hat Kleiß an der Universität Ulm absolviert. Er lebt in Göttingen, ist verheiratet und hat vier Kinder.

Stichwort Immuntherapie 

Immuntherapien sind Behandlungsformen, bei denen das Immunsystem beeinflusst wird. Je nach Erkrankung kann das Immunsystem stimuliert, unterdrückt, geformt oder ersetzt werden. Information im Internet.

Von Nicole Schippers

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