Islamwissenschaftler zur Radikalisierung: „Religion oft zweitrangig“

Wenn muslimische Mädchen plötzlich mit Kopftuch zu Schule kommen, sind Lehrer oft unsicher. Der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch meint, Prävention beginne damit, sich mehr mit der Lebenswirklichkeit muslimischer Jugendlicher zu beschäftigen. Foto: dpa

Schon auf den Schulhöfen werden junge Muslime für den Dschihad angeworben. Wie können Lehrer die drohende Radikalisierung erkennen? Der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch vom Verein ufuq.de meint, wichtig sei, frühzeitig auf Bedürfnisse von Jugendlichen einzugehen.

Herr Nordbruch, Schüler haben plötzlich lange Bärte, Mädchen tragen nach den Ferien Kopftuch. Sie bieten Fortbildungen für Lehrer an, was raten Sie in der Situation?

Götz Nordbruch: Man muss klären, ob es überhaupt eine religiöse Dimension gibt oder ob es vor allem ein jugendtypisches Protestverhalten ist. Natürlich sind Lehrer angesichts der aktuellen Entwicklung verunsichert. Aber auch früher haben Jugendliche die Provokation gesucht. Mit Piercings kann man heute niemanden mehr schocken, mit langem Bart schon.

Was raten Sie Lehrern? 

Nordbruch: Wir wollen ihnen vermitteln, dass sie ihre eigenen Maßstäbe entwickeln, um Grenzen zu ziehen.

Können Sie das konkreter beschreiben? 

Nordbruch: Wenn eine 14-Jährige plötzlich mit Kopftuch erscheint, muss ich erst einmal fragen, wo das eigentliche Problem liegt. Es geht ja nicht darum, ob einer für oder gegen das Kopftuch ist. Problematisch wird es erst, wenn das Mädchen andere ohne Kopftuch beispielsweise als Schlampen bezeichnet.

Beginnt nicht da für viele Lehrer das Problem? 

Nordbruch: Sie müssen dann intervenieren - aber nicht, indem sie gleich die Polizei rufen. Sie müssen vielmehr darüber sprechen, wo religiöse Überzeugungen ihre Grenzen haben.

Wer sich selbst mal fragt, wie er sich im Alter von 14 verhalten hat, ist ganz schnell weg vom Dschihad und bei der Frage, was ein Mädchen in diesem Alter bewegt, sich plötzlich auffällig zu kleiden.

Hilft das schon gegen den Einfluss der Salafisten auf junge Muslime?

Nordbruch: Es gibt rund 6000 Salafisten in Deutschland, aber die zehnfache Zahl an Fans der entsprechenden Seiten auf Facebook. Der Grund dafür ist, dass Prediger wie Pierre Vogel die Sprache der Jugendlichen sprechen. Sie haben einfache Antworten, die die jungen Leute in den meisten Moscheen nicht bekommen. Die Salafisten bieten Seminare an, in denen es vor allem auch um Gemeinschaftserlebnisse geht. Das Religiöse ist oft zweitrangig.

Die eigentliche Präventionsarbeit beginnt also viel früher? 

Nordbruch: Ja, Jugendliche müssen mitgestalten können und Schule muss Entscheidungen zu bestimmten Fragen transparent machen. Das ist keine sicherheitspolitische, sondern eine pädagogische Frage. Wenn muslimische Jugendliche einen Gebetsraum fordern, müssen sie das begründen, genauso muss eine Schule begründen, warum sie ihn vielleicht ablehnt. Man muss sie ernst nehmen, ihren Blickwinkel einnehmen.

Kann es sein, dass Schule heute zu viele gesellschaftliche Probleme lösen soll? 

Nordbruch: Natürlich gibt es noch viele andere Themen, die Fortbildung erfordern, zum Beispiel die Inklusion. Aber Schule ist nun einmal der Ort, an dem die Jugendlichen sind. Deshalb sollte sich deren Lebenswirklichkeit auch im Unterricht abbilden. Etwa, indem man Migrationsbiografien thematisiert oder sich mit den Herkunftsländern der Schüler befasst.

Ist das so schwierig? 

Nordbruch: Lehrer scheuen das Thema Religion, wenn sie selbst nicht religiös sind. Dabei kann man einfach mit den Schülern darüber reden, wie sie sich informieren, welche Quellen sie nutzen usw. Das gilt auch für politische Konflikte. Man muss deshalb als Lehrer keine Lösungen präsentieren und auch keine Klassenarbeit dazu schreiben.

Hilft auch islamischer Religionsunterricht an Schulen? 

Nordbruch: Das ist ein wichtiger Baustein. Viele Radikalisierte sind aber Konvertiten. Für sie sind weniger die religiösen Fragen entscheidend als die Perspektiven, die Jugendliche in der Gesellschaft haben.

Zur Person

Götz Nordbruch (40), geboren im niedersächsischen Delmenhorst, studierte in Marburg, Kairo und Berlin und promovierte an der Humboldt-Uni Berlin über die deutsch-arabischen Beziehungen. Der Islamwissenschaftler lebt in Berlin. Er hat sich unter anderem mit internationaler Schulbuchforschung beschäftigt und ist in der politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen tätig.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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