Langjähriger Streit um umweltverträgliche Entsorgung

Kalibergbau schafft riesige Mengen Abfall - 1000 Jahre Salz für die Werra

Blick auf eine Abraumhalde des Werra-Kaliwerkes zwischen Philippsthal (Kreis Hersfeld-Rotenburg) und Unterbreizbach (Thüringen). Foto: dpa

Kassel. Der Kali- und Salzproduzent K+S feiert 125-jähriges Bestehen. „Wer Rohstoffe fördert und aufbereitet, greift in die Natur ein“, sagt die Firmen-Homepage. Kalibergbau und Umwelt - ein konfliktreiches Thema. Flüssige Salzabfälle belasten Grundwasser und Flüsse.

Schon die Römer wussten, dass dieser Fluss salzig schmeckt. Diesen Satz kann man zuweilen hören, wenn bei K+S über die Werra gesprochen wird. Klingt harmlos, aber die Römer sind 2000 Jahre weg. Stattdessen gibt es Umweltschutzgesetze, Leute am Fluss und bis Wiesbaden, die ums Grund- und Trinkwasser im osthessischen Kalirevier fürchten, eine EU-Kommission, die Europas Flüsse sauber bekommen will. Auch Deutschlands salzigsten Fluss, die Werra, die seit 100 Jahren als Abwasserkanal der Kaliindustrie dient - was nach neuesten Plänen noch viel länger so bleiben könnte (siehe „Umgeplant...“).

Warum die Aufregung seit ein paar Jahren um Werra, Weser und das Salzwasser? 

Neu ist die Sorge nicht. Schon 1912 meldet die Presse, dass Preußen und andere Werra-Anlieger den Fluss kontrollieren wollen - wegen „Verseuchung des Grundwasserstandes und dem vorjährigen starken Fischsterben“.

Und nun, mehr als 100 Jahre später? 

Wird kontrolliert, sind Einleitungen behördlich genehmigt, ist die Werra immer noch weit von einem Süßwasserfluss und gutem ökologischen Zustand entfernt.

War es nicht früher viel schlimmer? 

Ja. Zu DDR-Zeiten, so erinnern sich Zeitzeugen, war die Werra am Grenzzaun ein dunkler stinkender Wasserlauf, auf dem Schaum trieb. Der bis heute gültige Grenzwert von 2500 mg/l Chlorid am Pegel Gerstungen stand nur auf dem Papier. Im Fluss wurden Spitzen von 30.000 oder 40.000 mg/l Chlorid gemessen, für die vor allem die Kaliindustrie im Osten sorgte. Besser wurde das erst nach der Wende. In Thüringen machten Gruben dicht, K+S sorgte mit Millionenhilfe von Bund und Ländern, neuer Technik sowie Salzlaststeuerung dafür, dass die Abwassereinleitung sich gleichmäßiger den Fluten im Fluss anpasste.

Und der Chloridgrenzwert 2500 mg/l von 1942? 

Der wird seit 1999 endlich eingehalten. In die Brackwasser-Ödnis der 1950er/60er sind einige verschwundene Fischarten und Kleinlebewesen, die Salz abkönnen, zurückgewandert. Dennoch bleibt der ökologische Zustand hinter den Fabriken schlecht.

Und andere Schäden? 

NRW und Bremen beklagen, dass sie salzbelastete Randbereiche der Weser nicht zur Trinkwassergewinnung oder zur Felder-Beregnung nutzen können. Das Salzwasser schädigt Bauwerke und Technik am Fluss durch Korrosion - richtig untersucht und aufaddiert wurden Schäden Dritter oder der Allgemeinheit bis heute aber nicht. Die Abwässer mit Chlorid, Magnesium und Kalium sind der Hauptstressfaktor - andere sind Kläranlagenabflüsse, Düngereintrag von Feldern, Ausbau der Flüsse.

Was hat die salzige Werra mit den Römern zu tun? 

