Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, über Holocaust und Antisemitismus, Juden und Flüchtlinge

„Jeder Schüler sollte einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen“

„Es gibt keine authentischeren Orte, um das Grauen der Judenvernichtung begreifbar zu machen.“ Josef Schuster über Konzentrationslager (im Bild: Auschwitz).

Sechs Millionen europäische Juden fielen dem Völkermord der Nazis zum Opfer. An sie wird heute erinnert, jenem Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz 1945 befreit wurde.

Wir sprachen aus diesem Anlass mit Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.

Herr Schuster, am Mittwoch wird der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 71 Jahren gedacht. Wie werden Sie diesen Tag begehen?

Josef Schuster: Ich werde in Berlin an der Gedenkstunde des Bundestags teilnehmen, wo die Schriftstellerin und Schoa-Überlebende Ruth Klüger (Porträt auf Blickpunkt-Seite) die Gedenkrede halten wird.

Unterliegt der Holocaust-Gedenktag nicht der Gefahr, ein leeres Ritual zu werden? 

Schuster: Nein, ich finde es im Gegenteil gut, dass es im Kalender ein festes Datum gibt, an dem an die Opfer der Shoa erinnert wird. Die Redner wechseln, jeder bringt seine eigene Geschichte mit.

Es gibt aber immer weniger Zeitzeugen, die noch vom Holocaust und vom Überleben in Konzentrationslagern berichten können. Wird das zum Problem? 

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Schuster: Die Vermittlung über das Leben und Sterben wird natürlich schwieriger. Umso wichtiger ist es, dass in den vergangenen Jahren Originalberichte gesammelt, Originalbilder und -töne digitalisiert wurden, so dass vor allem den Jüngeren authentische Quellen weiterhin zu Verfügung stehen. Und der sogenannten zweiten Generation, sprich den Kindern der Shoa-Überlebenden, kommt bei der Vermittlung eine zunehmende Verantwortung zu.

Bei der Vermittlung sind besonders Schulen und ihre Lehrer gefragt.

Schuster. Es wäre hilfreich, wenn meine Forderung umgesetzt würde, dass jeder Schüler in seiner schulischen Laufbahn mindestens einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen würde. Es gibt keine authentischeren Orte, um das Grauen der Judenvernichtung begreifbar zu machen.

Es gibt trotz Aufklärung und Aufarbeitung immer noch einen Bodensatz an Antisemitismus in Deutschland. Woher kommt es, dass dieses älteste Vorurteil der Geschichte nicht vergeht? 

Schuster: Der Begriff Bodensatz ist fast schon verharmlosend, wenn man sich vor Augen hält, dass nach Umfragen rund 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Vorurteile pflegen.

Ich sehe die historischen Ursachen für den gleichbleibend hohen Anteil von Antisemiten in Deutschland – und anderswo – vor allem bei den Kirchen, die jahrhundertelang Antisemitismus gepredigt haben. Das hat sich im Bewusstsein der Menschen festgesetzt. Diese alten Vorurteile werden – ob bewusst oder unbewusst – an die nächsten Generationen weitergegeben. Denn kein Mensch wird als Antisemit geboren. Das soll aber kein Vorwurf gegen heutige Kirchenvertreter sein, denn Antisemitismus findet sich heute völlig losgelöst von den Kirchen. Und die evangelische Kirche etwa arbeitet ja im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum die unrühmliche Rolle Martin Luthers bei der Verbreitung des Antisemitismus auf.

Hat sich der Antisemitismus im Laufe der Jahre geändert?

Schuster: Ja. Es gibt immer noch den plumpen, vulgären Antisemitismus. Aber wir registrieren auch einen Antisemitismus in gutbürgerlichen Kreisen, der im Gewand von „Man wird ja wohl noch sagten dürfen... .“ daherkommt und dann doch nur antisemitische Vorurteile verbreitet. Oft tarnt sich Antisemitismus auch als Kritik am Staat Israel.

Trotz dieses bleibenden Antisemitismus, trotz manch tätlicher Angriffe auf Juden: Fühlt sich der Präsident des Zentralrats sicher in Deutschland? 

Schuster: Ich habe natürlich leicht reden, schließlich stehe ich seit meiner Wahl zum Präsidenten unter Personenschutz. Aber ich lebe seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland und habe mich hier immer sicher gefühlt. Das gilt meines Erachtens auch für die jüdischen Gemeinden.

Warum dann aber Ihre Empfehlung im vergangenen Jahr, Juden sollten in manchen Bezirken Berlins auf das Tragen der Kippa verzichten? 

Schuster: Da sehe ich keinen Widerspruch. Es ist doch eine Binsenweisheit, dass in einzelnen großstädtischen Stadtvierteln mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil das Tragen der Kippa als Provokation empfunden wird. Das ist bedauerlich und ich hoffe, dass sich das irgendwann einmal ändert. Aber vor Tatsachen darf man auch nicht die Augen verschließen.

