Interview: Expertin Renate Ohr sieht Warnungen vor Währungsunion bestätigt

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Apfelernte Karikatur

Europa-Serie Scheitert Europa? Welche Perspektiven hat das europäische Projekt? Antworten auf diese Fragen suchen wir in einer Reihe von Expertengesprächen.

Schon in den 90er-Jahren hat die Expertin für Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Göttingen vor den Risiken der Eurozone gewarnt und zusammen mit vielen anderen Professoren zwei Manifeste in diesem Sinne verfasst. Heute sieht sich Prof. Dr. Renate Ohr in ihren Befürchtungen bestätigt. Wir sprachen mit ihr über den Nutzen des Euro und die aktuelle Krise.

Frau Dr. Ohr, was hat der Euro uns gebracht?

Renate Ohr: Rein ökonomisch kann ich da für Deutschland nicht viel sehen. Man hat immer gesagt, der Euro senke in den Firmen Transaktionskosten, also zum Beispiel Kosten, um sich gegen Wechselkursrisiken abzusichern. Man hat daher viel zusätzlichen Handel erwartet. Aber gerade das können wir nicht feststellen. Unser Handel mit Nicht-Euroländern ist viel stärker gestiegen als der mit Euro-Ländern.

Liegt das aber nicht auch daran, dass die Wirtschaft in Ländern wie China boomt?

Renate Ohr: Ja, unser Export und unser Handel hängen stark von den Wachstumsraten unserer Partner ab, aber nicht von einer gemeinsamen Währung. Deutschland braucht den Euro nicht. Der Vorteil der Eurozone lag daher nicht bei uns, sondern bei jenen Ländern, die vorher instabiler waren als wir. Die früheren Schwachwährungsländer hatten plötzlich eine stabile Währung und niedrige Zinsen. In den ersten acht Jahren hatten wir eher unterdurchschnittliche Wachstumsraten. Was uns jetzt stabilisiert, sind die Arbeitsmarktreformen und die Lohnzurückhaltung. Mit dem Euro hat das nichts zu tun.

Jetzt finanziert die Europäische Zentralbank Staatsdefizite. Wie beurteilen Sie dies?

Renate Ohr: Genau diesen konstruktiven Fehler, der eigentlich laut Maastricht-Vertrag ausgeschlossen sein sollte, hatten wir befürchtet. Den Ländern wird der Druck genommen, zu einer soliden Haushaltspolitik zurückzukehren. Die EZB wird zur Bad Bank, das heißt sie hält immer mehr schlechte Titel, und die Geldmenge wird ausgedehnt. Das Hauptziel der EZB, die Preise stabil zu halten, wird schwieriger durchzusetzen. Die Inflationsgefahr steigt, und ebenso die Abhängigkeit der EZB von der Politik. Genau das sollte verhindert werden.

Was heißt das für den normalen Bürger?

Renate Ohr: Ich glaube, dass die Inflation im Euroraum in den nächsten Jahren steigen wird. Nicht auf zehn oder mehr Prozent, aber auf mehr als die zwei Prozent, die wir in den letzten Jahren hatten. Wenn viel Geld im Umlauf ist, kann das zu Preissteigerungen führen. Das Problem ist, dass die Politiker darüber gar nicht so unglücklich wären, weil Inflation den Realwert der Staatschulden senkt. Wenn mehr Inflation zugelassen wird, hilft ihnen das also. Das war genau der Grund, warum die Notenbank unabhängig von der Politik sein sollte.

Aber was wäre die Alternative gewesen?

Renate Ohr: Ein Schuldenschnitt in Griechenland, also ein erzwungener Verzicht der Griechenland-Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes. Es wird so oder so zu einer Insolvenz Griechenlands kommen. Das, was seit einem Jahr passiert, ist nur, dass wir gutes Geld zum schlechten werfen. Damit helfen wir auch Griechenland nicht, weil die Ursache der Probleme nicht behoben ist. Einfach nur weiter Kredite zu geben, ist der falsche Weg.

Die Kanzlerin sagt: Wenn der Euro zusammenbricht, dann tut es Europa auch. Sehen Sie das auch so?

Renate Ohr: Nein. Weder Europa noch der Euro müssen zusammenbrechen, wenn einzelne Länder austreten, die derzeit den Euro destabilisieren. Was Europa wirklich ausmacht, ist der europäische Binnenmarkt. Freie Grenzen, freier Kapitalverkehr in 27 Ländern - das ist weltweit einmalig. Das funktioniert aber ja auch mit Ländern, die nicht in der Eurozone sind.

Also brauchen wir den Euro für den Binnenmarkt nicht?

Renate Ohr: Nein. Wenn der Euro verschwindet, kann der Binnenmarkt trotzdem bestehen bleiben. Wenn man aber krampfhaft den Euro zu halten versucht, überfordert man die Defizit-Länder mit harten Sanierungsprogrammen, und man überfordert die Finanziers. Deutschland kann auf Dauer nicht alles bezahlen.

Leider wissen die Politiker nur, wie man in die Eurozone aufgenommen werden kann, aber nicht, wie man wieder rauskommt. Brauchen wir eine Insolvenzordnung für Staaten?

Renate Ohr: Insolvenz ist auch ohne vorherige Insolvenzordnung möglich. Beispiele dafür gibt es aus Südamerika. Das wäre auch in der Eurozone möglich. Die Befürchtung ist natürlich, dass davon viele Gläubiger in ganz Europa betroffen wären. Diese Gläubiger haben aber doch daraus bislang auch hohe Profite gezogen, die eben dieses Risiko genau abdecken. Deswegen müssen sie jetzt im Schadensfall auch zahlen. Außerdem halte ich es für billiger, zum Beispiel im Einzelfall einer betroffenen Bank zu helfen, als in großem Umfang Geld den Griechen, Italienern oder Iren zu geben, ohne zu wissen, wo das Geld eigentlich hinkommt.

Welchen Rat würden Sie der Kanzlerin geben?

Renate Ohr: Mit ihrem Herumlavieren schadet sie der europäischen Integration. Hier trifft wirklich voll zu, dass ein Ende mit Schrecken besser wäre als dieser Schrecken ohne Ende. Was sagen denn die Bürger? Glauben Sie denn, dass die Griechen dankbar für diese Art der Hilfe sind? Nein. Und fragen Sie die Deutschen! Wir zerstören gerade vieles, was wir mühsam an Integration aufgebaut haben.

Zur Person

Prof. Dr. Renate Ohr (58) ist Professorin für Wirtschaftspolitik an der Universität Göttingen. Geboren in Ludwigshafen/Rhein, hat sie Volkswirtschaft in Mainz studiert und wurde an der Uni in Bochum habilitiert. Renate Ohr war Initiatorin zweier Manifeste gegen die Europäische Währungsunion, die zuerst von 62 Professoren (1992), dann von mehr als 160 Professoren (1998) mitgetragen wurden.

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