Jodpillen für alle unter 18

Empfehlung nach Fukushima: Größere Evakuierungskreise um deutsche Atommeiler

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Nachjustieren im Katastrophenschutz: Hessens Umweltministerin Priska Hinz.

Berlin / Kassel. Drei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima wird ein besserer Katastrophenschutz rund um deutsche Kernkraftwerke vorbereitet. Neue Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (SSK), die die Bundesregierung berät, sollen die Bundesländer umsetzen. Fragen und Antworten.

Was haben wir eigentlich mit Fukushima zu tun?

Der GAU in Japan hat die damals schwarz-gelbe Bundesregierung zur Kehrtwende in ihrer Energiepolitik und zum Atomausstieg veranlasst: Nach Fukushima wurden die sieben ältesten deutschen AKW und der pannenanfällige Meiler Krümmel abgeschaltet, die restlichen neun Meiler sollen bis 2022 folgen. Die SSK-Experten haben die Folgen des Fukushima-GAU durchgecheckt und Schutzkonzepte für Anlieger deutscher AKW ziemlich aufgeweitet.

Angeblich sind deutsche AKW doch besonders sicher, oder?

Schwere Unfälle nennt auch SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks „äußerst unwahrscheinlich“. Aber „Gibt’s nicht!“ gibt’s nicht im Katastrophenschutz.

Was soll im Detail geändert werden?

Notfallvorsorge müsse unabhängig von Eintrittswahrscheinlichkeiten sein, sagt Hendricks. Das sei eine der Lehren aus Fukushima. Unabhängig von Statistikprognosen wie „Passiert nur einmal in 1000 Jahren“ hat man nun Folgen und Schäden eines großen AKW-Unfalls mehr in den Blick genommen.

Was heißt das für die Anwohner von Meilern, die noch arbeiten?

Ziel aller Vorsorge (Einnahme von Jodtabletten, Aufenthalt im Haus, Evakuierung) ist es, Gesundheitsschäden durch Strahlung zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen. Bei einem schweren Atomunfall mit Freisetzung radioaktiver Strahlung sollen Anwohner einer Kernzone fünf Kilometer um das AKW künftig in sechs Stunden evakuiert werden können. Das gilt bislang nur im Zwei-Kilometer-Umkreis. Menschen der folgenden Mittelzone bis 20 Kilometer (bisher 10) sollen innerhalb von 24 Stunden weg sein können. Auch da rät die SSK zu penibler Vorbereitung.

Was hat man aus dem Fukushima-GAU noch gelernt?

In Japan mussten abhängig von Wetter sowie Windrichtung letztlich bis zu 30 Kilometer weit „150 000 Menschen evakuiert oder umgesiedelt werden, dabei herrschte teils Konfusion, weil mit veralteten und unvollständigen Plänen gearbeitet werden musste“ - oder ganz ohne Pläne. Das habe zu vermeidbaren Todesfällen geführt, warnt die SSK.

Neben den Kern- und Mittelzonen gibt es Empfehlungen für eine 100-Kilometer-Außenzone. Was sagen diese?

Auch diese Zone würde von heute 50 Kilometern im Radius verdoppelt und damit Millionenstädte wie Hamburg und München einschließen. Hier soll - abhängig von Radioaktivitätsmessungen - die flächendeckende Ausgabe von Jodtabletten an alle bis zu 45-Jährigen vorbereitet werden. Jodtabletten sättigen die Schilddrüsen und verhindern, dass der Körper radioaktives Jod aufnimmt, das beim GAU frei wird. In der ganzen Bundesrepulik sollen Jodpillen für alle unter 18 Jahren und für Schwangere bereitliegen.

Was ziehen Strahlenschützer außerdem für Schlüsse?

Dass große Offenheit wichtig ist: Rund um Fukushima „waren Entscheidungen für Betroffene vielfach nicht nachvollziehbar, über Risiken wurde nur unzureichend informiert. Die Bevölkerung musste lange mit erheblichen Unsicherheiten (...) leben“ - was zusätzlich zermürbte.

Was ist mit Plänen Polens für ein AKW nahe Danzig, vor denen Greenpeace warnt?

Danzig liegt gut 300 Kilometer von der Grenze zu Deutschland weg. Für grenznahe ausländische AKW soll das SSK-Papier auch gelten.

Wie geht es nun weiter mit den SSK-Empfehlungen?

In Niedersachsen hat laut Umweltministerium Hannover eine interministerielle Arbeitsgruppe mit Umsetzung des Katalogs begonnen.

Und welche Konsequenzen zieht Hessen?

In Biblis, Hessens einzigem AKW, bleibt es laut Umweltministerium Wiesbaden zunächst beim alten 10-Kilometer-Evakuierungsbereich. Die Biblis-Blöcke sind für immer abgeschaltet. Für solche Meiler und AKW-Zwischenlager kommen noch Extra-Empfehlungen. Für einige Landkreise plane man wegen ihrer Nähe zu AKW anderer Bundesländer Maßnahmen der neuen Außenzone, so das Ministerium. Mit größeren Radien ums AKW Grohnde bei Hameln trifft das auch die Region. 

SSK zu neuen Schutzzonen

Von Wolfang Riek

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