Israels Ministerpräsident Netanjahu empfiehlt den Juden in Europa immer wieder, doch lieber nach Israel auszuwandern. Haben Sie Verständnis für diese Forderung? 

Schuster: Es ist die Aufgabe eines jeden israelischen Regierungschefs, für jüdische Einwanderung ins Land zu werben. Aber wenn das etwa nach den Anschlägen in Frankreich passiert, wo auch ein Supermarkt mit koscheren Lebensmitteln angegriffen wurde, dann sage ich: Auch in Israel ist man nicht vor Terror sicher, leider.

Wir müssen noch über den Flüchtlingsstrom nach Deutschland reden. Wo positioniert sich der Präsident des Zentralrats?

Schuster: Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Wer hätte nicht mehr Verständnis für die Lage von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, als ein Jude. Insofern hat mich die im Herbst gezeigte Willkommenskultur in unserem Land tief berührt. Ich habe eine solche Hilfsbereitschaft nicht für möglich gehalten, sie ist ein positives Zeichen für die deutsche Gesellschaft.

Und das zweite Herz?

Schuster: Das ist erfüllt mit Sorge angesichts der vielen arabisch-stämmigen Menschen, die zu uns kommen. Sie sind aufgewachsen mit einem juden- und israelfeindlichen Bild, wurden erzogen in Schulen, in deren Atlanten der Staat Israel nicht zu finden ist. Und es ist ihnen von klein auf beigebracht worden, Juden seien der Teufel in Person. Das haben sie verinnerlicht. Deshalb wird es ein langwieriger Prozess werden, um sie in unser Wertesystem zu integrieren.

Muslimen schlägt nach den abstoßenden Vorfällen in der Silvesternacht in Köln und anderswo eine feindselige Haltung entgegen. Ist das nicht in Teilen verständlich?

Schuster: Die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung hat sich verändert, ohne Frage. Das zeigt sich schon am Zulauf, den rechtspopulistische Parteien und Organisationen wie AfD und Pegida haben. Derzeit richten sich Ablehnung und Hass gegen Muslime, aber ich fürchte, dass sich das letztlich gegen alle Minderheiten und damit auch wieder gegen Juden richten kann.

Sie haben sich gewünscht, dass der Zentralrat rauskommt aus der Meckerecke und nicht nur mit Warnungen und Mahnungen wahrgenommen wird. Welche Frage müsste ich Ihnen stellen, damit Sie noch ein Thema loswerden können, das Ihnen am Herzen liegt? 

Schuster: Dann fragen Sie mich nach dem 6. Februar.

Was ist am 6. Februar?

Schuster: Da findet in Mannheim die Jewrovision, der größte Gesangs- und Tanzwettbewerb in Europa für jüdische Jugendliche statt. 1200 Jugendliche aus 60 jüdischen Gemeinden nehmen an dem Wettbewerb und der begleitenden Jugendfreizeit teil. Bei der Jewrovision können Sie das moderne jüdische Leben in seiner ganzen Vielfalt und mit seiner ansteckenden Begeisterung erleben.

Dr. Josef Schuster (61) kam 1954 in Haifa/Israel zur Welt. 1956 kehrten seine Eltern mit ihm in die väterliche Heimat Unterfranken zurück. Schuster studierte in Würzburg Medizin und ließ sich 1988 dort als Internist mit einer eigenen Praxis nieder. Seit November 2014 ist er Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schuster ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Hintergrund: Der Holocaust

Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz. Das Lager steht symbolhaft für den NS-Völkermord an Millionen Menschen. Seit 1996 wird auf Anregung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog an diesem Tag in Deutschland der Opfer gedacht. Auch der Bundestag erinnert jährlich in einer Feierstunde an die Toten.

2005 riefen die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus. Israel gedenkt jährlich am Tag Jom ha-Schoah der Holocaustopfer, 2016 am 5. Mai.

Orte des Nazi-Schreckens

An die Orte des Schreckens der Nazi-Gewaltherrschaft erinnern unter anderem diese Gedenkstätten in der Region.

• In der Gedenkstätte Breitenau/Guxhagen sind u.a. die ehemaligen Haftzellen in der Klosterkirche zu besichtigen. Kontakt: 0 56 65 / 35 33 Internet: www.gedenkstaette-breitenau.de

• Die Gedenkstätte Trutzhain in Schwalmstadt auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers zeigt u.a. von Häftlingen angefertigte Skulpturen, Gemälde und Porträts. Auch Reste mehrerer Massengräber sind zu sehen. Kontakt: 0 66 91 /71 06 62, www.gedenkstaette-trutzhain.de

• Die KZ-Gedenkstätte Moringen in Niedersachsen zeigt zwei Ausstellungen: über das Männer- und Frauen-KZ sowie das Jugend-KZ – die Lager waren zwischen 1933 und 1945 für politisch Verfolgte und vermeintlich Kriminelle eingerichtet worden. 0 55 54 / 25 20 und www.gedenkstaette-moringen.de

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