Interview

Justizminister Maas: „Froh über jüdisches Leben“

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Eines der wichtigste Symbole des jüdischen Lebens in Deutschland: Die neue Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin.

Nach den Anschlägen in Frankreich und Dänemark fordert Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu europäische Juden zur Auswanderung auf.

Zentralratspräsident Josef Schuster ermunterte dagegen die Juden, in Deutschland zu bleiben. Mit Bundesjustizminister Heiko Maas sprachen wir über die Situation der Juden in Deutschland.

Ist die Sicherheit von Juden auch in Deutschland in Gefahr? 

Heiko Maas: Ich befürchte, die Bedrohung ist bei uns nicht geringer als in vielen anderen Ländern. Solange die Polizei Synagogen und jüdische Schulen schützen muss, sind wir von einem normalen Miteinander noch sehr weit entfernt. Zum Glück hat sich die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in den vergangenen Jahren dennoch vervielfacht. Ich empfinde das besonders mit Blick auf unsere Vergangenheit als ein unverdientes Geschenk, für das wir sehr dankbar sind.

Die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt jedoch seit Jahren. Was kann die Politik dagegen tun? 

Maas: Wir müssen deutlich machen: Jeder Angriff auf jüdisches Leben ist ein Angriff auf uns alle. Das Recht und wir alle stehen an der Seite der Juden. Wir werden alles tun, um jüdisches Leben hier bei uns zu schützen. Das gilt nicht nur für die Sicherheitsbehörden, sondern auch für die Justiz. Wer jüdisches Leben in Deutschland attackiert, darf keine Toleranz erwarten und wird mit aller Härte des Gesetzes zur Rechenschaft gezogen.

Was halten Sie vom Aufruf Netanjahus an Juden, nach Israel auszuwandern? 

Maas: Das Interesse Israels an der Einwanderung jüdischer Menschen kann ich verstehen. Absolute Sicherheit gibt es aber leider nirgendwo auf der Welt - für niemanden. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um jüdische Einrichtungen bei uns zu schützen. Denn: Wir sind sehr froh über jüdisches Leben in Deutschland, es ist eine enorme Bereicherung für unsere Gesellschaft. Wir wollen weiter gemeinsam mit den Juden, die bei uns sind, die Zukunft unseres Landes gestalten.

Wie lässt sich das Zusammenleben weiter verbessern?

Maas: Bei jeder Bedrohung werden wir an der Seite der jüdischen Gemeinden in Deutschland stehen. Wer auch immer Vorurteile oder Hass verbreitet, dem werden wir uns klar entgegen stellen. Jede Form von Antisemitismus ist ein Angriff auf unsere Grundwerte. Respekt und Dialog sind die Voraussetzung für das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen. Dafür müssen wir alle gemeinsam eintreten, nicht nur in der Politik, sondern jeder einzelne immer und überall.

Zur Person:

Heiko Maas (48, SPD) ist seit 2013 Bundesjustizminister.

Zuvor war er Wirtschaftsminister im Saarland. Gebürtig aus Saarlouis, gehörte der Jurist seit 1994 dem Landtag in Saarbrücken an und war dort 1998/99 Umweltminister. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Hintergrund: Juden in Deutschland

• 1933 bei Machtantritt der Nationalsozialisten lebten 500 000 Juden in Deutschland.

• Etwa zwei Drittel wanderten - vor allem nach den Novemberpogromen im Jahr 1938 - aus. Bei Kriegsausbruch 1939 lebten etwa 220.000 Juden in Deutschland.

• Bei Kriegsende 1945 hatten nur 15.000 von ihnen überlebt - in Konzentrationslagern, versteckt im Untergrund oder weil Ehepartner Nichtjuden waren.

• 1990 lebten in Deutschland rund 30.000 Juden. In Folge des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme stieg die Zahl der in den 108 jüdischen Gemeinden registrierten Juden durch Zuwanderung vor allem aus Osteuropa auf heute 102.000 Juden. Insgesamt wird die Zahl der in Deutschland lebenden Juden auf etwa 250.000 geschätzt. (bli)

Von Hagen Strauss

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