Zirkeltag der Berliner Mauer

28 Jahre mit und ohne Mauer: Wie viel wissen Sie noch über die frühere Grenze?

Am heutigen Montag ist die Mauer so lange verschwunden wie sie einst stand. Wie viel wissen Sie noch über die ehemalige innerdeutsche Grenze? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Quiz.

Heute ist die Mauer genauso lange weg, wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden.

Günter Schabowski (1929-2015), Mitglied im Zentralkomitee der SED, gibt am Abend dieses 9. November während einer denkwürdigen Pressekonferenz die Reisefreiheit für DDR-Bürger ins westliche Ausland bekannt. Mit den Worten „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, löst er einen Massenansturm von DDR-Bürgern auf die Grenze nach West-Berlin aus. Nach wenigen Stunden ist die Mauer offen.

Viele Menschen können sich noch genau an die Maueröffnung, aber auch an die Zeit der Teilung erinnern.

Im Stasi-Gefängnis

Hans-Joachim Lietsche(57) wartet auf seine Besuchergruppe. Er will Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte. Weil sie nicht auf Linie waren. „30 Jahre hab’ ich meine Haft verdrängt“, sagt der gelernte Bau- und Kunstglaser. Wo Lietsche jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann. Dass er nicht mehr als Fassadenmonteur arbeitet, habe auch mit der Vergangenheit zu tun.

Für ihn sei die DDR-Zeit so verdammt präsent – „weil ich erst so spät angefangen habe, mich damit zu beschäftigen.“ Nach dem Essen in einem sehr dunklen Restaurant vor vier Jahren seien die Erinnerungsfetzen hochgekommen. An die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst. Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe, sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft. „Ich hab eine Staatsanwältin als blöde Kuh bezeichnet.“ Lietsche sagt, er habe Flugblätter für die Meinungsfreiheit verteilt und nicht weggewollt aus der DDR.

„Der Mauerfall war einer meiner glücklichsten Tage“, sagt Lietsche. Seine Augen werden feucht. Den vom Westen freigekauften Freund wiedersehen. Reisen nach Skandinavien. Doch die Albträume hörten lange nicht auf. Die Zeit der Selbstzerstörung, in der er seine Kinder vernachlässigte und auch trank, seien aber vorbei. Früher und heute gehen für ihn ineinander über. Die Staatsanwältin von einst habe er nie gesucht. „Ich habe keinen Sinn für Rache.“

Geschichte vermitteln

Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Gerade erst wurde ein altes Stück Mauer am Stadtrand entdeckt. Und zwischen dem Potsdamer Platz und dem Checkpoint Charlie im Zentrum strömen jeden Tag Schülergruppen an den Mauerresten entlang, bevor sie in den Pausen shoppen gehen oder sich heimlich in eine Kneipe schleichen.

Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für sie Geschichte ist.“ Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen?

Die Antwort sei nicht so einfach, denn die Abschottung habe schon vor August 1961 begonnen, erzählt er dann. Und der Bau der Mauer und ihre Nachbesserung hätten im Grunde bis zu ihrem Fall gedauert. Die DDR-Führung hatte die Grenze immer mehr perfektioniert, um Fluchten zu verhindern. Die zweite Frage laute oft, wer die Mauer gebaut habe.

„Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff. „Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“ SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Der gebürtige West-Berliner macht seit 1991 Stadtführungen. Als die Mauer fiel, lebte er gerade in London und schaute im Fernsehen BBC. Einen Tag später flog er nach Deutschland – nach Hamburg. „Nach Berlin ging ja nix mehr“, erzählt er. Ihm kommt die Zeit seit dem Mauerfall länger vor als die Zeit der Teilung. Die Zeitwahrnehmung junger Menschen sei aber eine ganz andere. „Für die ist das die Zeit ihrer Eltern.“

Die DDR verblasst

Am Checkpoint Charlie stehen auch Händler, die russische Pelzmützen verkaufen. Immer wieder gibt es Kritik, dass das geschichtsträchtige Areal zum Teil wie Disneyland anmutet. Ein seit Jahren geplantes Museum des Kalten Krieges kommt nicht voran.

Wenn es ums kollektive Erinnern geht, sieht die Bundesstiftung Aufarbeitung in Deutschland auch noch eine andere Baustelle: Bis heute gebe es bundesweit keinen Lehrstuhl für DDR-Geschichte, kritisiert Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Forschung und Lehre zur DDR gingen seit Jahren zurück, in Westdeutschland finde das kaum noch statt. Kaminsky: „Das hat nicht nur gravierende Folgen für die Ausbildung der Geschichtslehrer von morgen, sondern auch für die gesamtdeutsche Erinnerungskultur.“ (dpa/jsc)

Rubriklistenbild: © Wolfgang Kumm/dpa

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