Krankenkassen fordern Bedenksperrfrist für IGeL-Leistungen

Wenn Patienten selbst zahlen müssen: Kassen beklagen ärztliche Geldgier

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Das zahlt die Kasse nicht: Vorsorgecheck des Auges auf Grünen Star ist eine IGeL-Leistung.

Kassel. Der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) will Geschäfte eindämmen, die Ärzte mit sogenannten IGeL-Leistungen machen. Diese „individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL)“ müssen Patienten aus eigener Tasche bezahlen.

Dafür aber, so GKV-Verbandschef Gernot Kiefer laut „Berliner Zeitung“, bekämen sie einen Service, bei dem „es vorrangig um Umsatz und Gewinn der Ärzte und nicht um medizinische Hilfe für Kranke“ gehe.

IGeL-Umsätze der Ärzte sind nach Erkenntnissen der Kassen seit 2005 um 50 Prozent auf 1,5 Mrd. Euro jährlich gestiegen. Forderung des Spitzenverbands: Wenn Ärzte von sich aus IGeL ins Gespräch bringen, soll vor der Einwilligung der Patienten immer eine 24-Stunden-Sperrfrist liegen. Es könne nicht sein, „dass es bei jedem Haustürgeschäft mit Staubsaugern eine Widerspruchsfrist gibt, beim Arzt aber nicht“, sagte Kiefer.

Informationen und Broschüren zu IGeL:

- Ratgeber des Patientenbeauftragen der Bundesregierung Wolfgang Zöller zu IGeL-Leistungen

- Faltblatt der Verbraucherzentrale Bremen „Verbrauchertipps zu IGeL-Leistungen“

- IGeL-Information der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

- IGeL-Info der Gesetzlichen Krankenkassen

- Unabhängigen Patientenberatung Deutschland

- IGeL-Checkliste der Techniker Krankenkasse

Ultraschall des kleinen Beckens für 34 Euro, Inkontinenzbescheinigung für 2,50 Euro, Großer Körper-Check oder Tattoo-Entfernung - was Kassen nicht zahlen, können Ärzte auf eigene Rechnung anbieten. Fragen Patienten von sich aus danach, stört das die Kassen nicht. Wenn aber der Arzt „in der Regel jenseits ihres Anliegens“ Patienten Selbstzahlerangebote mache, sei eine abgewogene Entscheidung schwierig. Oft würden IGeL-Leistungen, Sinn und Zweck zu wenig erklärt. Die Angst, sonst schlechter behandelt zu werden, mache gerade Kranken ein Nein schwer.

Hier informiert sich der Mediziner, der auf dem Selbstzahlermarkt erfolgreich sein will:

- www.igelarzt.de

- www.igelleistungen.com

24 Stunden nachdenken, und dann nochmal zum Arzt? Vertretbarer Aufwand, sagte Spitzenverbandssprecherin Ann Marini der HNA: „Es geht bei IGeL ja nicht um Leben und Tod, sondern um Ihr Geld.“ Nachzudenken, sich zu informieren, was man da genau kaufe, sei durchaus sinnvoll. Gerade erst hat das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) einen Bericht vorgelegt, der die Kassenkritik in Teilen stützt. Für die zwei häufigsten IGeL-Leistungen, das Screening auf Grünen Star beim Augenarzt und das vaginale Ultraschall-Screening (VUS) auf Eierstock-/Gebärmutterkrebs beim Gynäkologen sei der Patientennutzen wissenschaftlich nicht belegt.

Hartmannbund empört

Die Ärzteorganisation Hartmannbund spricht empört von „rüden und völlig undifferenzierten“ Attacken. Erst hätten die Kassen Debatten über „angeblich faule Ärzte und lange Wartezeiten“ in Praxen angezettelt, nun folge die nächste Kampagne, sagt Hartmannbund-Vorsitzender Kuno Winn. Die Vorwürfe seien absurd. Schon deshalb, weil „etliche Leistungen, die inzwischen von den Kassen bezahlt werden, wie Akupunktur oder Hautkrebs-Vorsorge, noch vor kurzem IGeL-Leistungen waren“.

Im Zweifel mit der Kasse sprechen

„Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt alle medizinisch notwendigen Behandlungen“, sagt Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. Ein einheitlicher IGeL-Katalog fehlt bis heute. Tipps für alle Fälle:

• Auf ausführlichen Erläuterungen und schriftlichem Angebot des Arztes mit Kostenerklärung bestehen!

• Krankenkasse fragen: Vielleicht zahlt sie, wenn es etwa nicht um Vorsorge geht, sondern um Behandlung.

• Infos von unabhängigen Einrichtungen, wie etwa dem Gemeinsamen Bundesausschuss oder dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) einholen.

• Auf ordnungsgemäßer Rechnung bestehen - für mögliche Regressansprüche.

Eine Frage der Werbung

• Frauen und Patienten mittleren Alters sind als IGeL-Zielgruppe besonders beliebt. Versicherten mit höherem Einkommen und überdurchschnittlicher Schulbildung wird IGeL deutlich häufiger angeboten als anderen. Das hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) 2010 belegt.

• Meist sprechen Ärzte IGeL von sich aus an (laut WIdO-Umfrage in 71,9 % der Fälle). Bei Leistungen, die stark beworben werden - etwa mit Plakaten im Wartezimmer - fragen eher Patienten, zum Beispiel bei Hautkrebsvorsorge oder Kosmetikfragen.

• Fachärzte bieten IGeL öfter an als Allgemeinmediziner.

• In einer Befragung von 647 GKV-Versicherten befürchteten 76,9 %, dass das IGeL-Geschäft das Vertrauen zum Arzt verschlechtert. 17,9 % sahen eine Verbesserung.

Weiterführende Links

Von A wie Akupunktur bis U wie Ultraschall: IGeL-Angebote

Was die Krankenkassen von IGeL halten

Infoblatt zur Früherkennung des Glaukoms ("Grüner Star")

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