Heinrich Severloh schoss am „Omaha Beach“ bis zu 2000 Amerikaner nieder, David Silva verletzte er schwer

Invasion in der Normandie vor 70 Jahren: Um Vergebung hat er nie gebeten

Er hat schon stundenlang Menschen erschossen, mit dem MG 42, genannt Hitlersäge, bis 1200 Schuss in der Minute. Nicht zu früh schießen, hat der Oberleutnant gesagt, am besten, wenn sie noch im Wasser sind. Hein Severloh sieht, wie sich nach und nach der ganze Strand rot färbt, bis ins Wasser.

Einige Amerikaner verkriechen sich hinter Panzersperren und Betonblöcken. Bei Ebbe schießt er bis zu 600 Meter weit, bei Flut, die an der Böschung zum Vorstrand immer mehr Leichen aufhäuft, auf 150 Meter.

Es ist schaurig, es gibt auch Pausen. Dann raucht Severloh mit zitternden Händen, und der Lauf kühlt ab. Wenn er sie nicht tötet, dann werden sie es mit ihm machen. Aber Hein Severloh will leben. Er ist doch erst 20. Er will kein Feigling sein. „Ich hatte keine Wahl“, wird er später sagen.

Er schoss einen Tag lang mit dem Maschinengewehr Menschen tot. Dann entkam er den anstürmenden US-Soldaten im letzten Moment: Der damals 20-jährige Wehrmachts-Gefreite Heinrich Severloh (1923-2006) aus der Lüneburger Heide.

US-„Privat“ (Gemeiner) David Silva (19) ist MG-Munitionsträger. Im Landungsboot haben welche gekotzt. Die ersten seiner Kameraden werden noch im Boot erschossen. Als er rausspringt, ersäuft er fast.

Severloh oben in seinem Laufgraben hat 12 000 Schuss MG-Munition. Ein Feldwebel bringt immer wieder neue. Als der nicht mehr kommt, verfeuert Severloh die Leuchtspurmunition. Jetzt schießen sich die Amerikaner auf ihn ein. Einmal reißt eine Kugel das Korn von seinem MG weg und schleudert es ihm unters Auge, das sofort zuschwillt. Severloh macht weiter.

Ein Granattreffer, abgefeuert vom US-Zerstörer „Frankford“, reißt sein MG weg. Er holt es sich wieder. Dann feuert er mit dem Karabiner. Mit dem sieht er besser, ob er seine Opfer wirklich trifft, oder ob sie sich nur tot stellen.

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Noch im Wasser wird David Silva getroffen, zweimal, am Rücken und am Bein. Der Sohn portugiesischer US-Einwanderer robbt durch Blutschlamm hinter die Böschung. Er hat Gott versprochen, Priester zu werden, wenn er das überlebt. Neben ihm wird einem in den Kopf geschossen.

Seit halb sieben feuert Severloh. Bis zum Mittag sind die meisten deutschen Stellungen an der Küste gefallen, die Verteidiger tot, verwundet, gefangen. Aber Severlohs „Widerstandsnest 62“ funktioniert. 41 Mann.

Heinrich – Hein – Severloh, der Bauernsohn aus der Lüneburger Heide, der schon in Russland als Meldereiter war, sagt, was er denkt und tut, was er sagt. Deswegen musste er im Osten strafexerzieren, so lange, bis er krank wurde und jetzt hier ist, genau oberhalb von „Omaha Beach“, wie die ganze Welt diesen Strand bald nennen wird. Hauptaufgabe von WN 62 ist, das Feuer der 4,5 Kilometer entfernten deutschen Haubitzen zu lenken.

Er wurde durch Heinrich Severlohs Schüsse verletzt: GI David Silva, damals 19 (1925-2009) aus Cleveland/Ohio. Beide Männer trafen sich 2005 am selben Ort, wo diese Fotos entstanden (die kleinen Fotos sind aus der Kriegszeit).

Erst gegen 15.30 Uhr gibt der Oberleutnant den Befehl zum Rückzug, er selbst fällt wenig später durch Kopfschuss. Severloh nimmt den Finger vom Abzug und rennt. Deckung findet er in den Bombentrichtern vom Morgen. Hinter ihm liegen über dreitausend Tote am Strand. An die zweitausend davon hat er erschossen. Noch in der Nacht wird er gefangen genommen, ein paar Kilometer entfernt.

1947 kommt Hein Severloh aus der Gefangenschaft. Er wird auf dem Hof gebraucht, heiratet, wird Vater von vier Kindern und träumt jahrelang von dem langen Amerikaner, der ganz allein da unten steht. Der Schuss aus Severlohs Karabiner trifft ihn ins Gesicht. Der Helm fliegt in hohem Bogen fort, trudelt über den Sand, wird von Wellen überspült, dann geht der Mann in die Knie und fällt vornüber.

In den Sechzigern liest Severloh „Der längste Tag“ von Cornelius Ryan. Darin erinnert sich David Silva, den MG-Schützen gesehen zu haben, der auf ihn schoss. „Die Bestie von Omaha Beach“, wie die Zeitungen schreiben.

Severloh findet Silva bei der US-Army in Karlsruhe, wo der Amerikaner mittlerweile Militärpfarrer ist. Die Männer schreiben sich Briefe. Als Severloh und Silva sich 2005 am „Omaha Beach“ wiedertreffen, arrangiert von Spiegel TV (siehe rechts) weint der Deutsche. Der Amerikaner ergreift seine Hände und tröstet ihn. Silva: „Um Vergebung hat er nie gebeten.“

Von Tibor Pézsa

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