Kalter Krieg: Wirklich kalt blieb er nur hier

Nikita Chruschtschow während der UN-Sitzung 1960. Wutentbrannt haut der Sowjet-Präsident mit seinem Schuh auf den Tisch. Angeblich war ihm beim Hauen zunächst die Uhr vom Handgelenk gesprungen, beim Bücken erblickte er dann seine neuen Schuhe, die er, weil sie ihn drückten, ausgezogen hatte. Archivfoto: dpa

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew warnt vor einem neuen kalten Krieg - einen globalen Konflikt, der einst entgegen landläufiger Meinung weltweit blutig ausgetragen wurde.

Die Geschichte des Kalten Krieges ist reich an starken Bildern. Der Wutausbruch des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow über einen philippinischen Redner am 12. Oktober 1960 vor den Vereinten Nationen in New York gehört sicher dazu. Der Filipino hatte es in einer Debatte über Kolonialismus gewagt, die sowjetische Besetzung Osteuropas zu erwähnen. Anlass für Chruschtschow, den Mann als Nichtsnutz, Speichellecker, Fatzke, Imperialistenknecht und Dummkopf zu beschimpfen und wie von Sinnen mit seinem Schuh auf den Tisch zu schlagen.

Reizt uns nicht, sonst passiert was Schlimmes - diese Botschaft kam im Westen an. Es war das Grundschema des Kalten Krieges, der entgegen einer heute verbreiteten Ansicht von Anfang an höchst blutig geführt wurde.

Die Kampfhandlungen in diesem globalen Konflikt begannen in Wirklichkeit schon 1945, als in deutschen Gefangenenlagern inhaftierte amerikanische und britische Bomberbesatzungen sogleich nach ihrer „Befreiung“ in sowjetischen Lagern verschwanden - an die 3000 Mann. Im Koreakrieg, 1950, fochten sowjetische Piloten Luftkämpfe mit US-Fliegern aus. Anschläge, Putsche und Stellvertreterkriege gingen auf das Konto der Gegenspieler in Moskau und Washington. So war es im Iran, Kuba, Ägypten, Vietnam, Chile, Angola, Afghanistan und in vielen anderen Staaten.

So ist es auch heute in Syrien. Das meint der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew, wenn er von einem neuen Kalten Krieg spricht. Er meint nicht den Schlagabtausch von Atomwaffen. Den gab es selbst 1961 während der Kuba-Krise nicht, auch nicht 1983, als die Sowjets irrtümlich annahmen, US-Atomraketen seien im Anflug.

Reizt uns nicht, sonst passiert etwas Schlimmes. Das ist auch Medwedews Botschaft. Immer noch ist das Schlimmste nicht ausgeschlossen, ein nuklearer Waffengang. Wer aber den Kalten Krieg rückblickend als bipolare Weltordnung verklärt, der sollte „Ordnung“ nicht zu sehr betonen.

Als Chruschtschow auf den Tisch hieb, da hatten die Sowjets zuvor ein US-Spionageflugzeug über dem Ural abgeschossen. Der US-Dienst CIA hatte vergeblich eine Invasion in Kuba inszeniert. Bald wurde in Berlin die Mauer gebaut.

Der Kalte Krieg war keine geordnete Welt. Er war das, was auch heute wieder in Syrien geschieht. Russen und Amerikaner schenken sich nichts außer Gründen, einander zu misstrauen - im Irak, in Georgien, auch in der Ukraine. Nur: In Syrien führen überdies noch mehrere regionale Mächte einen Stellvertreterkrieg, die Türkei, der Iran, Saudi-Arabien und nicht zuletzt eine islamistische Rebellenarmee. Das macht die Sache so schwierig.

Wandel durch Annäherung? Hier liegt wohl die wichtigste Lehre des Ost-West-Konflikts: Wenn Politiker miteinander sprechen, die sich vertrauen, dann können sie in kurzer Zeit mehr bewegen als alle Geheimdienstchefs und Generäle in Jahrzehnten.

Lexikon des Kalten Krieges: Ost-West-Gegensatz prägte Sprache eines Zeitalters

Abschreckung

War in West wie Ost zentrales Motiv des sogenannten Rüstungswettlaufs. Zwei Ziele: Demonstration von Aussichtslosigkeit eines Angriffs sowie Risiko massiver Vergeltung. Wichtige Abschreckungswaffen: atomar bestückte Raketen und U-Boote.

Eiserner Vorhang

Formulierung war schon vor dem Zweiten Weltkrieg im militärisch-politischen Zusammenhang in Gebrauch. Mit Blick auf die Nachkriegszeit erstmals von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels benutzt, dann von Britenpremier Winston Churchill.

Friedensbewegung

Protestbewegung gegen Wettrüsten, für Friedenspolitik ohne Waffen. Höhepunkt in Deutschland 1983 mit 500 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten und Lichterketten bundesweit.

Interzonenhandel

Gab es zwischen Ost- und Westdeutschland nach 1945 von Anfang an. Basis für Kontakte und Austausch.

Marshall-Plan

US-Wiederaufbauprogramm für Europa seit 1948. Angebot richtete sich auch an Sowjetunion, die dies aber als Versuch der Beeinflussung ablehnte und in ihrem Einflussbereich den ähnlichen Molotow-Plan von 1947 ausbaute.

