Versicherer wehren sich

Für Senioren teuer: 76-Jähriger sollte das Doppelte für neue Kfz-Police zahlen

Schlimme Unfälle mit Beteiligung älterer Menschen: Was im Einzelfall passiert ist und welche Folgen der jeweilige Unfall hatte, lesen Sie unten. Fotos: dpa

Kassel. Norbert Schmidt (Name geändert) aus dem Landkreis Kassel wollte im Juli ein neues Auto bei seiner langjährigen Kfz-Versicherung anmelden. Bisher zahlte er 245 Euro im Halbjahr für die Vollkaskoversicherung. Plötzlich wollte sie aber 430 Euro von ihm haben – wegen seines Alters.

Das Auto war neu, aber wie das alte ein Van von Ford. Auch die Schadensfreiheitsklasse und seine Lebensumstände hatten sich nicht verändert.

„Von hinten durch die kalte Küche“ habe er plötzlich fast das Doppelte zahlen müssen. Es sei keine Vorwarnung per Post gekommen, nichts. „Das ist nicht in Ordnung“, sagt Schmidt. Er machte sich schlau, fragte acht weitere Versicherungen nach ihren Kfz-Policen – und war verblüfft: Egal ob bei der WWK-Versicherung*, Allianz, Signal Iduna oder Huk Coburg – um nur einige zu nennen – alle hätten ihm eine Police zwischen 430 und 450 Euro errechnet.

Nachdem er sich beschwert hatte, bekam Schmidt Besuch von einem Versicherungsagenten, der ihm bestätigte, dass er einen Seniorenzuschlag zahlt. „Er tat erst sehr ungläubig“, sagte Schmidt. Nach längerem Gespräch habe er seinen Computer aufgeklappt und den 76-Jährigen zehn Jahre jünger gemacht. Der Preis für die Kfz-Police sprang zurück auf die alte Summe, 245 Euro.

„Diese Erhöhung von fast 100 Prozent halten wir für zu hoch“, sagte Martin Oetzmann, Sprecher des Bundes der Versicherten. „Ähnliche Fälle sind uns aber nicht bekannt“, sagte Oetzmann, der Zuschläge grundsätzlich für gerechtfertigt hält. Bei Schmidt könne die Hochstufung auch daran gelegen haben, dass er mit seinem Neuwagen in eine andere Typenklasse gerutscht sei. „Selbst bei minimalen Veränderungen beim Auto, etwa der Motorleistung, verändert sich die Typenklasse.“

Gegen den Vorwurf, sie würden Senioren abkassieren, wehren sich die Versicherer. „Einen gleichbleibenden Seniorenzuschlag erhebt die Signal Iduna nicht“, sagte Claus Rehse, Versicherungssprecher. „Bei unserem Kfz-Tarif handelt es sich um einen sogenannten Scoring-Tarif. Das bedeutet, dass das Alter als Risikofaktor nur eines von vielen Tarifmerkmalen ist, die sich abhängig vom individuellen Risiko auf den Beitrag auswirken.“

Auch die Huk Coburg verneint, einen Seniorenzuschlag zu erheben. Doch natürlich schwanke das Unfallrisiko im Lebenszyklus, so Unternehmenssprecher Holger Brendel. „Die Versicherer wollen dieses Thema klein halten, um unangenehme Diskussionen zu vermeiden“, sagt Oetzmann. Fair und nachvollziehbar sei das aber nicht.  

*Die WWK-Versicherung hat uns nicht geantwortet.

Von Nina Nickoll

 

Senioren: Als Fußgänger gefährdet, am Steuer eher gefährlich

• „Als Radfahrer und Fußgänger sind ältere Menschen überwiegend gefährdet, als Autofahrer eher gefährlich“, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

• Ab dem 75. Lebensjahr geht von Autofahrern eine statistisch deutlich erhöhte Gefährdung aus: Zahl und Schwere selbstverursachter Unfälle nehmen deutlich zu. Senioren fallen laut UDV vor allem als Unfallversacher auf, wenn sie weniger als 3000 Kilometer jährlich fahren.

• Rasen, Alkoholfahrten oder Drängeln auf der Autobahn nehmen im Alter deutlich ab, am häufigsten ist Missachtung von Vorfahrtsregeln.

• Weil sich mit Umbau der Alterspyramide die Zahl autofahrender Senioren bis in zehn Jahren verdoppeln wird, müssen Probleme debattiert werden, sagt Brockmann.

• Körperliche Gebrechen, schlechteres Hören/Sehen, Einschränkungen durch Medikamente, langsamere Reaktion sind riskant.

• Der UDV rät deshalb zu regelmäßiger Sehtestpflicht - für alle Autofahrer. (wrk)

Immer wieder sind ältere Fahrer in Unfälle mit dramatischem Ausgang verwickelt – Eine kleine Auswahl

Die Unfälle, die unsere Collage oben zeigt, werden hier im Uhrzeigersinn von links erklärt:

1. Mit dem Auto aus Parkhaus gestürzt:  Eine 66-Jährige stürzt 2011 in Hamburg mit ihrem Automatik-BMW aus dem Mundsburg-Einkaufszentrums zehn Meter tief und wird lebensgefährlich verletzt. Aus unbekannten Gründen durchbricht sie eine 80 Zentimeter hohe Betonmauer im zweiten Obergeschoss. Das Auto landet auf der Rückseite des Einkaufszentrums auf dem Dach.

2. In ein Café gerast:  Eine 80-Jährige fährt 2009 in Hildesheim in ein Café in der Innenstadt, zwei Jugendliche werden verletzt. Die Unfallursache ist unklar.

3. Frontalzusammenstoß mit Bus: Bei dem Unfall in der Nähe von Daldorf (Kreis Segeberg) kommt ein 70-Jähriger 2002 ums Leben. Seine 65-jährige Ehefrau und seine beiden Enkelkinder werden schwer verletzt. Das Auto schert aus ungeklärter Ursache aus und gerät auf die Gegenfahrbahn. Der entgegenkommende Bus kann nicht mehr bremsen.

4. In Menschen gerast: In Augsburg (Schwaben) missachtet ein 87-Jähriger 2007 eine rote Ampel und fährt ungebremst in eine Fußgängergruppe. Drei Menschen werden erfasst und lebensgefährlich verletzt.

5. Unfall mit Schulbus: Ein 80-Jähriger prallt 2007 in Pemfling (Bayern) mit seinem Fahrzeug gegen einen voll besetzten Schulbus und kommt ums Leben. Fünf Menschen werden verletzt. Schlimmer endet ein Unfall in Bayern 2009: Ein 81-Jähriger rast mit seinem Auto in eine Fußgängergruppe. Eine Frau stirbt bei dem Unfall. (nni)

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