Tochter Corinna leidet bis heute

Vor 37 Jahren ermordete die RAF den Bankier Jürgen Ponto

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Von der RAF ermordet: Jürgen Ponto.

Es war vielleicht die heimtückischste Tat der RAF-Terroristen: die Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto am 30. Juli 1977. An ihn erinnert heute eine Stiftung, seine Mörder sind wieder auf freiem Fuß.

Hallo, hier ist Susanne“, hallt die Frauenstimme durch die Gegensprechanlage. An diesem Sommertag vor 37 Jahren steht Susanne Albrecht mit zwei Begleitern vor der mit hohen Mauern umzäunten Villa im südhessischen Oberursel.

Das Trio will zu Jürgen Ponto, dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Ponto öffnet ohne Argwohn – er kennt Albrecht als Tochter eines Schulfreundes. Was der 53-Jährige nicht ahnt: Er hat soeben ein Terrorkommando der Roten Armee Fraktion (RAF) in sein Haus gelassen.

Die beiden Begleiter – es sind Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt – wollen Ponto entführen. Es kommt zu einem Handgemenge, Schüsse fallen. Fünf Kugeln treffen Ponto. Der Bankier erliegt wenig später in der Uniklinik Frankfurt seinen Verletzungen. Die Mörder entkommen mit einem Fluchtwagen, den Peter-Jürgen Boock fährt.

Corinna Ponto

Mit der sogenannten Offensive 77 wollten die Terroristen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierte RAF-Führungsriege um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe freipressen.

Nach der gescheiterten Entführung Pontos kommt es wenige Wochen später zu einer dramatischen Zuspitzung des „Kriegs gegen das Schweinesystem“. So bezeichnet die RAF den bewaffnete Kampf.

Im Deutschen Herbst – damit ist die Zeit im September und Oktober 1977 gemeint – entführt die RAF zunächst Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Um den Druck auf die Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zu erhöhen, kapert ein palästinensisches Terrorkommando die Lufthansa Maschine „Landshut“.

Die Antiterroreinheit GSG 9 kann alle Passagiere in Mogadischu (Somalia) unversehrt befreien. Daraufhin begehen die Stammheimer Gefangenen Selbstmord. Die RAF ermordete Schleyer. Der Terror der RAF geht noch bis zu deren Auflösung 1998 weiter.

Bücher zum Thema

- Anne Siemens: Für die RAF war er das System, für mich der Vater (Verlag Piper, 8,95 Euro).

- Julia Albrecht, Corinna Ponto: Patentöchter. Im Schatten der RAF – ein Dialog (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 8,99 Euro).

Für Corinna Ponto ist der ermordete Vater „bis heute anwesend“, wie die 57-Jährige einmal in einem Interview zu Papier gab. Gefragt nach dem Verhältnis zur Familie Albrecht, sagte die in Süddeutschland lebende Frau: „Wir können das nicht vergessen.“ Damit meinte Ponto, dass die Albrechts von der radikalen Einstellung ihrer Tochter Susanne gewusst haben. Trotzdem hätten sie Susanne für den Tag des Mordes bei den nichts ahnenden Pontos für einen Besuch angemeldet.

2011 veröffentlichte Ponto ein Buch – zusammen mit der Schwester von Susanne Albrecht, Julia. In Dialogform gingen die beiden Frauen, deren Geschichte so schicksalhaft verknüpft ist, den Fragen von Schuld und Verantwortung nach.

Julia Albrecht setzt sich in dem Werk in erster Linie mit der Vergangenheit ihrer Schwester auseinander. Corinna Ponto hingegen sucht bis heute nach den Hintermännern des Mordes an ihrem Vater, welche sie im ehemaligen Ostblock vermutet.

2013 stimmte Ponto zu, dass eine Dokumentation über ihr Leben gedreht wird. Der vielsagende Titel: Für mich wird es nie vorbei sein.

Hintergrund: Die Täter sind schon lange frei

Die ehemaligen RAF-Terroristen, die an dem Ponto-Mord beteiligt waren, sind mittlerweile frei. Susanne Albrecht (63) versteckte sich in der DDR, 1990 wurde sie verhaftet und 1996 entlassen. Sie ist als Deutschlehrerin in Bremen tätig. Brigitte Mohnhaupt (65) wurde 2007 nach 24 Jahren Haft entlassen. Sie bezieht Arbeitslosengeld. Christian Klar (62), der 26 Jahre hinter Gittern saß, kam 2008 frei. Er soll als Kraftfahrer gearbeitet haben. P.-J. Boock (62) wurde 1998 entlassen. Der Autor sucht als einziger Ex-RAF-Terrorist die Öffentlichkeit.

Von Matthias Hoffmann

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