Nato

Nordatlantisches Verteidigungsbündnis (North Atlantic Treaty Organization) seit 1949. Beistandspakt westeuropäischer Staaten unter Führung der USA.

Overkill

Militärische Fähigkeit, den Gegner vielfach total zu vernichten.

Reich des Bösen

Bezeichnung der Sowjetunion durch US-Präsident Ronald Reagan 1983.

Rollback

US-Strategie der Zurückdrängung, nachdem Sowjetunion 1949 eine eigene Atombombe zündet und China kommunistisch wird. Das führt zu US-Hilfe bei Putschen und Bürgerkriegen weltweit.

Wandel durch Annäherung

Motto der Ostpolitik: Willy Brandt (1913 - 92). Der Bundeskanzler (1969 - 74) setzte auf Verständigung in vielen kleinen Schritten.

Warschauer Pakt

1955 bis 1991: Militärischer Beistandspakt des Ostblocks unter Führung der Sowjetunion, Gegenstück zur Nato.

Chronik

„Kalter Krieg“ wird der meist indirekt ausgetragene Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion in den Jahren zwischen 1947 und 1989 genannt.

• 1945: Winston Churchill, Joseph Stalin und Franklin D. Roosevelt entscheiden über das Schicksal Deutschlands nach der absehbaren Niederlage.

• 1945: US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

• 1947: Truman-Doktrin (= Lehre), benannt nach US-Präsident Harry S. Truman 1884-1972): Die USA werde alle „freien“ Völker unterstützen.

• 1948: Berlin-Blockade durch Russen.

• 1949: Vereinigung der drei deutschen Westzonen zur Bundesrepublik Deutschland. Ostzone wird zur DDR.

•1950: Koreakrieg als Stellvertreterkrieg zwischen USA und Sowjetunion/China.

• 1953: USA haben Iran gegenüber Sowjetunion als US-Interessenzone durchgesetzt und unterstützen dort einen Putsch.

• 1953: Aufstand in der DDR wird von der Sowjetunion niedergeschlagen.

• 1956: Suezkrise: Großbritannien, Frankreich und Israel bombardieren Ägypten, nachdem Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser versucht, das Land aus britischem Einfluss zu befreien.

• 1956: Ungarischer Aufstand wird von der Sowjetunion niedergeschlagen.

• 1959: Kubanische Revolution unter Fidel Castro.

• 1959: US-Geheimdienst scheitert mit Intervention in Kuba.

• 1961: Mauerbau durch Berlin.

• 1962: Krise um die Stationierung von russischen Raketen auf Kuba. Die USA rufen eine Seeblockade aus, tagelange droht ein Dritter Weltkrieg, dann lenken die Sowjets ein und ziehen die Raketen ab.

• 1963: Willy Brandt und Egon Bahr entwerfen künftige Entspannungspolitik („Wandel durch Annäherung“).

• 1965-75 Vietnamkrieg.

• 1968: Tschechoslowakischer Aufstand wird von Sowjetunion und verbündeten Ostblockstaaten niedergeschlagen.

• 1968: Breschnew-Doktrin, nachsowjetischem Parteichef Leonid Breschnew (1906-82): Sowjetunion wird sozialistischen Staaten auch unter Verletzung ihrer Souveränität „helfen“.

• 1973: USA unterstützen Putsch in Chile gegen gewählte sozialistische Regierung.

• 1979-89: Afghanistan-Invasion durch sowjetische Truppen.

• 1979/83: Streit in Deutschland um Nachrüstung mit Mittelstrecken-Raketen (Pershingraketen gegen SS 20).

• 1989: Fall der Mauer und Wendezeit in ganz Europa.

• 1991: Zusammenbruch der Sowjetunion; Auflösung des Warschauer Pakts.

• 2003: USA ziehen in Irak-Krieg.

• 2011: Syrischer Bürgerkrieg.

• 2014: Russland annektiert Krim.

• 2014: Ostukraine-Krieg.

Stichwort: "Der kalte Krieg"

Der Begriff kalter Krieg wurde 1945 von dem britischen Schriftsteller George Orwell (1903-1950) verwendet. In einem Essay schreibt Orwell, der mit seinem Buch „1984“ weltberühmt wurde: „Wir werden wohl nicht auf den allgemeinen Zusammenbruch zusteuern, aber auf eine Epoche, die so schrecklich stabil wie die Sklaverei-Imperien der Antike sein wird. ... eine Art der Weltsicht, von Glauben und soziale Struktur, wahrscheinlich in einem Zustand, der auf einmal unüberwindlich sein und in einem permanenten Zustand des ’kalten Krieges’ mit seinen Nachbarn bleiben würde.“

Der US-Schriftsteller Walter Lippmann (1889-1974), zeitweise Berater des US-Präsidenten von 1913-1921, Woodrow Wilson (1856-1924), veröffentlichte dann 1947 ein viel beachtetes Buch über den Ost-West-Konflikt unter dem Titel „Der kalte Krieg“. Fotos: Archiv/nh

Von Tibor Pézsa

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