Die DDR war nicht mehr zu retten

Vor 25 Jahren: Das SED-Politbüro stürzt ihren Generalsekretär Honecker

Erich Honecker war immer dabei: Fotos des Staatsratsvorsitzenden hingen auch in den Verhörzimmern der Staatssicherheit, hier in der Bautzner Straße in Dresden.

Das Thema Ost-Berlin im Oktober 1989: Trotz anhaltender Fluchtwelle und anwachsenden Bürgerprotesten hat die DDR mit großem Pomp ihren 40. Geburtstag gefeiert. Doch die Krise ist nicht mehr zu leugnen, die SED-Spitze gerät unter Handlungsdruck.

Roland Jahn über Erich Honecker

Ein ausführliches Interview mit dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Akten, Roland Jahn, lesen Sie in zwei PDF-Dateien hier.

Seite 1  Seite 2

Eigentlich ahnte Günter Schabowski längst, dass sie zu spät kommen würden. Immer mehr DDR-Bürger wollten dem SED-Staat den Rücken kehren, in Leipzig, Ost-Berlin und Plauen gingen Hunderttausende auf die Straßen und aus dem fernen Moskau mahnte Michail Gorbatschow unverblümt Reformen an. Doch an Erich Honecker und anderen aus der Altherrenriege des SED-Politbüros gingen diese Entwicklungen spurlos vorbei.

Schon im Spätsommer 1989 plante Schabowski den Sturz des DDR-Staatsratsvorsitzenden: „Wir gehen rein mit fünf Mann und sagen zu ihm: Erich, Du bist abgesetzt.“ Doch letztlich dauerte es noch Wochen bis der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin tatsächlich genug Gleichgesinnte fand, um Honecker zu entmachten. Denn eines war völlig klar: Mit dem 77-jährigen SED-Chef würde es keine Veränderungen geben.

Es sei eine längere Phase des Abtastens gewesen, erinnert sich Schabowski, „bis man sich dieses oder jenes Nachbarn im Politbüro sicher sein konnte“. Anfangs waren sie nur zu dritt: neben dem gelernten Journalisten Schabowski der Gewerkschaftschef Harry Tisch und Honeckers „Kronprinz“ Egon Krenz.

Die Zeit drängte. Immer mehr Menschen gingen auf die Straße und forderten Reformen. Die DDR-Medien berichteten erstmals von Sprechchören wie „Gorbi, Gorbi“ und „Neues Forum zulassen“. Der berühmteste Schlachtruf entwickelte sich aus einer notwendigen Klarstellung: Mehrfach hatte das SED-Bezirksblatt „Leipziger Volkszeitung“ von „Zusammenrottungen“ im Zentrum berichtet, bei denen „Rowdys“ die sozialistische Ordnung gestört hätten. Als dann am 9. Oktober rund 70 000 Demonstranten ein paar Tausend Volkspolizisten und Stasi-Leuten gegenüber standen, stellten sie lautstark klar: „Wir sind keine Rowdys!“, und vor allem: „Wir sind das Volk!“

„Erich, es geht nicht mehr.“

Eine Woche später müssen auch Schabowski die Ohren geklungen haben. Er telefonierte herum, wer am Dienstag, dem 17. Oktober, bei der entscheidenden Politbüro-Sitzung, Rückgrat zeigen würde - und zählte zehn, elf sichere Kandidaten, gerade mal die Hälfte. Das Treffen der SED-Führungsriege begann wie gewohnt. Honecker begrüßte jeden persönlich. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen“, erinnert sich Schabowski, „weil ich zu den Schurken gehörte, die gegen ihn konspirierten.“

Dann ergriff Ministerpräsident Willi Stoph das Wort und schlug „ganz trocken“ - so Schabowski - eine Änderung der Tagesordnung vor: Absetzung des SED-Generalsekretärs. Honecker war zunächst konsterniert und erbat dann Wortmeldungen für die Aussprache. Aber selbst engste Vertraute wie Günter Mittag sprachen in der Sitzung nicht für Honecker. „Erich, es geht nicht mehr,“ soll Egon Krenz zu Honecker gesagt haben, die gleichen Worte, mit denen Honecker seinen Ziehvater Walter Ulbricht 1971 ins Abseits gedrängt hatte. Am Ende stimmte der SED-Chef aus Parteidisziplin für seine eigene Ablösung - ein Lehrstück der kalkulierten Abrechnung und der opportunistischen Scheinheiligkeit.

Am nächsten Tag, am 18. Oktober 1989, hielt Honecker vor dem SED-Zentralkomitee (ZK) die ihm diktierte Rede - bei der er um Ablösung aus gesundheitlichen Gründen bat - und schlug Egon Krenz als seinen Nachfolger vor, auf den sich die Parteiführung als Kompromisskandidat relativ schnell geeinigt hatte. Doch als Reformer war Krenz völlig unglaubwürdig. Der Honecker-Nachfolger galt als Verantwortlicher für die Fälschungen bei den Kommunalwahlen am 7. Mai und für das brutale Vorgehen von Volkspolizei und Stasi während der Feiern zum 40. DDR-Jahrestag.

Noch am Abend des 18.Oktober wandte sich der neue SED-Chef an die Bürger. „Mit der heutigen Tagung (des ZK, die Red.) werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und die ideologische Offensive wieder erlangen,“ tönte Krenz. Welch ein Irrtum, wird Schabowski später immer wieder sagen. Denn die friedliche Revolution war mit der „Wende“ in der SED längst nicht mehr aufzuhalten.

• Alle Teile unserer Serie zum Mauerfall sowie weitere Bericht zum Thema finden Sie auch in unserem Online-Angebot unter: www.hna.de/berliner-mauer

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.