Elektronische Karte: Bis Ende 2012 sollen 70 Prozent der gesetzlich Versicherten zum Tausch bewegt werden

Krankenkassen sammeln Passfotos für neue Gesundheitskarte ein

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Die neue Gesundheitskarte - hier ein Modell der Techniker Krankenkasse - im Lesegerät.

Kassel. 2012 soll’s endlich klappen – die Kassen verschicken massenhaft Briefe mit Fotowünschen oder laden Versicherte gleich zu Infoabenden ein: 70 Prozent der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten sollen bis Silvester die neue elektronische Gesundheitskarte im Portemonnaie haben.

Der Plastikausweis mit Chip und Foto – kurz eGK – hat Jahre Verspätung. Eigentlich sollte die elektronische Karte schon 2006 an den Start. Ihr Hauptziel: einfacherer Datenaustausch im Netzwerk des Gesundheitswesens.

Seither hat das Bundesgesundheitsministerium mit Ulla Schmidt (SPD), Philipp Rösler und Daniel Bahr (beide FDP) schon drei Amtschefs gesehen. Und die Karte, im Interessenstreit zwischen Politik, Ärzten, Kassen und Versicherten, hat jede Menge Planungspannen, Datenschutz- und Kostendebatten produziert.

Sehr viel teurer, wie die meisten Großprojekte, wurde die elektronische Gesundheitskarte über die Jahre auch: Auf eine Milliarde Euro taxierte Ulla Schmidt die Einführung zur CeBit 2004 – inzwischen haben sich die Prognosen weit mehr als verzehnfacht. Auch deshalb – und wegen fehlender Investitionssicherheit – haben sich Privatversicherer 2009 ausgeklinkt.

„Ihr Foto bitte für Ihre neue Gesundheitskarte!“– so melden sich die Kassen per Post. Alle, deren Karte demnächst sowieso abläuft, erhalten Ersatz nur auf diesem Weg. Um die 70-Prozent-Quote zu schaffen, ist aber mehr nötig. Was genau, sei Sache jeder Kasse, heißt es beim GKV-Spitzenverband. Man könne den Kartentausch auch nach Postleitzahlen sortiert vorantreiben.

Foto bitte in EU-Passbild-Qualität! Aktuell, 45 mal 35 Millimeter groß, Gesicht voll erkennbar, neutraler, einfarbiger Hintergrund - so muss das Foto aussehen. Das riecht nach Kosten für die eigentlich kostenlose Karte, falls ein Profifotograf bemüht wird. Weil die Kassen hier eine Hürde sehen, die die Lust am Mitmachen bremst, bietet etwa die DAK eigene Fotodienste umsonst an. Auch online hochladen lässt sich das Bild.

Oder ganz vermeiden? Kritiker des eGK-Projekts im Bündnis „Stoppt die E-Card!“ verweisen auf mittlerweile 750 000 Unterschriften gegen das „Mammut-IT-Projekt“. Und werfen den Kassen bei der Fotobeschaffung Erpressung vor. Der Versicherungsschutz hänge nicht an der Fotokarte. „In den geschätzt nächsten zwei Jahren können alle weiter im Ersatzverfahren behandelt werden.“ Solange die alte Karte gültig ist sowieso. Und „falls die alte Karte nicht mehr gilt, ruft die Arztpraxis bei der Kasse an und lässt sich Ihren Versicherungsschutz bestätigen“.

In einem Musterverfahren vor dem Düsseldorfer Sozialgericht sind die eGK-Gegner Ende Juni gescheitert: Die Karte sei gesetzes- und verfassungsgemäß, urteilte das Gericht. Der Kläger will notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe durchhalten – weil er seine persönlichen Daten auf der Karte nicht wirklich sicher glaubt.  

Von Wolfgang Riek

Hintergrund: Ärzte fürchten neue Kosten und mehr Bürokratie

Fragen und Antworten zum Sinn der neuen Karte und zu Widerständen von Medizinern in Hessen und Niedersachsen

Was soll eigentlich das Foto auf der neuen Kassenkarte?

Sicherstellen, dass die Karte nicht von Dritten zur kostenlosen Arztbehandlung missbraucht wird, heißt es beim Bundesgesundheitsministerium. Geht gar nicht, kontert der in Göttingen ansässige Centralverband Deutscher Berufsfotogafen: Ob Bild und Versicherter zusammenpassten, könne bei Fotos, die mit der Post hin- und hergeschickt würden, doch überhaupt nicht überprüft werden.

Was wird auf den Karten genau gespeichert?

Verpflichtend sind Angaben zur Person wie Name, Geburtsdatum, Geschlecht und Anschrift sowie Angaben zur Krankenversicherung. Dazu zählen die Krankenversichertennummer, der Versichertenstatus (Mitglied, Familienversicherter oder Rentner) und der Zuzahlungsstatus.

Was wäre dann der Vorteil gegenüber der alten Karte?

Später soll die Karte medizinische Informationen wie Notfalldaten speichern können, „wenn der Versicherte dies wünscht“, so die Bundesregierung. Auch die „sichere Kommunikation zwischen Ärzten“ wird versprochen: zur Übermittlung von Arztbriefen und Befunden, bis hin zur Hinterlegung einer Arzneimitteldokumentation oder einer elektronischen Patientenakte.

Wie sind die Ärzte auf die neue Karte vorbereitet?

Gut 80 Prozent der Kassenärzte in Hessen, haben die Installation der Lesegeräte beantragt. Der Rest nach Angaben von gestern (noch) nicht. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen steht in der Riege der eGK-Kritiker: Ohne Tests und Sicherheitskomponenten, heißt es dort, versuchten die Kassen die Karte auf Kosten der Arztpraxen sowie zu Lasten der Versorgung und der Patientensicherheit durchzudrücken. Niedersachsens Kassenärzte wollen alles vermeiden, was die neue Karte ihnen an zusätzlicher Bürokratie in die Praxis bringt. Die Verwaltung von Patientendaten im Gefolge des Tauschs sehen sie als Aufgabe der Kassen. Und Tests von Zusatzfunktionen, die die Karten nach einer Startphase erledigen können sollen, lehnten Niedersachsens KV-Vertreter Anfang Juli rundweg ab. (wrk)

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