Lehrer des Jahres 2013 Robert Rauh im Interview: „Kant in Hip-Hop-Text umwandeln“

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Unsere bildungspolitische Debatte setzen wir fort mit einem ausgezeichneten Lehrer. Mit Robert Rauh sprachen wir über Lehrinhalte und zeitgemäßen Unterricht.

Sie haben ein schönes Ritual. Jede Unterrichtsstunde beginnen Sie mit dem Verweis auf ein aktuelles politisches Thema, von dem aus Sie die Brücke zum Unterrichtsstoff schlagen. Warum machen Sie das so?

Robert Rauh: Das ist mein Unterrichtsprinzip, es funktioniert natürlich nicht in jeder Stunde. Ich mache das, um einen Gegenwarts- und Lebensfeldbezug herzustellen. Es macht keinen Sinn, dass wir den Schülern für sie fremde Inhalte präsentieren, sondern wir sollten ihnen erklären und deutlich machen, was dieses Thema mit ihnen zu tun hat. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, und deswegen behalte ich das auch bei.

Was muss denn ein guter Unterricht, ein guter Geschichtsunterricht umfassen? Sollte man dort nur das Moderne durchgehen, was die jungen Leute teilweise auch noch berührt. Wie ist Ihr Verständnis von zeitgemäßem Unterricht?

Rauh: Wir haben gerade in Berlin und Brandenburg einen Lehrplanstreit. Ich jedenfalls bin weiter der Auffassung, dass wir die relevanten Themen des Geschichtsunterrichts beibehalten sollten. Dazu gehören auf jeden Fall die Themen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und der Erste Weltkrieg. Aber die Schüler sollten auch erfahren, was in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit passiert ist. Wir können aber in Zukunft nicht mehr alles unterrichten. Das heißt, wir müssen nach dem Prinzip der Exemplarität Inhalte auswählen.

Ein Beispiel, bitte.

Rauh: Wenn wir die bürgerlichen Revolutionen der frühen Neuzeit behandeln, haben wir früher die amerikanische, die französische und englische behandelt. Dem Lehrer muss es überlassen sein: Eine Revolution, und daran wird exemplarisch aufgeblättert, was die Merkmale einer Revolution im 18. und 19. Jahrhundert sind und vor allem, welche Bedeutung das für heute hat.

Engen die Lehrpläne kreative Lehrer zu sehr ein? 

Rauh: Das kann man nicht sagen, denn die Lehrpläne geben ja nur den Rahmen vor. Im Geschichtsbuch müssen wir aber die Inhalte abdecken, die im Rahmenlehrplan vorgegeben werden. Welche Inhalte in welcher Intensität sie behandeln, bleibt den Lehrern überlassen. Und die Kreativität ist mitnichten eingeschränkt.

Langweilt der Stoff aus dem Mittelalter oder der Aufklärungszeit die Schüler?

Rauh: Es gibt durchaus Interesse für die historischen Inhalte - nicht bei allen Schülern, aber das war schon immer so. Und es beschränkt sich nicht nur auf die Inhalte des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt ein großes Interesse an den Inhalten des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Es kommt nur darauf an, wie wir diese Inhalte zeitgemäß vermitteln.

Wie machen Sie das?

Rauh: Die Aufklärung ist ja die Grundlage für unsere moderne Gesellschaft. Wenn wir einen Text von Kant behandeln „Was ist Aufklärung?“, dann besteht die Möglichkeit, dass wir diesen Text kreativ umsetzen. Früher hieß es: Analysiert den Text im Hinblick auf die wesentlichen Inhalte. Heute könnte man sagen: Übersetzt doch diesen Text einmal in eine Karikatur. Was will Kant dann mit seiner Schrift aussagen, worauf zielt er?

Oder, das habe ich jetzt gerade ausprobiert: Wandelt doch den Text von Kant in einen Hip-Hop-Text um. Die Grundlage ist aber, dass dabei tatsächlich Kants Botschaft erhalten bleibt. Die Schüler, ohne dass sie es selbst merken, setzen sich natürlich mit dem Inhalt auseinander. Und dann werden sie in Karikatur oder Hip-Hop-Text die zentrale Aussage wiedergeben.

Angesprochen auf Smartboards haben Sie gesagt: Ich unterrichte lieber in der Kreidezeit. Ist das immer noch so?

Rauh: Ja, ich arbeite mit der Tafel. In meinem Klassenraum hängt noch immer kein Smartboard. Aber wir werden nicht darum herumkommen, die digitalen Medien in den Unterricht einzubauen. Die Schüler müssen die Möglichkeit haben, auch im Unterricht mit dem Smartphone bestimmte Dinge zu googeln oder nachzusehen und mit diesen modernen Medien zu arbeiten.

Zur Person

Robert Rauh  (47) unterrichtet seit 2001 Geschichte und Deutsch am Barnim-Gymnasium in Berlin-Lichtenberg. Er wurde 2013 vom Philologenverband und der Vodafonestiftung zum Lehrer des Jahres ernannt. Der gebürtige Berliner hat ein Geschichtsbuch für die Oberstufe mitverfasst. Im Sommer veröffentlicht Rauh das Buch: „Schule-Setzen-Sechs - Von Lehrern und Eltern, die trotzdem nicht verzweifeln.“

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