Von Toilettenstühlen in Übergröße bis hin zum Lastenlift

Jeder Zweite ist zu dick - Kliniken rüsten auf

Auch das Göttinger-Universitätsklinikum hat aufgerüstet: Krankenschwester Agata Hnatowizc präsentiert einen XXL-Toilettenstuhl. Foto: Archiv

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat Übergewicht. Und die Zahl nimmt stetig zu. Besonders die Entwicklung bei Männern bereitet Sorge. Krankenhäuser und Bestatter rüsten auf.

Es ist keine besonders charmante Diagnose, aber es ist nun einmal so: Die Deutschen sind zu dick. Mehr als jeder zweite Erwachsene (52 Prozent) hatte 2013 Übergewicht, wie das Statistische Bundesamt kürzlich mitteilte. Damit ist der Anteil der Übergewichtigen seit der Erhebung 1999 um vier Prozentpunkte gestiegen. Männer sind häufiger betroffen als Frauen: 62 Prozent von ihnen sind zu schwer, von den Frauen bringen 43 Prozent zu viel auf die Waage.

Weiter heißt es im zwölften Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der alle vier Jahre im Auftrag der Bundesregierung erstellt wird, dass der Anteil der Übergewichtigen mit steigendem Alter kontinuierlich zunimmt: In der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen sind rund 74 Prozent der Männer und rund 63 Prozent der Frauen übergewichtig.

Das erhöht den Aufwand für Behandlungen und medizinische Diagnosen erheblich. Denn entsprechend dem zunehmendem Trend in der Gesamtbevölkerung – schon 23 Prozent der Erwachsenen gelten als stark übergewichtig – nimmt auch in den Krankenhäusern die Zahl der XXL-Patienten stetig zu.

Diese Entwicklung wird mittlerweile zu einem großen Problem, das im Klinikalltag schon bei Kleinigkeiten beginnt: Kanülen sind zu kurz, um die Fettschicht durchdringen zu können, Ultraschallgeräte liefern ab einer gewissen Leibesfülle keine klaren Bilder mehr, OP-Tische können die Last nicht tragen und für jede Versorgung sind mehr Pflegekräfte nötig als üblich.

In den vergangenen Jahren hat sowohl das Klinikum Kassel als auch die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) in Spezialbetten mit einer Tragkraft von bis zu 450 Kilogramm, fahrbare Toilettenstühle bis 350 Kilogramm und OP-Tische mit einer Maximalbelastung von 245 Kilogramm in Kassel und einen Schwerlasttisch in Göttingen bis 350 Kilogramm investiert.

Laut UMG-Pressesprecher Stefan Weller belaufen sich die Kosten für die OP-Tischsysteme je nach Ausstattung auf jeweils 23 000 Euro und 30 000 Euro brutto. In Kassel wurden auf zwei Stationen vier Zimmer für stark übergewichtige Patienten ausgelegt, erklärt Gisa Stämm, Pressesprecherin der Gesundheit Holding Nordhessen: „Die Räume haben breitere Türen und es gibt spezielle Lifter an der Decke, die bis 400 Kilogramm heben können.“

Das ist auch nötig – denn die Zahl der stationären Behandlungen von „XXL-Patienten“ in deutschen Krankenhäusern nimmt zu: Nach Auswertung aktueller Daten der Krankenkasse DAKGesundheit stiegen die Eingriffe in der sogenannten Adipositas-Chirurgie in den vergangenen fünf Jahren um 60 Prozent.

Hintergrund: Chirurgische Maßnahmen gegen krankhafte Fettsucht

Bei der sogenannten Adipositas-Chirurgie werden verschiedene Methoden angewandt: Bei einer Magenband-OP wird ein Band um den Magen gelegt, um zu verhindern, dass zu viel Nahrung aufgenommen werden kann. Die Größe des Bandes ist einstellbar und es kann jederzeit wieder entfernt werden. Die Magenverkleinerung (Schlauchmagen) wirkt ähnlich wie das Magenband, jedoch werden Teile des Magens entfernt. Dies lässt sich nicht rückgängig machen.

Der Magenbypass ist die radikalste dieser Operationsformen. Es werden neben dem Magen auch Teile des Darms verkürzt. Laut DAK gehört zu den medizinischen Voraussetzungen einer Adipositas-Chirurgie , dass die Patienten mehr als fünf Jahre stark übergewichtig sind und einen Body Mass Index (BMI) über 40 haben. Bei chronischen Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus oder starken Wirbelsäulenbeschwerden gilt ein BMI von mehr als 35. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass bei den Betroffenen konservative Behandlungsmethoden wie Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapien ohne Erfolg blieben.

Von Melanie Triesch

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