Interview mit Uriel Kashi: „Jerusalem ist ja auch Hauptstadt“

Hier ist es sonst quirlig voller Touristen und Händler: Die arabischen Händler in der Jerusalemer Altstadt haben nach der Trump-Rede zum Generalstreik aufgerufen und ihre Geschäfte geschlossen. Foto: Privat/nh

Mit seinem historischen Alleingang in der Jerusalem-Frage hat US-Präsident Trump den Nahen Osten in Aufruhr versetzt. Die Hamas ruft zum Aufstand auf. Wie sehen Jerusalemer selbst die Lage? Darüber sprachen wir mit einem von ihnen, Uriel Kashi.

Herr Kashi, wie ist die Lage in Jerusalem? 

Uriel Kashi: In West-Jeruslaem ist es entspannt, ruhig wie immer. In Ost-Jerusalem, in der Altstadt, ist auch nicht viel mehr Polizeipräsenz als sonst. Das Neue seit Donald Trumps Rede ist, dass die arabischen Geschäfte, sprich die Geschäfte im muslimischen und im christlichen Viertel, zum Generalstreik aufgerufen haben. Dort sind jetzt die meisten Läden dicht. Die Grabeskirche ist aber voll wie immer, viele Touristen sind dort. Örtliche Spannungen gab es vorm Damaskustor, im modernen Ostteil und im palästinensischen Autonomiegebiet, also etwa in Ramallah und Betlehem.

Wie ist denn die Lage am Tempelberg? Gibt es noch Führungen auf dem Plateau rund um den Felsendom? 

Kashi: Meines Wissens ist dort nichts gesperrt. Zur Klagemauer kann man ganz normal gehen, die Cafés und Restaurants sind voll. Jedenfalls herrscht hier keine Weltuntergangsstimmung. Ich glaube, man muss auch aufpassen, dass man nicht von ein paar Fernsehbildern aufs Ganze schließt. Zurzeit läuft hier eigentlich alles ganz normal.

Gibt es Israelis, welche Trumps Entscheidung, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, kritisch sehen? 

Kashi: Naja, de facto ist Jerusalem ja auch die Hauptstadt Israels, genau wie Donald Trump es gesagt hat. Das Parlament, die Knesset, die Regierung, der Oberste Gerichtshof sind hier. Jeder Staatsgast übernachtet hier und führt hier die Gespräche, so auch Angela Merkel. So gesehen hat Trump nur gesagt, was ist. Es gibt aber natürlich auch Israelis, die sich sorgen, ob Trumps Rede Ausschreitungen nach sich zieht.

„Man fühlt sich hier sehr sicher, weil sich herumgesprochen hat, dass man in Israel gelernt hat mit Terrorismus umzugehen.“

Kann die Bedrohungslage noch schlimmer werden?

Kashi: Es mag anders scheinen, aber wir haben hier eine gute Phase. Gewiss gab es Attentate, meist auf Polizisten, Soldaten oder auf vermeintlich radikale Siedler. Intifada ist aber etwas anderes. Das waren viel breiter gestreute Anschläge auf Restaurants, Busse und Zivilisten mit viel mehr Toten. Damals war der Tourismus komplett eingebrochen.

Wie ist es heute? 

Kashi: Dieses Jahr ist mit über 3 Millionen Touristen ein Rekordjahr gewesen. Das hat wohl auch damit zu tun, dass man sich hier sehr sicher fühlt, weil sich herumgesprochen hat, dass man in Israel gelernt hat mit Terrorismus umzugehen. Man fühlt sich hier nicht unsicherer als in einem europäischen Land.

Welche Dynamik bringt die Trump-Rede in diese Lage? 

Kashi: Das Gefühl „Für uns interessiert sich eigentlich keiner mehr“ ist aus palästinensischer Sicht durch die Trump-Rede sicher bestärkt worden. Dazu toben auch viel zu viele andere Konflikte in der Welt: Jemen, Syrien, Schiiten gegen Sunniten, Saudi-Arabien, Iran, IS, Libanon.

Wird Trumps Rede zu einem Aufstand führen? 

Kashi: Das könnte passieren. Aber ich glaube nicht, dass es passiert. Man sieht ja auch in den palästinensischen Gebieten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Tourismus boomt nicht nur in Israel, sondern auch in Palästina. In und um Ramallah wird viel gebaut. Man hat auch hier mehr zu verlieren als früher.

Demonstrative Verbrennung von Bildern des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu und des US-Präsidenten Donald Trump: Unser Foto entstand gestern in Gaza-Stadt. Foto: afp

Der Wunsch nach einem eigenen palästinensischen Staat ist doch verständlich? 

Kashi: Ja sicher, und sie warten und hoffen schon so lange darauf. Die israelische Besatzung in Palästina muss beendet werden. Besonders die jetzige rechte Regierung in Israel nimmt vielen Menschen die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben. Anderseits sehen die Araber in Israel und in Palästina, wie es in arabischen Staaten rundum zugeht. In der Westbank gilt Israel daher manchen Arabern sogar auch als stabilisierender Faktor. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man weder von der palästinensischen noch von der israelischen Regierung eine bessere Zukunft erwartet.

Ist die Zwei-Staaten-Lösung mit Trumps Rede gestorben? 

Kashi: Das hört man immer öfter. Die Alternative wäre eine Annektion der besetzten Gebiete durch Israel, ohne dass die Palästinenser volle staatsbürgerliche Rechte bekommen würden. Das wäre aber in einer Demokratie, die Israel für sich beansprucht, nicht denkbar. Gleichzeitig scheinen die religiösen Scharfmacher auf beiden Seiten immer stärker zu werden.

Was ändert dann Trumps Rede? 

Kashi: Mit Blick auf künftigen Frieden sehe ich da nichts. Umgekehrt bin ich optimistisch, dass die Trump-Rede nicht allzu großen Schaden anrichten wird. Trump hat im Übrigen betont, dass er nichts am Status des Tempelbergs ändern will und offen für eine Zwei-Staaten-Lösung ist, wenn beide Seiten diese wollen. Für einen stabilen Frieden braucht man aber viel mehr, vor allem die Kooperation von Israel, Jordanien und den Palästinensern. Eigentlich bietet der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung dafür gute Chancen. Es fehlen nur leider auf beiden Seiten die nötigen Politiker mit Format und vertrauensbildenden Signalen.

Zur Person: Uriel Kashi

Uriel Kashi

Uriel Kashi (41) ist staatlich lizensierter Reiseleiter für Israel und lebt mit Frau und Familie in Jerusalem. Aufgewachsen in Stuttgart, studierte der gebürtige Tel Aviver Jüdische Geschichte und Pädagogik in Berlin und Jerusalem. Er arbeitete als Bildungsreferent am Jüdischen Museum in Berlin, war Geschäftsführer des Bundesverbands Jüdischer Studenten in Deutschland und arbeitete in der Lehrerfortbildung an der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem. Kashi organisiert und begleitet Studienreisen nach Israel unter anderem für Universitäten und die Bundeszentrale für politische Bildung, aber auch für Pilgergruppen und Einzelreisende.

www.reiseleiter-israel.de

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