Interview mit Psychotherapeut zu Verkleidungen: "Jeder hat eine Maske auf"

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Verkleidung ist ein fester Bestandteil im Karneval: Das Bild zeigt einen maskierten Karnevalsteilnehmer am Rand des Markusplatzes in Venedig.

Kostüme und Masken sind fester Bestandteil des Karnevals. Wir sprachen mit Psychotherapuet Wolfgang Oelsner über die Bedeutung der Maskierung.

Herr Oelsner, woher kommt die Lust des Menschen, sich zu verkleiden? 

Wolfgang Oelsner: Wir kennen das aus unserer Kindheit: Im Vorschulalter können wir jede halbe Stunde eine andere Rolle einnehmen, sogenannte „Als-ob-Spiele“. Das sind verschiedene Facetten unseres jeweiligen Menschseins, die wir erst im Lauf der Entwicklung mühsam zu einer Persönlichkeit integrieren.

Manchmal zwingen uns die Verhältnisse dazu, nicht alles ausleuchten zu können. Das klassische Beispiel: Der Sohn soll die Kanzlei des Vaters übernehmen, wäre aber viel lieber Maler geworden. Da bleibt ein Rest von Sehnsucht, der der Alltag keinen Raum gibt. Das macht sich bemerkbar in Situationen, in denen wir uns weniger kontrolliert geben dürfen - zum Beispiel im Urlaub. Da kleidet sich kaum jemand so wie im Büro, wir essen dann auch anders. Eine Brauchkultur wie der Karneval ritualisiert solche Rollenwechsel für ein großes Kollektiv.

Es gibt das Phänomen der Maskierung in allen Kulturen und Religionen. Warum ist das so wichtig für uns? 

Oelsner: Die Maskierung macht uns freier und schützt uns. Ein Schauspieler darf sich jeden Tag maskieren, darf ein anderer sein, ohne dass er Peinlichkeit oder Ansehensverlust fürchten müsste. Wenn sich jemand im Büro diesen Rollenwechsel herausnehmen würde, dann hätte er Probleme, am nächsten Tag dort ungeniert zu erscheinen. Dafür brauchen wir vereinbarte Zeiten, etwa die Karnevalssaison, die das Spiel legitimiert. Ihre Requisiten animieren auch. Setzt man sich eine rote Pappnase auf, kann man in diesem Moment Quatsch reden - das, was man mit einer Pappnase im Gesicht sagt, muss man nicht verantworten.

Kann eine Verkleidung auch die Flucht aus dem Alltag sein? 

Oelsner: Flucht klingt zu negativ. Sie ist eine Erweiterung: Man lernt sich selbst, aber auch andere näher kennen. Es ist verblüffend, wie andere auf Verkleidungen reagieren. Es findet eine Interaktion statt. Man lernt, sich mit sich selbst und der Welt neu zu unterhalten.

Eine Verkleidung, eine Maskierung, ist auch ein Rollentausch. Wird man dadurch auch anders wahrgenommen?

Oelsner: Das kann es geben. Wir haben ja nicht nur eine Maske auf oder ein Kostüm an - wir gehen, bewegen und sprechen anders. Das können Kinder uns gut veranschaulichen: Wirft man einem eine Decke zu und es soll einen Bettler spielen, dann kauert es sich hin, zittert und spricht mit gebrochener Stimme. Gibt man demselben Kind dieselbe Decke und es soll einen König spielen, dann macht das Kind aus der Decke einen Umhang, strafft sich und schreitet einher. Der Mensch erlebt sich selbst anders. Dadurch wirkt er auf andere anders und bekommt eine Reaktion, die er im Alltag sonst nicht bekommen würde.

Sind wir immer maskiert, wenn wir mit anderen Menschen interagieren? 

Oelsner: Henrich Böll hat ein wunderbaren Essay über die Masken geschrieben und er sagt, wir sind im Alltag die Verkleideten. Und wir sind niemals nackter und ehrlicher mit unserem Gesicht, als in der Fastnacht. Er hat das also umgedreht und da ist etwas dran. Im Alltag tragen wir alle eine Uniform, auch unsere Sprache ist uniformiert. Man spricht mit den Kollegen und dem Chef anders als mit dem Partner. Solche „ungeschriebenen Uniformen“ und Masken betreffen Kleidung, Sprache, Gestik - alles, was uns umgibt.

Insofern verkleiden wir uns im Alltag. Das ist aber auch wichtig, um eine Verlässlichkeit zu bekommen. Das Leben wäre sehr anstrengend, wenn man sich darauf einstellen müsste, dass jeder im Alltag mehrmals seine Rolle wechselt. Karneval ist in diesem Sinn ein Ventilfest, das dazu dient, die Uniformierung des Alltags einmal abzulegen. Um Platz für anderes zu schaffen, dem sonst kein Raum gegeben wird.

Verändern wir uns immer durch eine Maskierung? 

Oelsner: Eine Kostümierung kann die eigene Rolle auch optimieren. In unserer Gesellschaft ist nicht mehr an der Kleidung zu erkennen, wer man ist. Das war früher anders: Da trug beispielsweise nur der Adel Farbiges. Das Gesinde lief grau in „Sack und Asche“ herum. Heute möchte jemand aus der Upperclass manchmal zeigen, dass er ein toller Hecht ist. Die Möglichkeit, sich zu optimieren, kann außerhalb solcher Rollenspiele schnell an die Grenze zur Peinlichkeit geraten.

Sind wir jemals unmaskiert? 

