Theologe und Widerstandskämpfer

Dietrich Bonhoeffer: "Evangelischer Heiliger" vor 70 Jahren von Nazis ermordet

Theologe, Pazifist und Widerstandskämpfer: Dietrich Bonhoeffer. Vor 70 Jahren wurde der 39-Jährige von den Nazis im Konzentrationslager Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz ermordet. Fotos: dpa

Je näher die militärische Niederlage rückte, desto brutaler gingen die Nazis gegen ihre Gegner vor. So wurden zahlreiche inhaftierte Widerstandskämpfer noch kurz vor der Kapitulation hingerichtet. Heute vor 70 Jahren traf es den großen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Ein Porträt.

Für Wolfgang Huber, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland von 2003 bis 2009, war die Sache klar: „Heilig ist im evangelischen Verständnis jemand, der für andere zum Vorbild im Glauben wird.“ Und in diesem Sinne würdigte er vor einigen Jahren den Theologen Dietrich Bonhoeffer als Heiligen.

Dieser habe seine eigenen menschlichen Schwächen nicht versteckt, sagte Bischof Huber: „Seine Angst in der Haft, seine Depression, seine Wut. Jemand, der diese unterschiedlichen Seiten des Lebens bejaht, ist für mich eher ein Vorbild im Glauben als jemand, der sich davon ganz weit entfernt und als Eremit in der Einöde lebt.“

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen deshalb seinen Namen. Bonhoeffers leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod finden bis heute weltweit Beachtung.

Mit sieben Geschwistern wächst Bonhoeffer als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Berlin auf. Schnell kommt er an der Universität voran. Schon mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Universitätslehrer. Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann hat ihn einmal gegenüber dem Evangelischen Pressedienst als intellektuellen Charakter geschildert: „Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken.“ Seine großbürgerliche Herkunft prägte ihn tief: „Er hat sich nur mit wenigen geduzt.“

Während eines Studienjahres in New York erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. Orientiert an der Bergpredigt macht er sich Anfang der 30er-Jahre pazifistische Ideen zu eigen.

In den Nazis sieht er schon früh eine Gefahr für Deutschland. Bereits zwei Tage nach Hitlers Machtübernahme 1933 warnt er im Rundfunk davor, dass der „Führer“ zum „Verführer“ werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der beginnenden Judenverfolgung die Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Nur wenige Deutsche folgen ihm in dieser Einschätzung.

Zermürbt von den Auseinandersetzungen in Deutschland, geht Bonhoeffer als Auslandspfarrer nach London. 1935 kehrt er zurück und übernimmt ein Predigerseminar der „Bekennenden Kirche“ in Pommern. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi erfährt er 1938 von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen des Militärs für einen Staatsstreich.

1939 reist Bonhoeffer zu Vorträgen in die USA, wo ihm Freunde eine längerfristige Lehrtätigkeit vermitteln wollen. Doch schon bald kehrt er zurück: „Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben.“

Für Bonhoeffer beginnt nun ein riskantes Doppelleben: 1940 lässt er sich vom deutschen militärischen Geheimdienst anwerben, wo sein Schwager und andere insgeheim für den Widerstand arbeiten. Offiziell ist er nun Agent der Spionage-Abwehr von Admiral Wilhelm Canaris. Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Vertrauensleute in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten im Krieg verlobt sich Bonhoeffer Anfang 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch das Glück währt nicht lange - am 5. April wird er wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen.

Als am 20. Juli 1944 Oberst Stauffenbergs Attentat auf Hitler scheitert, wird das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich, in die auch Bonhoeffer, sein Bruder Klaus und sein Schwager von Dohnanyi verstrickt sind. Die Haft wird verschärft, doch Bonhoeffer bleibt der unbeugsame, alle anderen tröstende und nie verzagende Widerstandsgeistliche.

„Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“.

Im April 1945, alliierte Truppen rücken immer näher, bringen die Nazis den Pastor ins Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg. Ein Standgericht fällt auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 das Urteil: Tod wegen Hochverrats. Bonhoeffer sagt zu einem Mithäftling: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“.

Unter dem Galgen muss Bonhoeffer sich entkleiden. Dann steigt er hinauf zum Henker. Der Lagerarzt notiert später: „Nie habe ich einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

Hingerichtete Widerständler

Als die Niederlage der Nazis im Winter/Frühjahr 1945 schon feststand, wurden noch zahlreiche Regimegegner ermordet. Zu den bekanntesten Opfern neben dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer gehörten:

Wilhelm Canaris 

Der aus der Nähe von Dortmund stammende Admiral wurde ebenso wie Bonhoeffer am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. Canaris war 1935 Chef der Abwehr geworden, und half in dieser Funktion, die deutschen Angriffe im Zweiten Weltkrieg abzusichern. Dann ging er jedoch auf Distanz zu den Nazis und deckte die Widerstandsgruppen. Er war für einen Sturz Hitlers, seine Ermordung lehnte er aber ab. Bei der Verhaftungswelle nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde auch Canaris festgenommen. Auf Befehl Hitlers wurde er von einem Standgericht als „Hochverräter“ zum Tode verurteilt.

Georg Elser

Im KZ Dachau bei München wurde der 42 Jahre alte Johann Georg Elser am 9. April 1945 mit einem Genickschuss ermordet - auf Befehl von Adolf Hitler. Elser dürfe den Alliierten nicht lebend in die Hände fallen, hatte einige Tage zuvor SS-Chef Himmler verfügt. Der Schreiner Elser hatte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller beim Rednerpult eine selbst gebastelte Bombe explodieren lassen. Acht Menschen starben, aber Hitler hatte das Lokal sieben Minuten zuvor verlassen. „Einer musste es tun“, sagte Elser nach seiner Verhaftung an der deutsch-schweizerischen Grenze am Abend des Attentats.

Ein Film über Georg Elser und seine mutige Tat läuft am 9. April in den Kinos an.

Hans Oster 

Auch der gebürtige Dresdener Hans Oster, Generalmajor der Wehrmacht, musste am 9. April in Flossenbürg sterben. Bereits 1938 drängte er auf einen Staatsstreich und forderte die Ermordung Hitlers. Verhaftet wurde Oster nach dem Attentat vom 20. Juli 1944.

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