Die Lage im Kriegsland Afghanistan - Fragen und Antworten nach der Rede von Präsident Karsai

Karsais erpresserische Drohkulisse

?Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat in einer Rede vor Stammesältesten gedroht, sich den Taliban anzuschließen und die Offensive im Süden das Landes von der Zustimmung der Stammesfürsten abhängig zu machen. Was treibt ihn an?

!Karsai hängt in Afghanistan der Ruf an, eine Marionettenregierung zu führen. Seine innenpolitischen Gegner werfen ihm vor, vom Westen abhängig zu sein und vor allem nach der Pfeife der USA zu tanzen. Karsai ist bemüht, diesen Ruf abzuschütteln.

Die Botschaft nach innen lautet: Ich bin der Führer eines souveränen Staates, ein Regierungschef, der eigene Entscheidungen treffen kann. Karsais Botschaft an die internationalen Verbündeten lautet: Hört auf, mir das zweifelhafte Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vorzuwerfen; beendet die Kritik an den Drogengeschäften meines Clans; stoppt die Korruptionsvorwürfe gegen meine Regierung. Der Wink mit den Taliban dient dabei als erpresserische Drohkulisse. Zugleich hält sich Karsai damit Türen offen für die Zeit nach dem Abzug der internationalen Truppen. Sollte die Mission der Nato nicht erfolgreich enden, wird Karsai auf die Taliban und die Stammesfürsten angewiesen sein, um politisch überleben zu können.

?Wie reagieren die USA auf die Äußerungen Karsais?

!Irritiert bis erbost. Das Vertrauen in Karsai, der ohnehin als schwacher und unzuverlässiger Partner gilt, nimmt weiter ab. Gerüchte über einen mutmaßlichen Drogenkonsum Karsais machen in den USA die Runde. Die US-Regierung erwägt, Karsais Besuch im Mai in Washington abzusagen. Das Dilemma des Westens: In Afghanistan fehlt ein legitimierter Partner für die weitere Zusammenarbeit. USA und europäische Regierungen sind vor allem deshalb auf Karsai angewiesen, weil es derzeit an einer verlässlicheren Alternative mangelt. Karsai ließ gestern - wohl aufgrund der harschen Reaktionen aus den USA - seine Äußerung, notfalls zu den Taliban überzulaufen, dementieren. Mehrere Augen- und Ohrenzeugen hatten sie bestätigt.

?Welche Offensive steht bevor?

!Nach der Offensive „Muschtarak“ (Gemeinsam) in der Süd-Provinz Helmand, wo Nato- und afghanische Soldaten die Taliban bekämpfen, soll demnächst auch in der Nachbarprovinz Kandahar verstärkt gegen die Islamisten vorgegangen werden. Ein Großteil der 30 000 Soldaten, die US-Präsident Barack Obama zusätzlich nach Afghanistan befohlen hat, könnte in Kandahar eingesetzt werden.

?Was steht in Afghanistan für die Nato auf dem Spiel?

!Die USA haben angekündigt, im nächsten Jahr mit dem schrittweisen Abzug der Truppen zu beginnen. Die deutsche Regierung hat die Zielvorstellung, 2013 die Verantwortung für die Sicherheit am Hindukusch in die Hände einer bis dahin ausgebildeten afghanischen Armee und Polizei zu übergeben. Bundesaußenminister Guido Westerwelle schloss gestern noch einmal einen schnellen Abzug der Bundeswehr aus.

Bis 2013 sollen auch der harte militärische Kern der Taliban zerschlagen und deren Mitläufer mithilfe der Karsai-Regierung in das neue afghanische Staatswesen integriert sein. Schaffen die Nato-Truppen die Zerschlagung der Taliban nicht, würde an einem Rückzug der Makel der Niederlage kleben. Die Anschlussfrage wäre logisch: Wenn die Allianz Afghanistan nicht befrieden kann, für welche Missionen ist sie eigentlich zu gebrauchen?

Von Jörg S. Carl

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