Oelsner: Am Frühstückstisch sieht einen die Familie im Schlafanzug, mit strubbeligen Haaren, ungeschminkt, wir laufen in der Unterhose durch die Wohnung, wir reden dann auch manchmal „Unterhosendeutsch“. Es ist ein Zeichen von Intimität und Vertrautheit, Masken abzulegen. Aber wir haben über weite Strecken eine Maske auf, mitunter auch uns selbst gegenüber. Da machen wir uns dann selbst etwas vor. Ich tue mal so, als ob. Damit sind wir wieder beim Vorschulkind. Nur darf das sagen: „War alles nur ein Spiel!“

Zur Person 

Wolfgang Oelsner

Wolfgang Oelsner (66) wurde am 22. November 1949 im nordrhein-westfälischen Opladen geboren und ist Pädagoge, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie Autor, unter anderem des Buches „Fest der Sehnsüchte - Psychologie, Kultur und Unkultur des Narrenfests“. Oelsner schloss 1974 in Köln sein Studium der Sonderpädagogik ab, elf Jahre später in analytischer Kinder- und Jugendpsychotherapie. Seit 1985 hat er seine eigene Praxis, nebenberuflich erforscht er die Psychologie des Karnevals. Wolfgang Oelsner ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und lebt in Köln.

Schon gewusst?

Karneval - das Wort 

Das Wort „Karneval“ kommt vom lateinischen „carne vale“, was übersetzt so viel wie „Fleisch, lebe wohl“ bedeutet. Die Wortherkunft weist auf die kirchlich angeordnete Fastenzeit hin. Diese dauert 40 Tage und ist die Vorbereitung auf das Hochfest Ostern. Bevor diese Zeit anbrach, wurde noch einmal gefeiert. Der Karneval war eine Zeit des Feierns vor der Fastenzeit.

Das Altertum 

Vorläufer des Karnevals wurden bereits vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien, der Kulturlandschaft in Vorderasien, gefeiert. Eine altbabylonische Inschrift aus dem dritten Jahrtausend vor Christus besagt, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde - nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift lautet: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ Das Gleichheitsprinzip ist bis heute eines der Merkmale des Karnevals. Auch Griechen und Römer feierten Dionysos und Saturn zu Ehren Frühlingsfeste, Germanen die Wintersonnenwende als Huldigung der Götter und Vertreibung der bösen Winterdämonen. Später übernahmen Christen die heidnischen Bräuche.

Das Mittelalter 

Im Mittelalter nahmen die Fastnachtsfreuden, die sogenannte „Mummerei“, oft drastische Formen an. Es wurde wild und fröhlich gefeiert - sehr zum Ärger von Räten und Kirche der Stadt. Verbote und Verordnungen halfen nur wenig. Zum Straßenkarneval gesellten sich im 18. Jahrhundert „Redouten“ nach venezianischem Vorbild, ausgelassene Masken- und Kostümbälle, die zunächst dem Adel und dem reichen Bürgertum vorbehalten waren. In Köln gab es 1736 die erste Redoute in einem Adelshaus am Neumarkt.

Die Neuzeit 

Die Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit infrage. In protestantischen Gegenden gerieten Bräuche wieder in Vergessenheit. Auf Schlössern und an Fürstenhöfen wurden aber große Karnevalsfeste gefeiert. Am Donnerstag vor Karneval im Februar 1729 tanzten die Nonnen im Kölner Kloster St. Mauritius in weltlicher Verkleidung durch die Hallen - die vermutlich erste Weiberfastnacht. In der Folge wurde der Karneval immer wieder verboten, unter anderem wegen Kriegsgefahr. Später war der Karneval dann wieder erlaubt, galt aber als sehr rüpelhaft. In Köln wurde 1823 das „Festordnende Komitee“gegründet - am 10. Februar desselben Jahres feierte die Stadt ihren ersten Rosenmontagsumzug.

Das sagt ... Deutschlands größter Hersteller für Karnevalsbedarf über die beliebtesten Kostüme

Steampunk 

Laut Björn Lindert, Geschäftsführer des größten Herstellers für Karnevals-Utensilien Deutschlands - der Firma Deiters (Köln) -, ist der „Steampunk“ in diesem Jahr eine besonders beliebte Verkleidung. Steampunks verbinden moderne und futuristische technische Funktionen mit Kleidung und Dingen des viktorianischen Zeitalters (1837-1901). Dadurch entsteht ein Retro-Look der Technik.

Star Wars 

Nicht neu, aber auch wieder angesagt in diesem Jahr sind Verkleidungen rund um die Star-Wars-Filme. Im Dezember kam der siebte Teil der Science-Fiction-Reihe in die Kinos - und das sorgt dafür, dass auf den Rosenmontagsumzügen wieder viele Darth Vaders, Jodas und Klonkrieger (Foto) unterwegs sind. Vor allem Männer und Kinder würden oft zu Kostümen aus der Star-Wars-Kiste greifen, so Lindert.

Indianer 

Ein Klassiker der Verkleidungen an Karneval sind dagegen die Indianer, sagt Björn Lindert. Die indigenen Völker Amerikas begeistern seit Jahren die Narren und Indianer-Kostüme wurden auch in diesem Jahr bei Deiters wieder stark nachgefragt. Die Indianer kennen dabei kein Alter oder Geschlecht - Frauen, Männer und auch Kinder verkleiden sich an den tollen Tagen gern als Häuptling oder Pocahontas.

Pirat 

Auch Piraten treiben schon seit einiger Zeit beständig ihr Unwesen im Karneval. Totenköpfe, Hakenhände, Holzbeine, Säbel und eine ordentliche Ladung Rum - das alles gefällt auch den Karnevalsgängern und geht bei Deiters oft über die Ladentheke. Außerdem immer wieder beliebt, sagt Lindert: Flower Power, Krankenschwester und Berufe wie Polizist und FBI-Agent.

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