Wo die Erde mächtige Salzlager birgt, wie an der Werra, finden sich in der Tiefe auch natürliche salzige Wässer. Die können aufsteigen und in die Flüsse sickern - auch schon zu Römerzeiten ohne Bergbau. Dass Kaliabwässer seit bald 100 Jahren in die Tiefe gepumpt werden, hat den Aufstieg nach oben aber verstärkt. Den natürlichen Salzwässern folgten Mischungen mit mehr oder weniger Abwasser. Grob ein Drittel der gesamten Versenkung soll so schließlich doch in der Werra gelandet sein, ein Drittel soll im Plattendolomit schwappen, der Rest darüber im Buntsandstein - niemand weiß wo.

Sollte nicht die Versenkung schon 2011 enden? 

Schnellstmöglich, das fordern Experten des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie (HLUG) schon seit Jahren aus Angst ums Trinkwasser, das ja ebenfalls im Buntsandstein gewonnen wird. Schon in der Vergangenheit mussten versalzene Brunnen stillgelegt werden. Die neue Öko-Effizienz-Analyse im Landesauftrag spricht von 20 Trinkwasserbrunnen und -quellen, für die eine potenzielle Gefährdung nicht auszuschließen sei. Das treffe hochgerechnet 22 000 Einwohner des Werratals.

• HLUG 2011 zur Versenkung: http://zu.hna.de/salzhlug

Salz im Fluss, im Boden, auf Halden - warum schafft K+S das nicht dahin zurück, wo’s herkommt - in den Berg?

Das Zurückbringen (Versatz) ist sicherheitstechnisch zur Stabilisierung leerer Abbaue an der Werra schon lange nicht mehr nötig. Die im Bergrecht festgelegte Versatzpflicht wurde erst ausgesetzt, später abgeschafft. Bleibt noch die Geldfrage: Zurück in den Berg mit Abfallsalz - das ist teurer als Entsorgung oben in die Flüsse.

Hintergrund: Irgendwann doch im Fluss

• Beim Goldschürfen ist die Ausbeute mengenmäßig noch sehr viel geringer. Aber auch der Kalibergbau holt deutlich mehr Salz aus der Tiefe ans Licht als er letztlich verwertet. Pro Tonne verkaufter Produkte fallen drei bis vier Tonnen Abfall an. Die müssen irgendwie weg - fest oder in Wasser gelöst.

Salzabwasser in die Flüsse:  Die Hauptlast der flüssigen Abfälle im Kalirevier tragen seit grob100 Jahren Werra und Weser. Als Abwasserlauf zur Nordsee schwemmen sie nicht Verwertbares aus Kalifabriken und von Halden weg. Wenn Regen viel Wasser bringt, darf mehr Abwasser abgelassen werden als bei extremer Trockenheit, wenn die Werra zum Rinnsal wird. Das regelt eine Verdünnungsobergrenze am Pegel Gerstungen. Der aktuelle Wert von 2500 mg/l Chlorid stammt von 1942, er soll 2016 erstmals sinken. Seit 2010 wurden so jährlich 4,9 Mio. bis 7,4 Mio. Kubikmeter Salzabwasser entsorgt.

Salzabwasser in den Untergrund: Seit 1926 werden Salzabwässer zusätzlich durch Bohrlöcher in tiefe poröse Schichten des Plattendolomits versenkt. Zuletzt 3,2 Mio. bis 5,7 Mio. Kubikmeter jährlich seit 2010 - mehr als eine Milliarde Kubikmeter seit Anbeginn. Das füllt einen Würfel von einem Kilometer Kantenlänge. Das Problem: Die Laugenflut hat natürlich vorhandene Salzwässer in der Tiefe verdrängt - der Plattendolomit ist porös, aber nicht leer. Längst kommt auch das Abwasser wieder nach oben zurück - und sickert letzlich in die Werra. Oder bricht aus den Wiesen, wie 1968 in der DDR, die die Versenkung damals aufgab.

