Karsai droht mit Blockade der Nato-Offensive

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Hamid Karsai hat gute Laune - die vergeht dem Westen aber angesichts seiner bizarren Reden immer mehr.

Kabul - Der afghanische Präsident Hamid Karsai geht immer mehr auf verbalen Konfrontationskurs zu den USA und droht jetzt, er könnte die Einwilligung zu einer geplanten Militäroffensive im Kandahar verweigern.

Zunächst hatte Karsai mit heftigen Vorwürfen über angebliche ausländische Wahlmanipulation auf sich aufmerksam gemacht. Lange nicht mehr reagierte das State Department derart aufgebracht: “Grotesk“, meinte ein Sprecher. Mehr nicht. Anschließend sprach Außenminister Hillary Clinton mit Karsai - und die Welt dachte, die Sache sei ausgestanden. Doch statt Ruhe zu bewahren, legte Karsai nach.

Diesmal äußerte er sich vor lokalen Stammesführern - wichtige Leute für seinen Machterhalt in Kabul. Zum Staunen von US-Militärs versprach Karsai den Stammesältesten, ohne ihre Einwilligung werde es keine US- geführte Offensive in Kandahar geben. Beobachter in den USA können den starken Worten kaum Glauben schenken. “Will Karsai den Stammeschefs jetzt tatsächlich ein Veto-Recht einräumen?“, fragt sich die “New York Times“ am Ostermontag ungläubig.

Das ist Afghanistan

Seit dem Sturz der Taliban vor acht Jahren sind Milliarden Hilfsgelder nach Afghanistan geflossen. © dpa
In dem Land am Hindukusch sind inzwischen mehr als 100.000 internationale Soldaten stationiert. © dpa
Afghanistan ist jedoch immer noch eines der korruptesten, ärmsten und gefährlichsten Länder der Welt © dpa
In Afghanistan leben auf einer Fläche, die knapp doppelt so groß ist wie Deutschland, rund 33 Millionen Menschen. © dpa
Dem Entwicklungsindex (HDI) der Vereinten Nationen zufolge ist Afghanistan derzeit das zweitärmste Land der Welt. Schlechter ist die Lage nur im Niger. © dpa
Der Index berücksichtigt neben dem Einkommen auch Faktoren wie Kindersterblichkeit, Unterernährung und Bildung. © dpa
Mehr als 50 Prozent der Afghanen leben Schätzungen zufolge unter der Armutsgrenze. © dpa
Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut Vereinten Nationen bei 44 Jahren (Deutschland: 80 Jahre). © dpa
Der Durchschnitt der ärmeren Länder liegt laut Weltbank bei 59 Jahren. © dpa
Auf dem Korruptionsindex 2009 von Transparency International ist Afghanistan weiter zurückgefallen und steht auf dem vorletzten Rang. Noch schlechter ist die Lage nur in Somalia. © dpa
Die Wirtschaftsleistung (BIP) lag laut Internationalem Währungsfonds (IWF) unter Einberechnung eines Kaufkraftausgleichs 2008 bei 21,4 Milliarden Dollar oder 760 Dollar pro Kopf. © dpa
Für 2009 rechnet der IWF mit einem BIP von 25,1 Milliarden Dollar. © dpa
Das Volumen des illegalen Opiumhandels wird von der Weltbank auf ein Drittel des regulären BIP geschätzt. © dpa
Afghanistan produziert mehr als 90 Prozent des weltweit gehandelten Opiums, woraus Heroin hergestellt wird. © dpa
Für Projekte der Entwicklungshilfe und des Wiederaufbaus sind von der Bundesregierung von 2002 bis 2010 mehr als 1,2 Milliarden Euro Hilfsgelder zugesagt. © dpa
Bis Mitte August 2009 wurden davon 830 Millionen Euro ausgezahlt. © dpa
Damit ist es das größte Empfängerland deutscher Entwicklungshilfe. © dpa

Doch auch dabei ließ es Karsai nicht bewenden: nach Angaben des Blattes verstieg er sich gar zu der Drohung, sich selbst den Aufständischen anzuschließen, wenn ausländische Mächte ihn weiterhin kritisieren. “Wenn Ihr und die internationale Gemeinschaft mich noch mehr unter Druck setzt, dann, das schwöre ich Euch, werde ich mich den Taliban anschließen“, soll Karsai nach Angaben eines afghanischen Parlamentariers gesagt haben.

Offiziell hielten sich Washington sowie US-Militärs vor Ort zurück. Hinter vorgehaltener Hand verriet ein US-Militär der “Washington Post“ ein vernichtendes Urteil über Karsai: “Der Typ ist sprunghaft und unbeständig, er ist unberechenbar.... ich verstehe ihn einfach nicht“.

Erst vor einer Woche war Obama eigens zu einem Überraschungsbesuch in Kabul eingeflogen, um Karsai ins Gebet zu nehmen - doch das Ergebnis ist nicht gerade das, was sich Obama erhofft hatte. “Unser wichtigster Verbündeter kritisiert uns dauernd“, meint Hekmat Karsai, Chef des Center for Conflict and Peace Studies in Kabul und zugleich ein Cousin des Präsidenten. “Aber Sie können nicht zu den Afghanen reden als seien sie Kinder oder als würden sie nichts verstehen“.

dpa

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