Eine Politik des Risikos

100 Jahre Erster Weltkrieg: Europas Herrscher hatten die Möglichkeit, den Krieg zu vermeiden

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28. Juni 1914: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation Schwarze Hand erschossen

Millionen Menschen starben im Ersten Weltkrieg. Historiker sehen das Gemetzel vor allem als gesamteuropäisches Versagen – und warnen davor, daraus heute die falschen Schlüsse zu ziehen.

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Die Urkatastrophe: Ein Attentat vor 100 Jahren und zwei Weltkriege

Nach dem tödlichen Attentat vom 28. Juni 1914 auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo ging es ganz schnell: Wien forderte mit deutscher Unterstützung zunächst Aufklärung von der serbischen Regierung, die hinter dem Attentat vermutet wurde. Und schon am 28. Juli erklärte die Donau-Monarchie dem Königreich Serbien den Krieg – wenige Tage später stand Europa in Flammen.

Hätte der Krieg noch abgewendet werden können oder standen im Sommer ‘14 die Zeichen nicht doch längst auf Konfrontation? Ob Europa in den Krieg hineinschlitterte, wie bald der englische Kriegspremier David Lloyd George behauptete oder der Waffengang durch Deutschlands Weltmacht-Fantasien ausgelöst wurde – die Diskussion über die Ursachen dauert an.

Die Julikrise: Vom Attentat zum Krieg

Der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zum Weltkrieg. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn:

28. Juni 1914: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation Schwarze Hand erschossen.

5. Juli: Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli: Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer Blankovollmacht seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli: Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli: Wiener 48-Stunden-Ultimatum an Serbien: Gegen Österreich-Ungarn gerichtete Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft, Schuldige bestraft werden.

25. Juli: Serbien akzeptiert alle Forderungen, so sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält dies für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Zar Nikolaus II. Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli: Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli: Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an. 1. August: Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg

Dabei ist die Geschichte des Krieges weitgehend ausgeleuchtet. Bahnbrechend neue Entdeckungen sind von der Forschung nicht zu erwarten. Es geht heute vor allem um die Deutung eines Ereignisses, das den Schlüssel zum Verständnis des 20. Jahrhunderts birgt - über Kabinettsbeschlüsse und Marschbefehle, Verträge und Strategiepläne hinaus.

Der Erste Weltkrieg war der Beginn einer Ära der Gewalt, die sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des NS-Regimes hinzog. Wer daran die Hauptschuld trug, war auch lange unumstritten: Das Deutsche Reich mit seinem Streben nach Weltgeltung und seiner Sehnsucht nach einem Platz an der Sonne unter den Kolonialmächten. Mit dem forcierten Aufbau einer Kriegsflotte und dem Schlieffen-Plan, der eine schnelle militärische Unterwerfung Frankreichs vorsah, habe Preußens Elite lange vor 1914 die Weichen für den Zusammenstoß mit den europäischen Rivalen gestellt.

Der Krieg war Berlins gezielter „Griff nach der Weltmacht“, schrieb der Hamburger Historiker Fritz Fischer (1908-1999) in den 60er-Jahren. Beflügelt von dem bis tief in die deutsche Gesellschaft reichenden Hurra-Patriotismus habe sich die Reichsleitung von Militärs und Staatssekretären zum Angriff auf Europa entschlossen.

Tatsächlich spielte Deutschland mit dem Feuer, als es nach den Morden von Sarajevo der verbündeten Habsburger Monarchie eine Blankovollmacht zum Handeln gegenüber Serbien ausstellte. In Berlin war klar, dass Russland eine militärische Niederwerfung seines Schützlings Serbien nicht hinnehmen würde. Kanzlerberater Kurt Riezler zeichnete in seinem Tagebuch, einem Schlüsseldokument für die Ursachenforschung, diese „Politik des kalkulierten Risikos“ nach.

Viele Historiker widersprechen heute den Fischer-Thesen. „Die Deutschen hatten den Weltkrieg nicht geplant, sie gingen sogar ziemlich unvorbereitet in den Krieg“, sagte der Militärhistoriker Sönke Neitzel, Professor an der London School of Economics, in einem Interview. Deutschland habe im August 1914 gar keine Kriegsziele gehabt. Erst als der Krieg richtig losbrach, hätten rechte Kreise von möglichen Annexionen gesprochen.

Der Politologe Herfried Münkler warnt vor dem Irrglauben, dass die heutige europäische Friedensordnung Konstellationen für einen Konflikt wie 1914 aus der Welt geschaffen habe. Die jugoslawischen Zerfallskriege von 1991 seien dafür eine deutliche Warnung. Auf längere Sicht hätten Fischers Thesen wie ein politisches Beruhigungsmittel gewirkt, das gegenüber den fortbestehenden Konfliktfeldern in Europa unaufmerksam und schläfrig gemacht habe, so Münkler.

Auch Christopher Clark spricht in seinem inzwischen zum Bestseller aufgestiegenen Werk „Die Schlafwandler“ von einer gesamteuropäischen Krise im Jahr 1914. Der Kriegsausbruch sei eine Tragödie und kein Verbrechen gewesen. Ob in London, Paris, Wien, Berlin oder Moskau – jede Regierung habe die Chance gehabt, die Eskalation zu stoppen. Monarchen und Militärs, Minister und Diplomaten hätten aber ihr Spiel so lange getrieben, bis ihnen am Ende die militärische Konfrontation als unausweichlich erschien. (dpa)

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