Salzabfälle auf die Halden: Die Salzgebirge an der Werra sind auch Folge des Esta-Trennverfahrens bei K+S, das seit den 1970ern bei der Rohsalz-Verarbeitung flüssige Abfälle Richtung Werra zunächst vermeidet. Esta aber produziert stattdessen feste Abfälle. Die türmen sich heute zu Bergen, mehr als einen Kilometer lang, über 200 Meter hoch. Jeder Regen wäscht Salzwasser aus den Halden - das wird unten gefasst und in die Werra geleitet. So wie weitere, unkontrollierte Zuflüsse: Die Halden haben nur in Teilen eine Basisabdichtung zum Untergrund hin. (wrk)

Das wusste das Land 1980

Das wusste der Bund 1989

Die großen Baustellen

Neuer Werraplan umstritten: Die Nordsee-Pipeline zur Kali-Abwasserentsorgung ist angesichts von Kosten und Nutzen K+S nicht zumutbar. Das sagt im Kern eine Öko-Effizienz-Analyse der Uni Leipzig, auf der die neue Strategie von Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) und K+S-Vorstandschef Norbert Steiner fußt. Niedersachsen stellt sich schon quer - ob der heftig kritisierte Vorschlag (Eckpunkte siehe unten „Umgeplant...“) bei den anderen Anliegerländern von Werra und Weser durchgeht, was die EU-Kommission davon hält, ob der Hinz/Steiner-Plan gegen das Brüsseler Vertragsverletzungsverfahren hilft, aus dem Deutschland heftige Strafzahlungen drohen - das alles ist offen.

Öko-Effizienz-Analyse (ÖEA): 

http://zu.hna.de/salzlast

Entgegnung von Geo-Chemiker und Gutachter Ralf E. Krupp: 

http://zu.hna.de/salzkrupp

Runder Tisch am Ende? Die Nordsee-Pipeline, Mehrheitsvotum des runden Tisches WerraVersalzung, ist gescheitert. Die Sitzung am 21. November - eventuell mit K+S-Chef Steiner und Ministerin Hinz - könnte die letzte sein. Dr. Hans Brinckmann, Leiter des runden Tisches, startet einen letzten Rettungsversuch fürs Rohr zur Küste: Einnahmen, die K+S öffentlichen Kassen bringe (2012: 80 Mio. Euro an Lohn- und Gewerbesteuer), speisten sich aus Umwelteingriffen. Also könne die öffentliche Hand Teile des Geldes zur Reduzierung der Umweltfolgen nutzen, zum Pipelinebau.

Brinckmann-Papier: 

http://zu.hna.de/salzlast

Gerstungen kämpft: Die Thüringer Werra-Gemeinde Gerstungen sieht ihr Trinkwasser durch zurücksteigende Salzabwässer aus der Versenkung beeinträchtigt. Bürgermeister Werner Hartung zieht seit Jahren gegen Versenkgenehmigungen des RP Kassel vors Verwaltungsgericht. Bislang ohne gewünschten Erfolg. Jetzt liegt eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe - gegen die Art und Weise, wie Verwaltungsgericht und Verwaltungsgerichtshof Gerstungen abblitzen ließen (Az.: 1 BvR 2885/13).

Die Verfassungsbeschwerde:

http://zu.hna.de/salzklage

• Info-Portal der Gemeinde:

www.wasser-in-not.de

Umgeplant: Nordseerohr war gestern

• Werraplan von Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) und K+S - die Eckpunkte:

• Kaliabwässer weiter in die Werra - mit sinkenden Grenzwerten. 800 mg/l Chlorid (das gilt als Süßwasser) sollen bis 2075 erreicht werden (heute: 2500 mg/l).

• Zweiter Einleitepunkt an der Oberweser, um ab 2021 bis Ende der Produktion 2060 auch ohne Versenkung die erlaubten Grenzwerte für die Werra halten zu können. Die Pipeline aus Neuhof-Ellers soll dafür bis in die Nordspitze Hessens verlängert werden.

• In die Werra sollen nach Ende der Kaliproduktion ab 2075 weiter 1,5 Mio. Kubikmeter jährlich (aktuell: 4,9 Mio. bis 7,4 Mio. Kubikmeter seit 2010). Dieser Rest in 60 Jahren kommt von den Halden - 1000 Jahre lang oder länger, falls nur Regen sie wegschafft. (wrk)

• Der neue Werraplan: http://zu.hna.de/salzplan

Von Wolfgang Riek

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