Vier Jahre nach WM im eigenen Land

Kein Ende der Krise in Sicht: Brasiliens Bevölkerung von Regierung enttäuscht

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Demonstration in São Paulo gegen die Haftstrafe für den ehemaligen brasilianischen Präsidenten Lula da Silva: Dieser liegt in den Wahlumfragen vorne.

Brasilien 2014. Für die Deutschen ein Grund zum Schwelgen in schönen Erinnerungen, für die WM-Gastgeber schwierige Zeiten. Vier Jahre später sind die deutschen Erinnerungen verblasst - wie sieht es heute in Brasilien aus?

Euphorisch wie noch bei der letzten WM sind die Brasilianer nicht mehr. Zu unzufrieden sind sie mit der politischen Führung in ihrem Land. Seit September 2016 ist Michel Temer Staatspräsident. Er folgte auf Dilma Rousseff, die in einem Amtsenthebungsverfahren gestürzt wurde – einem Putsch, wie sie sagt. Offiziell ging es um den Vorwurf, dass sie bei den Haushaltszahlen getrickst habe. Temer ist im Land extrem unbeliebt. Die Zustimmungswerte des 77-Jährigen liegen laut Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Ibope bei vier Prozent.

Michel Temer

„Temers zwei Jahre Amtszeit haben eine klare Gegenreaktion auf die Zeit von Rousseff und ihrem Vorgänger Lula gezeigt“, sagt Sérgio Costa, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. So kürzte Temer das vom damaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva eingeführte Sozialhilfeprogramm „Bolsa Família“: Zwischen Januar und Juli 2017 wurde über 1,2 Millionen Familien das zusätzliche Geld gestrichen. Außerdem wurden die staatlichen Sozialausgaben für 20 Jahre eingefroren. „Für arme Menschen und solche, die im Niedriglohnsektor arbeiten, sind die Bedingungen schlechter geworden“, sagt Costa. Im April lag die Zahl der Arbeitslosen bei 13,7 Millionen. Insgesamt hat das Land 209 Millionen Einwohner.

Claudia Zilla, Leiterin der Forschungsgruppe Amerika der Stiftung Wissenschaft und Politik, sieht die wachsende Armut und niedrige Wachstumsraten der Wirtschaft aber nicht als alleinige Schuld Temers: „Die Brasilianer bekommen heute Effekte von Entscheidungen zu spüren, die vor einigen Jahren getroffen oder nicht getroffen wurden.“ So habe der Staat schon unter Rousseff und Lula unkontrolliert Ausgaben getätigt.

Allerdings erholt sich das Land langsam von seiner Wirtschaftskrise. Anfang 2018 rechnete der Internationale Währungsfonds mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,9 Prozent in diesem Jahr.

Kein Ende der Korruption

Dennoch sind die Brasilianer von ihrer Regierung enttäuscht. Seit März 2014 bestimmt der Korruptionsskandal die Nachrichten, durch Ermittlungen, der sogenannten „Operação Lava Jato“, mussten Dutzende Politiker ins Gefängnis. „Das politische System war auf Korruption eingestellt“, sagt Sérgio Costa. Und selbst, wenn die Ermittlungen und Verurteilungen dieses System zerstören würden, würde „Platz für neue Opportunisten entstehen, die genauso korrupt sind.“ Eine Reform wäre nur parteiübergreifend und mit Beteiligung der Bevölkerung möglich.

Im Fokus der Korruptionsermittlungen stand auch Michel Temer. Er wurde bereits wegen illegaler Wahlkampffinanzierung angeklagt, im Juni 2017 sprach ihn das Oberste Gericht allerdings frei. „Temer hält sich an der Regierung, weil er imstande ist, eine Mehrheit im Parlament zu bekommen, die seine Absetzung verhindert“, sagt Zilla. Einen Rücktritt schließt Temer aus, zur Wahl im Oktober wird er aber nicht antreten.

In den Umfragen liegt Lula vorne, obwohl er seit April eine zwölfjährige Haftstrafe absitzt. Ob er gewählt werden kann, ist fraglich, im Juni gaben laut Ibope aber 33 Prozent der Befragten an, dass sie für ihn stimmen würden. Hinter ihm auf Platz zwei liegt Jair Bolsonaro, ein rechter Ex-Militär. Er provoziert mit homophoben, frauenfeindlichen und rassistischen Aussagen. Folter hält er für ein legitimes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, und wenn seine Söhne schwul wären, wäre es ihm lieber, wenn sie sterben würden.

Nur geringe Chancen

„Seine Wahl wäre für Brasilien ein Rückschritt, weil er einen Teil der demokratischen Errungenschaften nach der Militärdiktatur rückgängig machen würde,“ sagt Costa. Die Chancen auf einen Wahlsieg schätzt Realle Palazzo-Martini, brasilianischer Journalist, aber als gering ein. „Er hat eine massive Ablehnung bei gesellschaftlichen Gruppen wie Frauen, Schwarze und Homosexuellen.“ Außerdem präsentiere Bolsonaro sich als Kämpfer gegen Korruption, könne die Herkunft seines Vermögens aber nicht erklären.

Für sein Land sieht der Journalist wenig Positives. Das 7:1 bei der WM spiegele das Brasilien von damals und heute: „Wir dachten wir wären unbesiegbar, und wurden mit der harten Realität konfrontiert, dass unsere Organisation mangelhaft ist, unser Selbstwertgefühl niedrig, und unsere Institutionen unzeitgemäß.“

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