Statement des FDP-Chefs

Jamaika-Aus: Das ist Christian Lindners Erklärung im Wortlaut

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Christian Lindner trat Sonntagnacht vor die Presse.

Vier Minuten dauerte die Erklärung von Christian Lindner (FDP), mit der eine Absage an die Jamaika-Koalition erteilte. Das Statement im Wortlaut.

München - Um 23.47 Uhr trat Christian Lindner am Sonntag vor die Presse. Schon zuvor war klar: Die Verhandlungen um eine Jamaika-Koalition sind am Ende angekommen. Mit historischen Worten erklärte Lindner wie das passieren konnte: „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Seitdem prasselt von allen Seiten Kritik auf die FDP ein (Die aktuellsten Informationen finden Sie hier im News-Ticker). Seitdem befindet sich das Land in einer veritablen Regierungskrise. Und das obwohl nur Stunden zuvor - nach einem vollen Monat Sondierungsszeit - eine Einigung in greifbarer Nähe zu sein schien

Einen solchen Fall gab es in Deutschland noch nie. Mit seinen Worten, wie auch immer man diese nun bewerten mag, hat sich Lindner einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Im Folgenden können Sie Lindners vollständige Erklärung im Wortlaut nachlesen.

Jamaika-Aus: So lautet Christian Lindners Erklärung

„Ja meine Damen und Herren,

wir haben Stunden, Tage und Wochen miteinander gerungen, und heute am Tag länger als wir uns ursprünglich vorgenommen haben. Wir haben als Freie Demokraten in den letzten Wochen zahlreiche Angebote zum Kompromiss unterbreitet, unter anderem zu Beginn in der Steuerpolitik, in der Europapolitik, in Fragen der Einwanderung, in der Bildungspolitik. Denn wir wissen, das Politik vom Ausgleich lebt. Und mit knapp elf Prozent kann man nicht den Kurs einer ganzen Republik diktieren.

Unsere Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln zeigen wir ja übrigens auch in Regierungsbeteiligungen in den Ländern mit Union, mit SPD und mit den Grünen.

Nach Wochen liegt aber heute unverändert ein Papier mit zahllosen Widersprüchen, offenen Fragen und Zielkonflikten vor. Und dort, wo es Übereinkünfte gibt, sind diese Übereinkünfte erkauft mit viel Geld der Bürger oder mit Formelkompromissen. Wir haben gelernt, dass auch durchaus gravierende Unterschiede zwischen CDU und CSU und FDP überbrückbar gewesen wären. Da ist wieder auch eine neue politische Nähe, auch menschliche Nähe, gewachsen. Aber am heutigen Tag wurde keine Bewegung, keine neue Bewegung, keine weitere Bewegung, erreicht, sondern es wurden Rückschritte gemacht, weil auch erzielte Kompromisslinien noch einmal in Frage gestellt worden sind.

Es hat sich gezeigt, dass die vier Gesprächspartner keine gemeinsame Vorstellung von der Modernisierung unseres Landes und vor allen Dingen keine gemeinsame Vertrauensbasis entwickeln konnten. Eine Vertrauensbasis und eine gemeinsam geteilte Idee, sie wären aber die Voraussetzung für stabiles Regieren.

Wir wissen nicht, was in den nächsten Jahren auf Deutschland in Europa und der Welt zukommt. Aber wenn dann vier Partner schon nicht in der Lage sind, bei dem Absehbaren einen gemeinsamen Plan zu entwickeln, nach so langer Zeit und so intensivem Ringen, ist das keine Voraussetzung, dafür, dass auch auf das Unvorhersehbare angemessen reagiert werden kann. Wir werfen ausdrücklich niemandem vor, keinem unserer drei Gesprächspartner, dass er für seine Prinzipien einsteht. Wir tun es aber auch für unsere Prinzipien und unsere Haltung.

Unser Einsatz für die Freiheit des Einzelnen in einer dynamischen Gesselschaft, die auf sich vertraut, die war nicht hinreichend repräsentiert in diesem Papier. Und wir haben heute an diesem entscheidenden Tag nicht den Eindruck gewonnen, obwohl allen die Dramatik der Situation bewusst war, dass dieser Geist grundlegend veränderbar gewesen wäre.

Die Freien Demokraten sind für Trendwenden gewählt worden. Und wer dieses Dokument ansieht, sieht: Es war nicht zu ambitioniert, es war nichts unrealistisch, sondern maßvoll. Wir sind für die Trendwenden gewählt worden, aber sie waren nicht erreichbar, nicht in der Bildungspolitik, nicht bei der Entlastung der Bürgerinnen und Bürger, nicht bei der Flexibilisierung unserer Gesellschaft, nicht bei der Stärkung der Marktwirtschaft und bis zur Stunde auch nicht bei einer geordneten Einwanderungspolitik.

Den Geist des Sondierungspapiers können und wollen wir nicht verantworten, viele der diskutierten Maßnahmen halten wir sogar für schädlich. Wir wären gezwungen, unsere Grundsätze aufzugeben und all das wofür wir Jahre gearbeitet haben. Wir werden unsere Wählerinnen und Wähler nicht im Stich lassen, indem wir eine Politik mittragen, von der wir im Kern nicht überzeugt sind. Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren. Auf Wiedersehen.“

Das sagt die FDP-Generalsekretärin am Montagmorgen zum Jamaika-Aus

Nach der nächtlichen Überraschung, blieben noch viele Fragen zu Lindners Statement offen. Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer verteidigte die Worte ihres Partei-Chefs im ZDF Morgenmagazin und lieferte gleich konkrete Beispiele. 

Die Gesamtrichtung hätte nicht gestimmt, in großen Fragen hätte es keine Einigung gegeben. Christian Lindner und Wolfgang Kubicki hätten ihr in der Nacht von den Beratungen berichtet. Rund eineinhalb Stunden vor der Presseerklärung sei dann die Entscheidung gefallen, dass die FDP sich zurückzieht. In einem letzten Gespräch setzten sie den Verhandlungspartnern offenbar das Messer auf die Brust: Einlenken oder scheitern. Unter anderem sei es bei den strittigen Punkten um die von der FDP geforderter Abschaffung des Solidaritätszuschlags gegangen. Es sei absehbar nicht möglich gewesen den Soli in den nächsten vier Jahren nicht möglich gewesen. Ganz offensichtlich lenkte niemand von den anderen drei Parteien ein.

Das Statement von Lindner im Video

vf/Glomex

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