Politikwissenschaftler Michael Dreyer

Interview zu Wulffs Umgang mit der Affäre: "Er war kein Opfer der Medien"

Der Jenaer Politikwissenschaftler Michael Dreyer sieht den Ruf von Ex-Bundespräsident Christian Wulff trotz juristischen Freispruchs beschädigt. Politisch sei er nicht unschuldig.

Christian Wulff ist juristisch freigesprochen. Bleibt sein Ansehen trotzdem ruiniert?

Michael Dreyer: Mit einem juristischen Freispruch erwirbt man sich das Recht, nicht verurteilt zu werden oder nicht ins Gefängnis zu gehen, mehr nicht. Seine Verteidigung hat es verstanden, ihn in den Rang einer verfolgten Unschuld zu erheben. Zwischen juristischer und politischer Unschuld gibt es aber erhebliche Unterschiede. Was juristisch in Ordnung ist, ist es politisch noch lange nicht.

Wulff hat gegenüber den Medien immer nur das eingeräumt, was schon bekannt war. War das ein Fehler?

Dreyer: Dieses Verhalten war indiskutabel. Das allein hätte zu seinem Rücktritt führen müssen. So etwas funktioniert nie, wenn die Medien Blut geleckt haben. Da hilft nur sofortige Ehrlichkeit.

Und seine Anrufe bei Medien, etwa bei Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann?

Dreyer: Die Anrufe bei den Medien waren klar ein Versuch, Einfluss zu nehmen und Veröffentlichungen zu verhindern. Er hat sogar gedroht. Das kam zwar aus der Erregung des Augenblicks, aber so etwas darf man sich im Amt des Bundespräsidenten nicht leisten.

Also war Wulff mit dem Umgang mit der Affäre überfordert?

Dreyer: Ja. Er war mit dem ganzen Amt des Bundespräsidenten überfordert. Schon als Ministerpräsident von Niedersachsen versuchte er, kleine Vorteile für sich herauszuschlagen, die nicht juristisch anfechtbar waren, aber nicht der Vorbildfunktion eines Politikers entsprachen. In politischen Ämtern hat man viele Privilegien, sie erfordern aber auch ein korrektes Verhalten.

War Wulff auch ein Opfer der breit angelegten Berichterstattung der Medien?

Dreyer: Er war kein Opfer. Ihm wurden ja keine Sachen vorgeworfen, die nicht passiert waren. Es wurde von den Medien nichts erfunden, es wurde nur berichtet. Wulff hat immer wieder versucht, sich als Opfer darzustellen.

Hat sich die Staatsanwaltschaft korrekt verhalten, oder gab es dort Hascherei nach Aufmerksamkeit?

Dreyer: Das Gericht hat die Anklage zugelassen, weil ein berechtigter Anfangsverdacht bestand. Das Verfahren war keineswegs unsinnig, es wurde lange intensiv ermittelt. Die Staatsanwaltschaft hat nicht schlecht gearbeitet.

Wurde durch die Affäre generell das Amt des Bundespräsidenten beschädigt?

Dreyer: Nein. Die Menschen können unterscheiden, ob einzelne Politiker sich falsch verhalten oder ob ein Amt systematisch falsch besetzt ist.

Von Peter Klebe

Zur Person:

Michael Dreyer (54) ist Professor für Politikwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er studierte in Kiel und Lexington (USA) und war unter anderem John F. Kennedy Memorial Fellow an der Harvard-Universität Cambridge. Dreyer ist ledig und wohnt in Jena.

Rubriklistenbild: © dpa

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