So geschwächt wie jetzt war sie noch nie

10 Jahre Bundeskanzlerin: Jetzt ist schwierigste Zeit für Angela Merkel

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Angela Merkel

Berlin. So geschwächt wie jetzt war sie noch nie: Ihre eigene Partei macht Kanzerlin Angela Merkel das Leben schwer. Langsam gerät sie mit ihrer Flüchtlingspolitik ins Wanken.

Die Fülle der Probleme ist es nicht, die 2015 für Angela Merkel so schwer machen. Sie hat in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft - am Sonntag ist das Jubiläum - schon einiges erlebt: Weltwirtschaftskrisen, europäische Krisen, Kriege in der Nachbarschaft, Rücktritte von zwei Bundespräsidenten und sechs Ministern. Und jetzt die historische Flüchtlingswelle, dazu der Terror. Das ist bisher wahrlich eine herausfordernde Kanzlerschaft. Aber so richtig schwer macht ihr das Leben jetzt die eigene Partei.

Die Frau im Kanzleramt

Aber Angela Merkel ist eigentlich jemand, dem der Job umso mehr Spaß macht, je mehr Bälle gleichzeitig in der Luft gehalten werden müssen. Die dann umso konzentrierter und sicherer wird. Damit hat sie es bisher auch immer geschafft, den Deutschen ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Doch nun gibt es wegen der Flüchtlingspolitik zum ersten Mal einen großen Aufstand in CDU und CSU gegen sie, nach einer ersten kleinen Revolte bei der letzten Griechenland-Abstimmung.

Angela Merkel, um im Bild zu bleiben, jongliert zum ersten Mal von einem schwankenden Brett aus mit den Bällen. Einige versuchen sogar, ihr das Brett wegzuziehen. Sie ist geschwächt, und das ist dem Volk nicht verborgen geblieben. Beim G20-Treffen in Antalya stand die angeblich mächtigste Frau der Welt ziemlich am Rande.

Die Veränderung

Im zehnten Jahr hat sich die bedächtige, zögerliche Angela Merkel verändert. In ihrer Reaktion auf den Flüchtlingsstrom ist das deutlich geworden. Ob es das Mädchen Reem in Rostock war, die Leichen im Lastwagen auf der österreichischen Autobahn, der freundliche Empfang der Münchener für die Durchgekommenen, die Hassparolen der Pegida-Anhänger gegen sie in Heidenau oder alles zusammen - in diesem Sommer hat sie sich in der Flüchtlingsfrage ganz gegen ihre Gewohnheit klar und relativ spontan für eine pointierte Aussage entschieden, die auch polarisiert. Für eine Linie der Menschlichkeit, sonst „ist dies nicht mehr mein Land“. Es war eine Aussage mit Risiko, wie ein Basta.

Merkel hat die CDU modernisiert, wie niemand vor ihr. Die Familienpolitik, insbesondere der Kita-Ausbau, die moderne Energiepolitik mit dem Atomausstieg, die eher linkeSozialpolitik, dazu zurückhaltende Militäreinsätze und die Abschaffung der Wehrpflicht. Da ist nichts, was nicht prinzipiell kompatibel wäre mit der SPD, sogar mit den Grünen. In der Union haben diese Linksverschiebung längst nicht alle gut gefunden. Sie haben aber alle geschwiegen, weil Angela Merkel für sie immer Wahlen gewann.

Der Gegenwind

Jetzt, da ein Problem in Gestalt der Flüchtlinge direkt ganz unten ankommt, in jeder CDU- und CSU-Ortsgruppe, rächt es sich. Jetzt reden die bisher Schweigenden und schlagen zurück, schon weil sie um ihre lokalen Wahlsiege fürchten, denn rechts etabliert sich Konkurrenz. Und jetzt sieht man, wie schwach die eigene Hausmacht der Kanzlerin ist. Eigentlich hat sie gar keine. Oder soll das etwa der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern sein? Im Kanzleramt wird man einsamer mit jedem Jahr der Macht.

Allerdings: Angela Merkel ist geschmeidig genug, um mit Widerstand umzugehen. Sie wird Kompromisse mit ihren Gegnern suchen, und seien es Formelkompromisse ohne praktischen Wert. Wie die „Transitzonen“ vom letzten Flüchtlingsgipfel.

Die Frage nach der Zukunft

Ein elftes und sogar zwölftes Jahr Kanzlerschaft kann sie auch deshalb schaffen, weil es keinen vorzeigbaren Konkurrenten aus den eigenen Reihen gibt. Angela Merkel ist sozusagen für sich selbst alternativlos geworden.

Aber wie lange gilt das? Spätestens Anfang übernächsten Jahres muss sie entscheiden, ob sie 2017 wieder antritt. Eigentlich wollte sie das, doch es würde nicht verwundern, wenn sie nach den jetzigen negativen Erfahrungen zögerte. Denn sie wollte nie wie Helmut Kohl enden, der seine Amtszeit überdehnte, bis die eigene Partei und die Wähler seiner überdrüssig waren. Erste Anzeichen dafür gibt es nach zehn Jahren nun auch bei ihr.

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