Jeder zehnte Niedersachse mit regulärer Arbeit hat Minijob obendrauf

Hannover/Bremen. Immer mehr regulär beschäftigte Menschen haben zusätzlich auch noch einen Nebenjob. Doch ob sie das machen, weil das Geld aus ihrem ersten Job nicht zum Leben reicht, ist unklar.

In Niedersachsen haben so viele Menschen wie noch nie einen Nebenjob auf 450-Euro-Basis. Ende vergangenen Jahres verdienten sich rund eine Viertelmillion (250.209) Beschäftigte, die in erster Linie eine sozialversicherungspflichtige Stelle haben, mit einem Minijob etwas hinzu.

Seit Ende 2003 ist das eine Verdoppelung, das Plus liegt bei 97 Prozent. Damals hatte es in Niedersachsen 127.066 Minijobber im Nebenjob gegeben. Diese Zahlen teilte die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Es handele sich um einen Rekordwert.

Generell gilt: Unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verdient jeder Zehnte (9,5 Prozent) auf 450-Euro-Basis hinzu. Vor zehn Jahren lag der Zweijobber-Anteil mit 5,4 Prozent klar niedriger. Beim kleinen Nachbarn Bremen gibt es eine ähnliche Entwicklung. Nach Angaben der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven stieg die Zahl der Menschen mit Zweitjob von knapp sechs Prozent im Dezember 2003 auf rund neun Prozent im Dezember 2012. Fast 26.000 Menschen hatten Ende vergangenen Jahres eine Stelle auf 450-Euro-Basis - neun Jahre zuvor waren es nur rund 15.000.

Eine Interpretation der Zahlen liegt nahe: Das Einkommen aus der regulären Arbeit reicht womöglich für immer mehr Menschen nicht mehr zum Leben aus - sie müssen dazuverdienen. Doch diese Sicht ist nicht zwingend richtig. „Was wir sagen können, ist, dass der Bereich Minijobber im Nebenjob boomt“, sagt Arbeitsagentur-Sprecher Michael Köster. Fakt sei, dass die Zahl der Teilzeitjobs in der Vergangenheit stieg. Damit wächst rein rechnerisch eine Basis, die offener für 450-Euro-Zweitjobs ist. Auch müsste die Altersverteilung der Nebenjobber berücksichtigt werden. Die Altersgruppe jüngerer Frauen mit einem Minijob als Nebenjob wäre beispielsweise besonders interessant, noch interessanter die der alleinerziehenden Mütter. Solche Zusammenhänge kann die nackte Statistik aber nicht erklären.

Fakt ist: Der Zuwachs der 450-Euro-Zweitjobs fiel bundesweit nicht so stark aus wie in Niedersachsen. 84 Prozent Plus zwischen Alpen und Küste stehen den 97 Prozent zwischen Harz und Küste gegenüber. Ein Erklärungsansatz ist das Lohnniveau der Bundesländer. Der monatliche Durchschnittbruttoverdienst (ohne Azubi-Gehälter) lag in Westdeutschland laut den jüngsten Zahlen von Ende 2010 bei 2835 Euro. Niedersachsen dagegen steht mit 2619 Euro gut 200 Euro unter diesem Durchschnittswert. Die Spitzen reichen in Baden-Württemberg und Bayern an die 3000 Euro heran. Man könnte also auch sagen: Für das Niveau Süddeutschlands brauchen die Niedersachsen einen 450-Euro-Job.

Während die regulären Jobs mit Sozialversicherungsbeiträgen in Niedersachsen von Ende 2003 bis Ende 2012 um 12 Prozent zulegten, fiel das bundesweite Plus mit 27 Prozent im gleichen Zeitraum stärker aus. Manche Kritiker monieren, dass Minijobs Vollzeitstellen verdrängen. Was die Höhe der Einkommen anbelangt, ist der sogenannte Niedriglohnsektor unter 1890 Euro Monatsbrutto in Westdeutschland ein Indikator. Unter dieser Grenze verdiente Ende 2010 jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Niedersachsen.

Doch bei diesen Zahlen unterscheiden sich westdeutsche Flächenbundesländer kaum, selbst im reichen Bayern ist es jeder Fünfte (21 Prozent). Der Landesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Hartmut Tölle, sagte am Montag: „Wenn Niedriglöhne immer mehr zunehmen, ist es kein Wunder, dass Menschen zwei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen. Das Einkommen aus einer Vollzeittätigkeit muss reichen, um eine Familie zu ernähren.“

Neben flächendeckenden Tarifstandards müssten endlich auch überall gesetzliche Mindestlöhne greifen. Tölle forderte zudem eine Reform der Minijobs selber. „Notwendig ist die Sozialversicherungspflicht von der ersten Stunde an. (dpa)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa-mm

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