Sozialministerium erarbeitet Verordnung zum Umgang mit multiresistenten Erregern

Kampf gegen die Keime

Probandin: Sozialministerin Aygül Özkan stellte sich als Testperson zur Verfügung: In Nordhorn wurde sie auf MRSA-Bakterien getestet – hier auf dem Archivfoto ließ sie sich impfen. Foto: dpa

NordhorN. Aygül Özkan reißt ihren Mund weit auf. „Jetzt machen wir einen Abstrich“, sagt Krankenschwester Hanna Lamann, führt ein Wattestäbchen in den Rachen der niedersächsischen Sozialministerin, danach tief in die beiden Nasenlöcher. Die CDU-Politikerin verzieht ihr Gesicht. „Und in vier Stunden wissen wir, ob Sie besiedelt sind“, kündigt Schwester Hanna an.

Der Schnelltest in der Euregio-Klinik in Nordhorn an der holländischen Grenze soll klären, ob Özkan Trägerin der berüchtigten MRSA-Bakterien ist, dieser multiresistenten Keime, gegen die die meisten Antibiotika wirkungslos sind. Sie können zu Wundinfektionen, Blutvergiftungen und sogar zum Tod führen. Rund 5000 Patienten in Deutschland sterben jährlich an den Folgen einer MRSA-Infektion.

„Ministerin ist keimfrei“

Für Özkan kommt die Entwarnung telefonisch. „Negativ“, teilt die Klinik später mit. „Die Ministerin ist keimfrei“, freut sich ihr Sprecher Thomas Spieker. Anlass zur Sorge sieht sie trotzdem. Durch die übermäßige Gabe von Antibiotika entwickeln immer mehr Bakterien Resistenzen.

„Für einen einfachen Schnupfen braucht man Antibiotika nicht“, erklärt der ärztliche Leiter des Nordhorner Krankenhauses, Friedrich Auer. Seine Euregio-Klinik gilt im Kampf gegen MRSA als vorbildlich. Risikofaktoren werden systematisch abgefragt, Risikopatienten grundsätzlich einem Test unterzogen. Dazu zählen vor allem Tierärzte, Landwirte und Mitarbeiter in der Massentierhaltung – rund 80 Prozent der Mastschweine tragen den Erreger mit sich. Auch Bewohner von Pflegeheimen sind Kandidaten für den Abstrich.

Fünf Prozent der Neuaufnahmen sind „besiedelt“, tragen also den gefährlichen Erreger mit sich. Diese Patienten kommen sofort in ein Isolierzimmer, werden dort einer mehrtägigen „Sanierungsprozedur“ unterzogen. Das Personal muss im Umgang mit ihnen besondere Vorsicht walten lassen, Mundschutz und Schutzkittel tragen. Überall hängen Spender für Desinfektionsmittel; die Klinik führt ein strenges Hygiene-Regiment.

Ab April sollen diese Maßnahmen in den Bundesländern Pflicht werden. Niedersachsen erarbeitet derzeit die entsprechende Verordnung.

Jenseits der Grenze ist diese Abwehrschlacht längst Standard. Die Niederlande und Skandinavien sind führend bei der Bekämpfung multiresistenter Keime. Die Infektionsrate sei zehn bis zwanzig Mal niedriger als in Deutschland, berichtet der Mikrobiologe Ron Hendrix von der Klinik „Medisch Spectrum Twente“ in Enschede. Neben strengen Kontrollen der Risikogruppen hinterfragen die Ärzte auch jede Abgabe von Antibiotika. Holland hat die geringste Verschreibungsquote in ganz Europa.

Von Peter Mlodoch

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