Christoph Günther: „Bereit, moralische Grenzen zu überschreiten“

Islamexperte sieht hinter Grausamkeit der Terrormiliz IS handfeste Interessen

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Krieg, Kampf, Terror: Der Irak droht zu zerfallen, wenn es nicht gelingt, die islamistische Terrormiliz IS zu stoppen. Unser Bild zeigt Elitesoldaten des irakischen Staats bei einer Vorführung nach ihrer Ausbildung im zentralirakischen Kerbela. Foto: dpa

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 4000 Gefangene in Syrien in ihrer Gewalt, darunter rund 20 Amerikaner und Europäer. Über die Grausamkeit der Miliz und ihre Chancen sprachen wir mit dem Islamwissenschaftler und Irak-Kenner Dr. Christoph Günther.

Wieso ist der „Islamische Staat“ grausamer als alles, was wir bisher kannten? 

Christoph Günther: Das leitet sich aus einer strategischen Notwendigkeit ab. Die Gruppe hat in den zehn, elf Jahren ihres Bestehens gelernt, dass sich ihre Brutalität gegen Muslime wie auch gegen westliche Staatsangehörige auszahlt. Mit jedem Mord ist das Signal verbunden: Wir sind in der Lage, uns überall durchzusetzen und unsere Gegner zu bestrafen.

Aber wenn schon Al Quaida und der saudische Großmufti vor dem IS warnen: Schaden die Islamisten mit ihren Gräueltaten nicht langfristig dem politischen Islam insgesamt? 

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Günther: Selbstverständlich. Diese Gruppe versteht sich selbst jedoch als kämpferische Elite, die bereit ist, für ihre Ziele moralische Grenzen zu überschreiten, die andere einhalten. Es ist ein interessanter Widerspruch innerhalb der Bewegung, dass sie einerseits als islamischer Staat alle Bevölkerungsschichten vertreten will, aber anderseits auf niemanden Rücksicht nimmt, weil ihre Wahrheit ja unargumentierbar feststeht.

Wie müssen wir den Erfolg der Miliz verstehen – als Krisensymptom oder als neue furchterregende Kraft im politischen Islam? 

Günther: Als Krisensymptom. Der arabische Frühling ist weitestgehend tot. Da sind viele Pflänzchen der Hoffnung zertreten worden, welche diese Entwicklung hätten verhindern können. Mit Blick auf den Irak muss man aber auch an einen der größten amerikanischen Fehler erinnern.

Welchen?

Günther: Ich meine den Fehler, dass dort 2003 von der amerikanischen Administration eine Regierung wesentlich aus Exil-Oppositionellen eingesetzt wurde, die keinerlei Machtbasis im Land hatte. Die Ernte dieser letzten zehn Jahre fahren wir jetzt ein.

Ist das Auftreten des IS nicht auch Ausdruck einer religiös-kulturellen Zerrissenheit des Irak? 

Günther: Ich halte es für wichtiger zu sehen, dass es hier eher um einen machtpolitischen Konflikt mit handfesten wirtschaftlichen Interessen geht. Das ist ein Machtkampf, der ins Religiöse übersetzt wird. Auch dem IS geht es im Wesentlichen um weltliche Macht.

Welche Rezepte empfehlen Sie gegen den IS? 

Günther: Ich würde empfehlen, jenen moderaten Stimmen eine politische und öffentliche Bühne zu bieten, die es in der islamischen Welt durchaus gibt. Aber es scheint, als ob es allein schon für die Medien interessanter ist, stets die Gegensätze, das Radikale, das Extreme abzubilden. Es gibt etwa im Irak und in den Golfstaaten auch sunnitische Gelehrte, die sich schon früh theologisch fundiert gegen Al Quaida und andere Radikale geäußert haben. Es liegt in unserem Interesse, diese Kräfte zu unterstützen.

Also Bildung und ökonomische Perspektiven.

Zur Person 

Dr. Christoph Günther (32) ist Islamwissenschaftler an der Universität Leipzig. Die Dissertation des gebürtigen Dresdners mit dem Titel „Ein zweiter Staat im Zweistromland?“ ist in diesem Jahr im Ergon-Verlag erschienen.

Günther: Na klar. Zumindest letztere bietet auch der IS. Was soll denn ein irakischer Polizist tun, wenn er entlassen wurde, nur weil er Sunnit ist? Und jetzt kann er 100 Dollar im Monat nach Hause bringen, wenn er bei dem IS mitmacht? Wenn man es schafft, auch hier nicht nur Versprechungen zu machen, sondern Alternativen anzubieten, dann könnte die Koalition der sunnitischen Stämme mit dem IS relativ schnell auseinanderbrechen.

Und welche Gegenmittel gegen die radikalen Islamisten empfehlen Sie im Westen? 

Günther: Mir scheint, dass hier psychologische Mechanismen eine wesentliche Rolle spielen. Eine Erklärung liegt doch recht nahe: die Perspektivlosigkeit von Einwanderern und ihren Kindern. Geben wir ihnen Alternativen.

Von Tibor Pézsa

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