Interview mit Arye Sharuz Shalicar

Antisemitismus in Deutschland: „Bei mir war das lebensbedrohlich“

Schriftsteller Arye Sharuz Shalicar
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Arye Sharuz Shalicar.

Anfeindungen gegen Juden sind in Deutschland trauriger Alltag. Darüber sprachen wir mit dem aus Göttingen stammenden Autor Arye Sharuz Shalicar.

Herr Shalicar, in Ihrem Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ schildern Sie die extrem unangenehmen Erfahrungen, die Sie als Jugendlicher machen mussten, nachdem Sie sich durch eine Kette mit dem Davidstern als Jude erkennbar gemacht hatten. Gil Ofarim erlebte nach eigenen Angaben Ähnliches. Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Ich wurde ja wegen meinem Davidstern in den 90er Jahren von jungen Muslimen in Berlin schwer angefeindet, wurde mehrmals auch richtig körperlich angegriffen bis an den Rand der Lebensgefahr. Gil Ofarim geschah das glücklicherweise nicht; weil er aber ein bekannter Künstler ist, regen sich jetzt viele auf. Ehrlich gesagt: Ich nehme vielen Menschen diese Empörung leider nicht ab. Die Einzelheiten des Vorfalls in Leipzig sind ja noch nicht aufgeklärt, aber auch unabhängig davon haben wir mit dem Thema Jüdisch-Sein in Deutschland wahrscheinlich immer noch ein riesiges Problem. Es kommt von rechter Seite, von links und von Migranten.
Sie waren ja als Jugendlicher mit den Anfeindungen allein auf sich gestellt. Gil Ofarim beklagt sich öffentlich. Finden Sie das richtig?
Ja. Ich glaube auch, dass es unter jüngeren Juden in Deutschland immer weniger Bereitschaft gibt, solche Erlebnisse nur mit sich selbst auszumachen. Als ob das irgendwie ein selbst verschuldetes Problem wäre. Ich werde seit meiner Auswanderung nach Israel oft an deutschen Schulen eingeladen und habe einige deutsche Freunde. Mein Eindruck ist auch aus vielen Zuschriften, dass meine Geschichte vielen Juden in Deutschland Mut und Motivation gibt, sich zu wehren, sich nicht für das zu schämen, was und wer man nun einmal ist.
Sie selbst sind nach einem langen inneren Prozess, den Sie in Ihren Büchern schildern, nach Israel ausgewandert. Wie kann ein junger deutscher Jude auf antisemitische Anfeindungen reagieren?
Bei mir war das lebensbedrohlich. Vielleicht selbst getötet zu werden oder die Drohung, dass Geschwister getötet würden, nur weil sie jüdisch sind, war in meiner migrantischen Community im Wedding meine Situation, als ich zwischen 15 und 18 war. Ich war alleine damit. Ich habe mich unter Muslimen als Jude gefühlt, unter Deutschen als Kanake, und in der jüdischen Gemeinde war ich das schwarze Schaf, eine Art Krimineller aus dem Wedding halt. Bei mir kam viel Extremes zusammen. Andere Juden in Deutschland haben es vielleicht einfacher.
Die Mitarbeiter des Leipziger Hotels haben auf die Kritik Ofarims reagiert, indem sie israelische Flaggen mit dem islamischen Symbol von Halbmond und Stern kombinierten. Wie finden Sie das?
Die Mitarbeiter haben das sicher gut gemeint. Das ehrt sie. Die Aktion zeigt aber auch, wie verbreitet eine völlig Ahnungslosigkeit über jüdisches Leben in Deutschland ist. Als ob es hier keine jungen Juden gäbe, zum Beispiel Zwanzigjährige, die in Deutschland geboren sind wie Millionen andere Menschen auch und sich mit genau demselben Recht deutsch fühlen. Einen Juden in Deutschland gleichzusetzen mit Israel – das ist schon allein für sich genommen ein Schmarrn. Es verfehlt krass die gelebte Wirklichkeit.
Offenbart die Aktion der Hotelmitarbeiter, wie eng Antisemitismus und Israel-Kritik zusammenhängen? Nach dem Motto: Ach, Sie sind Jude? Ich habe aber doch nichts gegen Israel…
Darüber schreibe ich in meinem Buch „Der neu-deutsche Antisemit“. Wie kann es nämlich sein, dass der Duden zwar das Wort „israelkritisch“ kennt – aber nicht „deutschlandkritisch“ oder „palästinenserkritisch“ oder meinetwegen auch „norwegenkritisch“? Für mich ist das ein klarer Hinweis, dass die angeblich nur auf die Politik zielende „Israel-Kritik“ oft nur die intellektuellere Art ist, den eigenen Antisemitismus zu legitimieren. Damit kann man in bestimmten Kreisen in Deutschland, auch unter Kulturschaffenden, bejubelt werden. Und ich betone: Leider gibt es nicht wenige Juden, darunter auch aus Israel stammende, die da mitmachen, um in Deutschland Erfolg zu haben.
Was unterscheidet den deutschen Antisemitismus von dem migrantischer Herkunft, den Sie erlebt haben?
Der deutsche Antisemtismus aus der linken Szene begegnet oft als „Isreal-Kritik“, auch etwa in Form der Boykott-Israel-Bewegung „BDS“. Der deutsche Antisemitismus von rechts begegnet meist pöbelnd auf der Straße. Über den Vorgang in Leipzig wissen wir noch zu wenig, um ihn einordnen zu können. Der migrantische Antisemitismus ist demgegenüber viel gewalttätiger, so etwa wie vor zwei Wochen in Hamburg, wo ein 60-jähriger Jude bei einer Mahnwache von einem jungen Syrer krankenhausreif geprügelt wurde. Diese Art des Antisemitismus habe ich in meiner Jugend erlebt.

Zur Person

Arye Sharuz Shalicar(44) ist ein deutsch-iranisch-israelischer Schriftsteller. Er ist in Göttingen geboren und in Berlin aufgewachsen. Der Vater von zwei Kindern lebt mit seiner Familie in der Nähe von Tel Aviv. Bekannt wurde er 2010 mit seinem unlängst verfilmten Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude: Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde“. Gerade erschienen: „1000 Weisheiten, um das Leben zu meistern: Selbst wenn du aus dem Ghetto stammst“.

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