Interview: Für Ärzte ohne Grenzen behandelte Dr. Thomas Kratz Patienten im Osten Sierra Leones

Kampf gegen Ebola: „Von allen Einsätzen der härteste“

+
Behandlung von Ebola-Patienten: Internationale Helfer wie Dr. Thomas Kratz haben in Kailahun ein Behandlungszentrum aufgebaut, in dem Verdachtsfälle von Menschen, die bereits erkrankt sind, getrennt werden.

Ebola breitet sich in Westafrika nahezu ungehindert aus. Fast 1000 Todesfälle gibt es bereits, medizinisches Personal wird dringend benötigt. Der Berliner Arzt Dr. Thomas Kratz flog Mitte Juni für Ärzte ohne Grenzen nach Sierra Leone, um Ebola-Patienten zu behandeln. Darüber sprachen wir mit ihm.

Herr Dr. Kratz, wie ist die Situation in Sierra Leone? 

Dr. Thomas Kratz: Sehr ernst und außer Kontrolle. Als ich in Kailahun im Osten Sierra Leones angekommen bin, gab es noch kein Behandlungszentrum, und die Nachrichten über Ebola-Fälle in den Dörfern rings umher prasselten nur so auf uns ein. Da standen ich und vier weitere internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen letztlich verloren da. Wir konnten nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren. Dass Ebola in Sierra Leone solche Ausmaße hat, war mir nicht klar. Von all meinen Einsätzen mit Ärzte ohne Grenzen war das der härteste.

Wie kann man sich Ihre Arbeit dort vorstellen? 

Kratz: Während der ersten Hälfte meines Einsatzes habe ich hauptsächlich medizinisches Personal ausgebildet, im zweiten Teil habe ich selbst als Arzt gearbeitet, erst in einem Center in Koindu an der Grenze zu Guinea, nach Eröffnung des Behandlungszentrums in Kailahun habe ich dort gearbeitet. Einen Großteil der Zeit war ich der einzige Arzt. Es gibt in den Gesundheitsbehörden vor Ort einen deutlichen Personalmangel. Und wir benötigen mehr Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich, aber auch Logistiker und Verwaltungsfachkräfte.

Wie sind Sie vorgegangen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen? 

Kratz: Verdachtsfälle, also Leute, die mit Fieber und grippeähnlichen Symptomen kamen, haben wir aufgenommen und getestet. Bei bestätigten Fällen konnten wir den Menschen nur unterstützende Therapien gewähren, Flüssigkeit geben, Elektrolyte und begleitende Erkrankungen wie Malaria und Typhus lindern. Dadurch steigen die Überlebenschancen, den Virus selbst kann man jedoch nicht behandeln. Zur Prävention haben wir Gesundheitsarbeiter ausgebildet, die in die Dörfer gehen und den Leuten niedrigschwellig erklären, dass Händewaschen wichtig ist und dass man Erkrankte oder auch Tote nicht anfassen, umarmen oder küssen darf.

Wie groß ist das Bewusstsein für die Krankheit vor Ort? 

Kratz: Es gibt eine riesige Diskrepanz. Einerseits ist da eine Überängstlichkeit: Es gibt Gerüchte, dass man Ebola bekommt, wenn man nur das Wort ausspricht oder von Kranken angeguckt wird. Auf der anderen Seite sehen wir völlig unzureichende oder nicht vorhandene Schutzmaßnahmen. Ich habe in der Hauptstadt selbst erlebt, dass es in öffentlichen Gebäuden an so banalen Dingen wie Gelegenheiten zum Händewaschen fehlt. Das hat mich besorgt gemacht. Einmal habe ich eine Fortbildung gehalten, bei der sich mir drei Leute vorstellten, die eine Beerdigung vornehmen sollten. Diese drei standen vor mir in abgerissener Kleidung, hatten keine Schutzanzüge, nichts.

Hatten Sie die Befürchtung, sich selbst anzustecken? 

Kratz: Ja. Aber ich habe versucht, diese Angst so zu händeln, dass ich Respekt vor der Krankheit behalte und selber keine Fehler mache.

Wie groß ist die Gefahr, die von Ebola ausgeht, wirklich? 

Kratz: Ich denke, dass nicht nur Sierra Leona, Guinea und Liberia, sondern ganz Westafrika aufpassen muss. Es gibt über diese Länder hinaus gute Verkehrswege und auch in den Ländern ringsherum Schwächen im Gesundheitssystem. Die Gefahr für Europa und die USA hingegen halte ich für extrem klein, weil es Hygienevorschriften und ein gutes Gesundheitssystem gibt. Hier würde ein erkrankter Patient vermutlich sehr schnell identifiziert und auf einer Isolierstation behandelt.

Kann man die Seuche in Westafrika noch in den Griff kriegen? 

Kratz: Wir befinden uns noch nicht auf dem Höhepunkt, es wird wohl noch schlechter werden, bevor es besser wird. Man kann den Ausbruch in den Griff kriegen, aber: Man muss alle Leute, die Kontakt zu Ebola-Patienten haben, über 21 Tage beobachten. Ein Zahlenbeispiel aus Sierra Leone: Wir haben über 500 laborbestätigte Ebola-Fälle. Als Faustregel gilt, dass jeder Erkrankte zehn bis 15 Kontakte hatte. Um diese Fälle nachzuverfolgen, braucht man eine unglaubliche Zahl von Helfern.

Zur Person

Dr. Thomas Kratz (38), geb. in Lippstadt, ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Er lebt in Berlin und arbeitet dort in einer Außenstelle des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin. Seit 2007 ist Kratz für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz und war unter anderem im Kongo und Niger tätig. Er ist liiert, aber nicht verheiratet.

Hintergrund: So wird Ebola übertragen

Das Ebola-Fieber ist eine Infektionskrankheit, die durch den Ebola-Virus übertragen wird. In 50 bis 90 Prozent aller Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Der Virus wird laut Dr. Thomas Kratz von Ärzte ohne Grenzen durch Blut und andere Körperflüssigkeiten von Erkrankten oder Verstorbenen übertragen, die auf Schleimhäute oder eine Wunde gelangen. Ebola ist laut Kratz nicht so einfach zu bekommen wie eine Grippe oder Masern, dennoch sei beim Kontakt mit Kranken Schutzkleidung notwendig, um zu verhindern, dass man sich etwa mit Schweiß von der Haut eines Erkrankten an der Hand versehentlich an Mund, Nase oder Augen fasst. Auch eine sexuelle Übertragung oder eine Schmierinfektion etwa in Schulen oder auf öffentlichen Toiletten ist möglich. Laut Robert-Koch-Institut gibt es aber keine Hinweise darauf, dass die Viren durch die Atemluft auf den Menschen übertragen werden, Anhusten und -spucken ist aber ein potenzieller Übertragungsweg.

Auch durch Kontakt zu Tieren (insbesondere Affen, Antilopen und Fledermäuse) ist eine Ansteckung möglich, etwa wenn man mit ihrem Blut in Berührung kommt oder ihr Fleisch isst.

Die Inkubationszeit von Ebola beträgt zwei bis 21 Tage. Es folgen grippeähnliche Symptome, hohes Fieber in Verbindungen mit Blutungen, weil die Krankheit kleinste Blutgefäße im Körper zerstört. Auch Krämpfe und Lähmungserscheinungen sowie Übelkeit und Erbrechen gehören zu den Erscheinungen der Krankheit. Insbesondere Blutungen im Magen-Darm-Trakt, der Milz und der Lunge führen häufig zum Tod der Erkrankten. (sib)

Von Sina Beutner

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.