Skandal-Film bei Talk zu sehen, aber ...

Bizarre Variante von Böhmermann-Gedicht bei Maischberger: Das sagt die ARD

+
Die ARD blendete den Text ein - und ließ ihn einen Off-Sprecher vorlesen.

Berlin - Viele Zuschauer von "Maischberger" haben sich am Mittwochabend gewundert. Denn die ARD zeigte das Skandal-Gedicht von Jan Böhmermann - in einer bizarren Variante.

Eine illustre Runde hatte Sandra Maischberger da am Mittwochabend um sich versammelt. Zwar nicht mit den ganz großen Namen. Aber es war eine interessante Konstellation bei "Menschen bei Maischberger": TV-Journalist und Nahost-Experte Ulrich Kienzle, Grünen-Ex-Minister Jürgen Trittin, CSU-Politiker Stephan Mayer, die Berliner Kabarettistin Idil Baydar, Medienanwalt Ralf Höcker sowie noch Ozan Ceyhun aus der türkischen Regierungspartei AKP.

Sie diskutierten über den Fall Böhmermann. Titel der Sendung: "Staatsaffäre Böhmermann: Diktiert Erdogan Merkels Kurs?" Während Ceyhun wenig überraschend seinen Parteigenossen Erdogan in Schutz nahm, stellten sich Trittin und Baydar auf die Seite von Böhmermann. Trittin kritisierte die Merkel-Entscheidung, den Weg für Ermittlungen gegen den Satiriker freizumachen. Bei der juristischen Bewertung des Falles gerieten Trittin und Medienanwalt Höcker einmal mächtig aneinander. Den Juristen erschauderte es bei Trittins Ausführungen, er erklärte seine Interpretation des vieldiskutierten Paragraphs 103. "Der 103 schützt zwei Dinge. Er schützt einerseits die Menschenwürde. Kim Jong-un ist ein Verbrecher, aber er hat eine Menschenwürde. Jeder Mensch hat die gleiche Würde", so Höcker. "Der zweite Schutzzweck dieses 103 sind die außenpolitischen Interessen der Bundesregierung. Die können gestört sein, egal, ob man einen Demokraten oder einen Diktator beleidigt."

ARD zeigt Jan-Böhmermann-Gedicht in Auszügen - und untertitelt

Diskussionswürdiger als der kleine Knatsch der beiden ist aber eine skurrile Entscheidung: Die Redaktion der Sendung entschied sich, das Böhmermann-Gedicht im Rahmen des Maischberger-Talks zu zeigen - damit alle Zuschauer wissen, worüber diskutiert wird.

Maischberger erklärte das wie folgt: "Die Öffentlichkeit hat dieses Gedicht, dieses Schmähgedicht, worum es geht, fast nicht gesehen. Das liegt daran, dass der Beitrag sehr schnell aus dem Netz gelöscht wurde vom ZDF. Und dass Sie, wenn Sie im Internet googeln, nur Bruchstücke zu sehen bekommen. Wenn wir darüber reden, müssen wir wissen, worüber wir reden. Und deswegen zitieren wir jetzt Ausschnitte aus diesem Gedicht. Vor allem aber zitieren wir das, was Jan Böhmermann und sein Partner Kabelka, Ralf Kabelka, davor gesagt haben. Wie sie das eingeleitet haben, so hat man den Kontext."

Eine heikle Entscheidung, schließlich hatte doch der Schwestersender ZDF das ursprüngliche Gedicht aus seiner Mediathek geworfen und sich davon ein Stück weit distanziert. Der Sender hatte erklärt, der umstrittene Beitrag sei aus der ZDF-Mediathek genommen worden, "weil die Passage nicht den Qualitätsansprüchen und Regularien des ZDF entspricht. Dies ist jedoch von der strafrechtlichen Bewertung der in Rede stehenden Sequenz klar zu trennen."

Und jetzt zeigt also die ARD einen Auszug aus dem Gedicht? Jein. Denn man entschied sich zu einer skurrilen Zwischenlösung bei Maischberger: Die Auszüge aus dem Gedicht wurden ohne die ursprüngliche Tonspur gezeigt. Böhmermann sprach also nicht. Stattdessen wurde der Text als Untertitel eingeblendet - und ein Off-Sprecher las ihn gleichzeitig vor. Derbe Begriffe wie "Ziegen ficken" inbegriffen.

So mancher Zuschauer dürfte sich gefragt haben, was das sollte: Das Gedicht wird gezeigt, aber nicht von Böhmermann vorgetragen, sondern von einem unbekannten Off-Sprecher? Zusammen mit der langen und breiten Erläuterung von Maischberger zuvor wirkte irgendwie alles, als habe die ARD Angst vor der eigenen Courage gehabt und so ein bisschen kalte Füße bekommen.

ARD erklärt die Entscheidung

Der zuständige Westdeutsche Rundfunk hat auf Anfrage unserer Onlineredaktion die Entscheidung erklärt. "Als Grundlage für die Diskussion war es wichtig", so eine WDR-Sprecherin, "zentrale Passagen aus dem Dialog zwischen Kabelka und Böhmermann sowie dem Schmähgedicht zu zeigen, ohne sich dieses zu eigen zu machen. Die von der Redaktion gewählte Form sollte den Zitatcharakter unterstreichen." Die Sprecherin betont: "Es gab keinerlei Auflagen."

Jan-Böhmermann-Gedicht in Auszügen nun in ARD-Mediathek

Interessanterweise ist die Maischberger-Fassung des Böhmermann-Gedichts nun auch in der ARD-Mediathek zu sehen (hier ab etwa Minute 12) - während die "Ur-Fassung" beim ZDF gelöscht wurde und gelöscht blieb.

Und Maischberger hatte übrigens nicht ganz recht, als sie meinte, dass das Original-Gedicht von Jan Böhmermann nur in Bruchstücken im Web zu finden sei. Wir haben das ganze Böhmermann-Schmähgedicht auf Erdogan für Sie gefunden.

Der Fall Böhmermann beschäftigt nun schon seit mehreren Wochen die Öffentlichkeit und die Politik. Böhmermann hatte in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" Erdogan in einem Gedicht, das er als "Schmähkritik" angekündigt und in den Kontext einer Diskussion über die Grenzen von Satire und Meinungsfreiheit gestellt hatte, mit Worten unter der Gürtellinie angegriffen. Grund war Erdogans heftige Reaktion auf eine Satire der Sendung "extra3".

lin

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.