Der letzte Tote an der Mauer

Vor 25 Jahren: Chris Gueffroys Traum endete im Kugelhagel der DDR-Grenzer

Chris Gueffroy• geboren am 21. Juni 1968 in Pasewalk• gestorben am 6. Februar 1989 an der Berliner Mauer

Ein halbes Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer starb an der Grenze noch einmal ein Mensch. Der Tod des 20-jährigen Chris Gueffroy und die Vertuschungsversuche durch die Stasi zeigen den verbrecherischen Charakter des DDR-Regimes.

Wer in der Nähe der ehemaligen Grenze zwischen Treptow in Ost-Berlin und Neukölln im Westteil wohnte, der hörte nachts des Öfteren Hundegebell und manchmal Schüsse. Auch Karin Gueffroy saß am Abend des 5. Februar 1989 in ihrem Wohnzimmer, als gegen 23.40 Uhr Schüsse unüberhörbar durch die kalte stille Nacht gellten. Als sie ins Bett ging, war ihr Sohn Chris bereits tot.

Mauertote 

28 Jahre, zwei Monate und 28 Tage – vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 – trennte die Berliner Mauer den Ostsektor der Stadt von den drei Westsektoren. Mindestens 136 Todesopfer wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer erfasst – erschossen von DDR-Grenzern oder ertrunken in den Grenzanlagen der Gewässer rund um die Stadt. Die Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bezifferte die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter im Jahr 1991 mit 872. Die genaue Zahl der Opfer der innerdeutschen Grenze wird derzeit immer noch erforscht, denn viele Taten wurden kaschiert und verheimlicht.

In gut einem Kilometer Entfernung zur Wohnung der Mutter versuchte der 20-jährige Kellner im Schutz von Schrebergärten die Grenzanlagen zu erreichen. Er hatte von einem Bekannten gehört, der Schießbefehl an der Mauer sei aufgehoben. Gemeinsam mit seinem Freund Christian Gaudian gelangte er problemlos über die Hinterlandmauer bis zum letzten hohen Grenzzaun; dahinter trennte nur noch der Britzer Kanal die beiden vom Westen.

Doch im letzten Moment lösten sie den Alarm aus, als beide durch den Signaldraht schlüpften: grelles Flutlicht flammte auf, Gueffroy versuchte noch, seinem Freund mit einer Räuberleiter zu helfen, da fielen die Schüsse aus den Maschinenpistolen von drei DDR-Grenzsoldaten. Der junge Mann brach sofort zusammen, sein verletzter Freund gab auf. Ein Arzt der Grenztruppen stellte gegen 0.15 Uhr den Tod von Chris Gueffroy fest.

Karin Gueffroy ahnte zunächst nichts. Ein Freund ihres Sohnes fragte sie am nächsten Morgen, ob sie die nächtlichen Schüsse gehört habe: Chris habe die Flucht versuchen wollen, mehr wisse er auch nicht.

Zwei Tage später holte die Stasi Karin Gueffroy zum Verhör ab. Zwei Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) quetschten sie stundenlang über ihren Sohn aus. Am Ende wurde ihr lapidar mitgeteilt, dass ihr Sohn bei einem „Attentat auf eine militärische Einrichtung“ ums Leben gekommen ist.

Der Tatort: Ein schlichtes Holzkreuz erinnert am 23. Februar 1989 an den von DDR-Grenzsoldaten erschossenen Chris Gueffroy. Gueffroy hatte in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 mit einem Freund versucht nach Westberlin zu fliehen, wobei er getötet wurde.

Im Westen wird Chris Gueffroys Tod erst zwei Wochen später bekannt. Zwar bestand für die West-Berliner Polizei kein Zweifel, dass es einen „Zwischenfall“ an der Grenze gegeben haben musste. Doch die DDR bestritt vehement, dass überhaupt geschossen worden sei. Es sei nur eine „rote Leuchtkugel“ abgefeuert worden und „keine zehn Schüsse“.

Doch die Freunde von Chris Gueffroy wollten sich mit den Lügen der SED-Führung nicht abfinden: „War’n stiller Protest“, erklärte später Chris’ Freund Dirk in einer Dokumentation. Sie schafften es tatsächlich, im damaligen SED-Bezirksorgan „Berliner Zeitung“ eine Todesanzeige unterzubekommen: „Wir trauern in unendlichem Schmerz und voller Liebe um Chris Gueffroy, der durch einen tragischen Unglücksfall von uns gegangen ist.“

Die Mutter schnitt trotz aller Einschüchterungen und Drohungen der Stasi die kleine Todesanzeige aus und versteckte sie unter den Streichhölzern einer Schachtel. Eine Bekannte im Rentenalter gab sie dann beim West-Berliner SFB mit Hinweis auf die Schüsse in der Nacht zum 6. Februar ab.

Durch diesen Mut wurde aus dem vertuschten ein öffentlicher Tod. So erfuhr auch Karl-Heinz Baum von der Trauerfeier am 23. Februar um 14 Uhr. Der erfahrene DDR-Korrespondent der Frankfurter Rundschau traf bereits gegen 10.30 Uhr am Friedhof Baumschulenweg ein und gehörte so zu den vier West-Journalisten, die die Urnen-Beisetzung verfolgten. „Bereits gegen 12 Uhr sperrten die Sicherheitskräfte den Zugang“, erinnert sich Baum gegenüber unserer Zeitung. 120 Trauergäste schafften es in den Trauerraum der Friedhofshalle – trotz Ausweiskontrollen und ständiger Beobachtung durch die Stasi-Männer, die auffällig unauffällig mit Gartengeräten zwischen den vom Frost überzogenen Gräbern postiert waren.

1989 im Prozess gegen die Todesschützen: Mutter Karin Gueffroy.

Das Wort vom „tragischen Unglücksfall“ hatten auch viele verstanden, die Chris gar nicht kannten. „Es war eine stille Demonstration, wie es sie zuvor noch nie an einem Grab in dem Land gegeben hat“, sagt Baum, der von 1977 bis 1990 aus der DDR berichtete. „Und es war das erste Mal, dass ein Maueropfer nicht unbemerkt verscharrt werden konnte. Wenn man noch bedenkt, dass die Anzeigenannahme der SED-Zeitung den Freunden von Chris Gueffroy offenbar Formulierungshilfe gab, so zeigen diese Umstände im Nachhinein, dass es an allen Seiten in der DDR zu bröckeln begann.“

Bei der Totenfeier fiel von den Schüssen kein Wort. „Verloren ist nur, wer vergessen ist“, sagte der Begräbnisredner zum Trost. „Und Chris wird ganz bestimmt nicht vergessen.“

Er sollte recht behalten. Gueffroy war der letzte Mensch, den DDR-Grenzer erschossen haben. An den jungen Mann, der von den Weiten Amerikas träumte, erinnern heute in Berlin ein Denkmal und eine Straße.

Von Peter Gärtner

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