"Wir schlafen mit dem Kopf auf dem Geld"

Interview mit Wolfhagerin in Griechenland

Selfies und Fotos auf der Akropolis in Athen: Viele Touristen machen nach wie vor Urlaub in Griechenland. Foto: dpa

Die Lage in Griechenland verschärft sich. Wir sprachen mit Ingeborg Frimmel (65) aus Wolfhagen (Kreis Kassel). Sie lebt einen Großteil des Jahres in Koroni, einer Kleinstadt 300 Kilometer südwestlich von Athen.

Frau Frimmel, was bekommen Sie von der Krise mit? 

Ingeborg Frimmel: Wir bauen gerade ein kleines Gästehaus um. Dadurch haben wir viel Kontakt mit der griechischen Bevölkerung. Die Handwerker können kein Material mehr kaufen, weil sie kein Bargeld haben. Sie bekommen von uns einen Vorschuss und fahren zum Händler, um Zement zu kaufen. Alles geht nur noch mit Bargeld. Das ist schlimm. Seit Januar wusste ich, was passiert. Die, die das versäumt haben, haben Pech. Für uns Deutsche geht es noch, weil wir Bargeld in der Tasche haben. Wir schlafen mit dem Kopf auf dem Geld.

Können Sie normal im Supermarkt einkaufen? 

Frimmel: Für die Touristen ist noch genug da. Das ist logisch, weil die Ketten langfristig geplant haben. Es gibt noch keine Engpässe. Brot wird gebacken. Die Tavernen, die nachmittags die Gäste bewirten, haben schon eher Engpässe. Man bestellt das, was da ist. Es könnte sein, dass es nicht genug Wechselgeld gibt, weil die Touristen meist mit Scheinen kommen.

Gibt es noch genug Benzin? 

Frimmel: Es gibt Beschränkungen beim Benzin. An manchen Tagen darf man nur für 15 Euro tanken. Die Zapfsäule ist so programmiert, dass sie automatisch ausgeht. Wir schauen, ob die Flugzeuge fliegen. Das wäre die nächste Frage, ob sie genug Treibstoff haben, wenn wir weg wollen.

Ist die Kriminalität ein Problem? 

Frimmel: Die ist schon seit fünf Jahren ein Problem. Wir sind hier viermal ausgeraubt worden. Einmal komplett. Daraufhin haben wir eine Alarmanlage installiert. Wir haben eine Sicherheitsfirma, die uns von Athen aus betreut. Mit der Alarmanlage fühle ich mich sicher. Das hat nicht jeder, aber anders ging es nicht mehr.

Wie sieht es mit der Verpflegung der Gäste aus? 

Frimmel: In unserem Ort gibt es Individualtourismus. Da holt die Omi das Essen aus dem Garten, und vom Metzger wird das Fleisch besorgt. In Koroni haben wir noch keine Probleme mit dem Essen. In Athen sieht das anders aus.

Machen Sie sich Sorgen? 

Frimmel: Wir leben in der südlichen Region und sind von 2000 Häusern umgeben. Wir fragen uns: Was passiert, wenn sie uns enteignen? Die Griechen können uns auch rausschmeißen, dann bricht alles zusammen. Schweizer, Holländer, Engländer - ganz Europa ist hier unten. Eine sehr schwierige Situation.

Glauben Sie, die Drachme kommt wieder? 

Frimmel: Wir rechnen stark damit, dass die Drachme zurückkehrt. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wird es so sein, dass die Wirtschaft dann erstmal zusammenbricht.

Drohen katastrophale Zustände? 

Frimmel: Auf dem Nährboden, wo die rote Saat ausgesät wird, kann das eine Katastrophe geben. Die griechische Bevölkerung interessiert es überhaupt nicht. Das ist ganz traurig. Das sieht man daran, dass nur 60 Prozent zur Wahl gegangen sind. Sie gehen lieber zum Strand. Wir machen uns mehr Sorgen als die Griechen.

Wie begegnen Ihnen die Griechen? 

Frimmel: Freundlich und nett. Wir sagen, so gelassen wie immer. Andere sagen, die sind arrogant. Und wieder andere sagen, die sind politikmüde. Gefährlich ist das auf jeden Fall. Sie sehen es stressfrei, nach dem Motto: Die Welt dreht sich weiter. Aber wir bekommen langsam doch Stress.

Zur Person:

Ingeborg Frimmel (65) aus Wolfhagen hat seit zehn Jahren ein Haus in Koroni. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Die 65-Jährige war viele Jahre Geschäftsführerin der Nagelkosmetik-Kette „Catherine“

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