Kali-Abwässer an der Werra: Versenkung vor der Vollbremsung

Kassel. In zehn Wochen endet für den Kasseler Düngemittelhersteller K+S die alte Erlaubnis zur Versenkung von Kali-Abwässern im Kalirevier an der Werra - ein Thema am runden Tisch. Fragen und Antworten zum Thema:

?Runder Tisch am Dienstag in Philippsthal - wieso dort?

!Die Organisatoren gehen bewusst mitten ins Kalirevier. Sie wollen, anders als sonst, auch öffentlich über den Stand der Bemühungen zur Reduzierung der Salzabwässer aus der Kaliindustrie und damit der Umweltrisiken berichten. Es soll so auch deutlich werden, dass wegweisende Entscheidungen anstehen.

Runder Tisch, öffentliche Podiumsdiskussion, 20. September, 17 Uhr, Kreuzberghalle Philippsthal

?„Salzabwasser in die Werra und in poröse tiefe Gesteinsschichten nur noch bis spätestens 2020. Zudem Halbierung der Abwässer bis 2015 - und für diesen Rest ein Rohr zur Nordsee“: Was wurde aus dieser Forderung des runden Tisches?

!In die Werra geleitet oder versenkt wurden bis 2006 über Jahre immer 14 Mio. Kubikmeter, danach 8 bis 12 Millionen. Mit geänderten Aufbereitungsverfahren, für die K+S bis zu 360 Mio. Euro ausgeben will, soll bis Ende 2013 das Abwasservolumen auf 8 Mio. Kubikmeter begrenzt sein, 2015 will K+S dann 7 Millionen schaffen. 90 Experten arbeiten laut K+S an der Umsetzung.

?Damit ist dieser Rest aber nicht gleichzeitig auch weg - was macht die Pipeline?

!K+S will erste Unterlagen zum Bau der Abwasserröhre nach Norden „bis zum zweiten Quartal 2012“ vorlegen. Ob die bis zur Oberweser, an die Landesgrenze Hessen-Niedersachsen, oder bis zur Nordsee reicht, bleibt offen. Im Landtag von Hannover sind CDU, SPD, FDP und Linke gegen das Rohr zur Küste. Die Oberweserleitung stößt auf Widerstand der Anlieger auch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

?Der Leitungsbau zur Nordsee braucht wohl mindestens zehn Jahre. Und bis dahin?

!Abwasser erst mal weiter in die Werra. Und in die Versenkung - dorthin aber deutlich weniger als bisher. Die alte Erlaubnis für jetzt noch zwölf werranahe Versenkbrunnen im Kreis Hersfeld-Rotenburg endet am 30. November. Das Regierungspräsidium Kassel wird sie zwar verlängern - aber mit strengen Auflagen. Nicht wie von K+S beantragt für weitere 46 Millionen Kubikmeter bis Ende 2021, sondern hin zur Vollbremsung.

? Warum so streng, es ging doch die ganzen Jahre?

!Ja, stets genehmigt, zunehmend aber mit bösen Überraschungen. Das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) fordert baldmöglichst das Aus der Versenkung. Weil 300 Millionen Kubikmeter, ein Drittel der seit 1925 versenkten Fluten, ungeplant aus der Tiefe zurück sind und im Buntsandstein Grund- und Trinkwasser gefährden könnten. Nicht akut, schreibt die HLUG in der neuen 29-Seiten-Expertise. Aber schon für zehn Jahre wagt man keine Prognose mehr. Laut HLUG ist es "unzweifelhaft, dass die langjährige Salzabwassereinleitung in den Untergrund zu erheblichen nachteiligen Umweltauswirkungen geführt hat". Aus Vorsorgegründen soll der RP prüfen, drei der 12 Versenkbohrungen stillzulegen.

?Wie wird diese Empfehlung begründet?

!Es geht um die Bohrungen Eichhorst/Bodesruh. Die Thüringer Gemeinde Gerstungen sieht von dort her seit Jahren ihr Trinkwasser beeinträchtigt. Mit dieser Sorge drangen die Gerstunger bislang nirgends durch. Jetzt die Wende - das HLUG gibt nach neuen Erkenntnissen aus Befliegungen und Elektromagnetik-Messungen erstmals zu: Ausgeschlossen ist eine Gefährdung des Gerstunger Wassers nicht.

?Ist Gerstungen nicht gerade vor dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) gescheitert?

!Doch - aber in ganz anderer Sache: Mit Werraanliegern aus Hessen wollte die Gemeinde gerichtlich überprüfen lassen, ob eine alte Erlaubnis des RP tatsächlich die Einleitung von Salzabwässern aus Neuhof bei Fulda in die 60 Kilometer entfernte Werra deckt. Tut sie laut VGH - die Kläger hätten auch gar nicht das Recht, die Frage gerichtlich prüfen zu lassen. Der Gang vor das Bundesverwaltungsgericht ist noch offen, dürfte aber teuer werden und zu spät kommen: Eine neue Erlaubnis für Neuhof-Abwässer - dann nicht mehr per Lkw, sondern Pipeline transportiert - ist in Arbeit. Am 28. November beginnt die Erörterung im Planfeststellungsverfahren. Sie soll bis 16.Dezember dauern und laut RP nicht öffentlich sein. (wrk)

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