Islamwissenschaftlerin Krämer

"Arabische Welt ist gegen Staat ohne Religion"

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Anhänger der Muslimbruderschaft demonstrieren in Ägypten (Archivbild).

Münster - In arabischen Ländern lässt sich eine konsequente Trennung von Religion und Staat nach wissenschaftlicher Einschätzung derzeit nicht durchsetzen.

Das säkulare Prinzip werde längst nicht nur von islamistischen Kräften weithin abgelehnt, sagte die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer beim Deutschen Orientalistentag (DOT) an der Uni Münster. Bei dem bis Freitag dauernden Kongress präsentieren rund 1.300 Forscher aus aller Welt neue Ergebnisse.

Wer sich in Ländern des Arabischen Frühlings oder im Iran für Säkularität als Weg zur gesellschaftlichen Befriedung einsetze, finde bislang keine Mehrheit, so die Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. „Die Trennung von Religion und Politik wird von vielen mit Atheismus assoziiert. Und wer gottlos ist, hat weder Werte noch Anstand“, sagte Krämer.

Faktisch ließen sich in Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur und Bildung längst „reale Prozesse der Säkularisierung“ in arabischen Gesellschaften feststellen, sagte die Wissenschaftlerin. Doch gebe es Widerstände dagegen. Denn Säkularismus werde als Ideologie autoritärer Regierungen verstanden, die ihn gewaltsam gegen die eigene Gesellschaft durchsetzen. Als Beispiele werden die Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), Tunesien unter Habib Bourguiba (1903-2000) und Irak unter Saddam Hussein (1937-2006) angeführt.

Ägypten am Abgrund - Chronologie der Zeit nach Mursi

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Muslime in Saudi-Arabien, Ägypten oder den Golfstaaten seien sich weitgehend einig, dass der Islam im öffentlichen Raum Regeln setzen solle und alle Gläubigen ihre Zugehörigkeit zu ihm durch entsprechende Lebensführung sichtbar machen sollten. „Doch wenn islamistische Kreise konsequent auch das Privatleben regulieren wollen, erregen sie den Unwillen selbst frommer, praktizierender Muslime“, so Krämer. „Diese verurteilen zwar Alkohol, Homoerotik und Prostitution, wollen aber nicht ständig von Sittenwächtern zur Ordnung gerufen werden.“

Weiter verwies die Professorin auf das Internet, das die Grenze zwischen privat und öffentlich fließen lasse. „Soziale Netzwerke eröffnen Muslimen im Schutz der Cyber-Anonymität Räume für Inhalte, die im öffentlichen Diskurs nicht geduldet werden.“ Die Frage laute nun, ob Muslime in den betreffenden Staaten das säkulare Prinzip als legitimes und erstrebenswertes Instrument zur Organisation ihrer Gesellschaften sehen, so Krämer.

KNA

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