Fragen und Antworten: Vormarsch der Miliz weckt globale Ängste vor Anschlägen

„Islamischer Staat": Kalifatkämpfer verbreiten Terror

+
Angst und Wut im Kurdengebiet des Irak: Jesiden protestierten vor UN-Büros in der Stadt Erbil gegen die Verfolgung ihrer Glaubensgemeinschaft durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Dabei zeigten sie Fotos von getöteten Kindern. Ob diese Fotos tatsächliche Geschehnisse zeigen, ist unklar.

Der Machtbereich der sunnitischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) wird größer. Auch in der Kurdenregion im Irak gibt es inzwischen Kämpfe. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

? Wie ist zurzeit die Situation im Irak? 

Die irakische Armee hatte den IS-Kämpfern bisher nur wenig entgegenzusetzen. Sie kontrolliert allerdings noch einen Ring um die Hauptstadt Bagdad. Die IS geht mit äußerster Grausamkeit vor. Die Dschihadisten kontrollieren vor allem Gebiete im Norden und Westen des Irak. Sie sollen auch den größten Staudamm des Landes bei Mossul erorbert und damit die Kontrolle über die Wasser- und Stromversorgung weiter Landesteile erlangt haben.

? Was geschieht in der Kurdenregion? 

Die IS, die bereits die Stadt Mossul am Rand des autonomen Kurdengebiets im Irak eingenommen hat, kämpft auch gegen die Kurden. Bisher galten die kurdischen Peschmerga-Einheiten als Garant für eine Verteidigung der Kurden-Region und der dortigen Ölfelder. Doch Ende der vergangenen Woche mussten sie Gebiete preisgeben. Es kam zu einer Massenflucht.

Mit der Hilfe irakischer Regierungstruppen versuchen die kurdischen Kämpfer, die auch von Kurden der PKK aus der Türkei sowie aus dem Iran unterstützt werden, Gebiete zurückzuerobern. Seit gestern werden die Kurden auch von der US-Luftwaffe unterstützt (siehe Artikel oben auf dieser Seite).

? Wie steht es um die Flüchtlinge? 

Lesen Sie auch

Obama ordnet Luftangriffe gegen Islamisten an

Beobachter sprechen von einer humanitären Tragödie. Allein in der vergangenen Woche seien 200 000 Menschen im Irak aus dem Raum Mossul vor der IS geflohen. Die Terrormiliz verfolgt sogenannte Ungläubige. Das schließt nach ihrer Ideologie Schiiten, Kurden, Jesiden und Christen ein. Sie werden zum Konvertieren gezwungen, in die Flucht getrieben oder getötet.

Vor allem die Jesiden, eine religiöse kurdische Minderheit, sind derzeit in Gefahr. In der Region Erbil waren Tausende in eine Bergregion geflohen. Aus türkischen Hubschraubern und US-Frachtmaschinen wurden Hilfspakete abgeworfen. Gestern wurde berichtet, ein Teil von ihnen habe von kurdischen Soldaten gerettet werden können.

Im Internet kursieren Dutzende Videos von Hinrichtungen. Die IS lässt Menschen öffentlich aufhängen, kreuzigen, erschießen oder auspeitschen. In den Gebieten der IS müssen sich Frauen voll verschleiern. Es gab Berichte, die IS-Führung hätte die Beschneidung von Frauen angeordnet.

? Was geht im Bürgerkriegsland Syrien vor? 

In Syrien soll die IS ein Drittel des Landes kontrollieren. Sie hat zudem die Grenze zwischen Syrien und Irak für aufgehoben erklärt und ein Islamisches Kalifat ausgerufen; also ein Gottesreich, das bestehende Staaten ignoriert und sich auf die Nachfolge des Propheten Mohammed beruft. Nach islamischer Überlieferung kann ein Kalifat auf Dauer nur bestehen, wenn sich alle Stämme einem führenden Clan unterordnen.

Die IS erhebt diesen Führungsanspruch unter den Sunniten. Es gab Berichte, wonach sich in Syrien die ehemals rivalisierende Al-Nusra-Front, die eine ebenfalls sunnitische extremistische Organisation ist, der IS untergeordnet hat. Die Al-Nusra-Front steht der Al-Qaida nahe, die einst von Osama bin Laden angeführt wurde. Beide kämpfen in Syrien gegen das alawitische Assad-Regime. Die Alawiten sind eine schiitische Sekte.

? Wie positioniert sich die Bundesregierung? 

Die Bundesregierung hat 2,9 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe im Irak zur Verfügung gestellt. Das Außenministerium spricht von einer „neuen Dimension des Schreckens“. Von einer Einmischung im Irak ist aber offiziell nicht die Rede: Eine Aufrüstung etwa der kurdischen Einheiten wäre der falsche Weg. Allein militärisch sei die IS nicht zu besiegen. Im Irak müssten politische Bedingungen geschaffen werden, damit den sunnitischen Extremisten die Unterstützung der sunnitischen Bevölkerungsteile entzogen werden kann. Deshalb müssten sich die Parteien in Bagdad auf eine Regierung verständigen, an der alle ethnischen und religiösen Gruppen beteiligt werden.

Die Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit im Irak. Nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein und dem Abzug der USA hat die schiitische Regierung die Minderheit der Sunniten von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen. Ministerpräsident Nuri al-Maliki scheint daran nichts ändern zu wollen. Die jahrelang erlebte Diskriminierung wird als Grund dafür angesehen, dass die Sunniten das Vorgehen der IS unterstützen oder weitgehend dulden.

? Wie läuft die Debatte in den USA zur Bedrohung durch die Miliz „Islamischer Staat“? 

Politische und militärische Analysten in den USA sehen die Bedrohung durch die IS nicht mehr nur für die arabische Welt, zum Beispiel für die Golfstaaten, sondern auch für Israel und schließlich Amerika selbst. Denn die Dschihadisten der IS stellten eine globale terroristische Gefahr dar. Die oppositionellen Republikaner drängten US-Präsident Obama zu reagieren, vor allem um die Verfolgung von Zehntausenden Christen im Irak zu stoppen.

Stichwort: Kalifat

Das Kalifat ist der Machtbereich des weltlichen und religiösen Herrschers in der islamischen Welt. Der Kalif (arab.: khalifatu rasuli llah = Nachfolger des Gesandten Gottes) ist nach historischer Überlieferung verantwortlich für die Verteidigung und Vergrößerung des Herrschaftsgebietes, die Verteilung von Kriegsbeute und Almosen sowie die Kontolle der Regierung. Er überwacht den Glauben, erlässt Gesetze und setzt die Scharia, das islamische Recht, durch. Das Kalifat entstand nach dem Tod des Propheten Mohammed (632 n. Chr.) Die ersten vier Nachfolger gelten den Sunniten als die "rechtgeleiteten" Kalifen. (jsc)

Hintergrund: Gemeinschaft der Jesiden

Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus dem Irak, Syrien, der Türkei und dem Iran. Die Jesiden sind Kurden und leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen der jahrelangen Unterdrückung vor allem im Irak sind viele Anhänger dieser eigenständigen monotheistischen Religion ins Ausland geflohen. Weltweit soll es rund 500.000 bis 800.000 Jesiden geben. Die Gemeinde in Deutschland zählt nach Angaben des Zentralrats der Jesiden rund 60 000 Menschen. Viele Muslime betrachten die Glaubensgemeinschaft Jesiden als "Teufelsanbeter". Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) erklärte gestern: Die Terroristen der Organisation Islamischer Staat machten "Jagd auf die Menschen". (dpa)

Von Jörg S. Carl

 

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.