Interview: Karriereberater Marcus Oberländer über Vor- und Nachteile

Karriere bei der Bundeswehr: „Früh viel Verantwortung tragen“

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Auslandseinsatz: Verpflichtet man sich länger als zwölf Monate im Freiwilligen Wehrdienst, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Dienst im Ausland eingeplant, wie hier in einem Trainingscamp in Mali. Foto:  dpa

Seit dem Aussetzen der Wehrpflicht im Zuge der Bundeswehrreform 2011 muss sich die Bundeswehr um Nachwuchs bemühen. Wir sprachen mit Oberleutnant Oberländer über Ausbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen.

Warum wirbt die Bundeswehr in den Medien so offensiv um Soldaten? 

Marcus Oberländer: Ein großer Teil des Soldatennachwuchses - circa 40 Prozent - wurde früher aus dem Bereich der Wehrpflichtigen gewonnen. Durch das Aussetzen der Wehrpflicht ist dies nicht mehr gegeben. Jetzt muss der Großteil extern geworben werden.

Wie viele Soldaten stellt die Bundeswehr pro Jahr ein? 

Oberländer: Pro Jahr stellen wir circa 12.000 Längerdienende und im Optimalfall ebenso viele im Freiwilligen Wehrdienst (FWD) ein. Wir streben ein Verhältnis von drei Bewerbern auf eine Stelle an, um eine Bestenauslese machen zu können. 2013 hatten wir bei der Offizierlaufbahn 10.000 Bewerbungen bei rund 2000 Einstellungen. Im Bereich der Soldaten auf Zeit - Mannschafts-, Feldwebel- und Unteroffizierlaufbahn - waren es 30.000 Bewerbungen bei 10.000 Einstellungen. Beim FWD gab es 2013 ein sehr gutes Bewerberaufkommen von 18.000 Bewerbungen bei 8000 Einstellungen.

Was sind die Vorteile? 

Oberländer: Man hat für eine gewisse Zeit - je nach Verpflichtungsdauer - einen gesicherten Lebensabschnitt. Es gibt viele Ausbildungen und Weiterqualifikationen. Eine Durchlässigkeit der Laufbahnen ist gegeben, wenn man die nötige Leistung erbringt. Als Angestellter im öffentlichen Dienst verdient man gut. Es gibt keinen zivilen Beruf, in dem man schon so jung große Verantwortung hat - gegenüber teurem Material sowie Personal. Die Bundeswehr qualifiziert ausscheidende Mitarbeiter über die Berufsförderung noch weiter.

Was sind die Nachteile? 

Oberländer: Die Soldaten werden bundesweit eingesetzt; sind häufig unterwegs. Dadurch, dass die Standorte bis 2017 von 490 auf 260 reduziert werden, ist man wahrscheinlich nicht heimatnah eingesetzt. Es ist anders als im Büro: Man wird an der Waffe ausgebildet, ist oft im Freien, macht viel Sport und muss davon ausgehen, in den Auslandseinsatz zu gehen.

Kann man den Auslandseinsatz umgehen? 

Oberländer: Grundsätzlich nicht. Nur wer sich beim Freiwilligen Wehrdienst weniger als zwölf Monate verpflichtet, geht nicht in den Einsatz. Es gibt bei den Auslandseinsätzen unterschiedliche Intensitäten und Gefährdungen; je nachdem, ob man bei der Marine auf einem Schiff ist, in Trabzon (Türkei) Material aus Afghanistan verlädt oder in Afghanistan Patrouille fährt.

Hat man Mitsprache-Recht bei der Versetzung? 

Oberländer: In der Regel ja. Bei allen Versetzungen haben die Soldaten ein Mitsprache-Recht. So kann man Wünsche angeben; aber es muss die passende Stelle frei sein.

Für wie lange muss man sich verpflichten? 

Oberländer: Das ist je nach Laufbahn unterschiedlich. Als Offizier muss man sich mindestens 13, als Unteroffizier acht, als Feldwebel zwölf und bei der Mannschaftslaufbahn vier Jahre verpflichten. Wenn man eine Lehre/Berufsausbildung bei der Bundeswehr anstrebt, wird die Verpflichtungszeit um ein Jahr verlängert. Der Freiwillige Wehrdienst befindet sich im Bereich der Mannschaftslaufbahn mit minimal sieben, maximal 23 Monaten. Es gibt ein beidseitiges Kündigungsrecht im ersten halben Jahr.

Wie oft wird das Kündigungsrecht genutzt?

Oberländer: Anfangs lag die Quote bei 30, jetzt bei 25 Prozent - verglichen mit der Wirtschaft mit teilweise 35 Prozent nicht schlecht. Viele wollen Wartesemester überbrücken oder haben keine Ausbildungsstelle gefunden und brechen ab, weil sich noch etwas ergibt. Mit einem Sold von 1600 Euro ist der Soldat auf Zeit lukrativer als der FWD mit 780 Euro.

Zur Person

Oberleutnant Marcus Oberländer (34) leitet das Karrierberatungsbüro in Chemnitz. Zur Bundeswehr kam der Thüringer 1998 durch seinen Wehrdienst in Fritzlar, wo er bis 2007 blieb. Danach kam er als Berufssoldat nach Niederstetten bei Würzburg. Bis 2011 durchlief er die Offizierausbildung im Allgäu und bei Leipzig. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Arbeitgeber Bundeswehr: Tipps und Zahlen

Auf www.bundeswehr-karriere.de gibt es Infos zur Karriere bei der Bundeswehr, dem Bewerbungsverfahren, einen Beratungsstellen-Finder für die 110 Büros, eine Auflistung der Ausbildungsberufe sowie Möglichkeiten für Menschen, die bereits Ausbildung oder Studium haben. Derzeit hat die Bundeswehr 170.000 Zeit- und Berufssoldaten. 2013 wurden von bis zu 15.000 möglichen FWD-Leistenden 8000 eingestellt. 36.000 Bewerbungen gab es 2013 auf Laufbahnen bei der Bundeswehr. (dag)

Von Gudrun Skupio

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