Interview mit Pazifist Andreas Buro über den Irak:  „Keine Formel gegen diese Gewalt“

Kassel.  Die Bedrohung Andersgläubiger durch Terrormilizen des „Islamischen Staates“ (IS) eskaliert. Die USA und Verbündete haben mit Luftangriffen begonnen. Gibt es Alternativen? Das fragten wir den Pazifisten Andreas Buro, der seit über 60 Jahren in der Friedensbewegung aktiv ist. Im Interview spricht der Pazifist Andreas Buro über Chancen einer friedlichen Lösung für den Irak-Konflikt.

Wie sollen die IS-Milizen gestoppt werden? 

Andreas Buro: Der Irak ist nach der amerikanischen Intervention in eine Situation geraten, in der die Bevökerungsteile des Landes unterschiedliche Interessen haben. Das hat dazu geführt, dass Bagdad kaum mehr handlungsfähig war, da sunnitische Bevölkerungsteile, die unter Saddam Hussein führende Kräfte waren, sich ausgegrenzt fühlten. Wenn es gelingt, die Gegensätze zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden zu überwinden, ist die Chance größer, den IS zu stoppen.

Eine pazifistische These lautet, dass Krieg keine Antwort auf Terror sein darf. Was ist denn die Antwort? 

Buro:  Der Begriff des Terrorismus ist nicht sehr brauchbar. Ist es Terror, wenn bei der amerikanischen Intervention im Irak über hunderttausend Menschen unter verlogenen Begründungen umkommen? Ist es Terror, wenn sich jemand in die Luft sprengt? Wenn man sich ansieht, was wirklich passiert, wird man vorsichtig sein mit diesem Kampfbegriff und beginnt nach politischen Lösungen suchen.

Aber wie ist denn die Antwort des Pazifismus auf die Situation im Irak? 

Buro:  Ich bin immer für Lösungen, die ohne Gewalt auf Verständigung und Kooperation zielen. Das ist in diesem Fall mit fanatischen Kräften natürlich sehr schwer möglich. Wir sind nicht dafür, dass Waffen dorthin geliefert werden. Wenn die eine Seite durch Waffen überlegen ist, bedient sie sich dieser vielleicht, um eigene Interessen gewaltsam durchsetzen.

Welche friedlichen Strategien gibt es zur Konfliktlösung? 

Buro: Es wäre vermessen zu sagen, dass die deutsche Friedensbewegung irgendeine Formel hätte gegen diese manifeste Gewalt. Wir fordern dazu auf, die Waffen zwischen Teilen der Akteure niederzulegen und miteinander zu sprechen. Ganz wichtig ist, dass Iran und USA ihre Differenzen überwinden, weil der Iran auf diesen Konflikt einen großen Einfluss hat. Gleichzeitig müssen Iran und Saudi-Arabien sich annähern, um nicht wie bisher gegeneinander zu agieren, sondern zu einer politischen Abstimmung in diesem Konflikt zu kommen.

Wie sehen Sie die Rolle der USA im Irak?

Buro: Die USA haben eine Schlüsselverantwortung, weil sie den Irak schon früher manipulativ behandelt haben. Sie haben nach dem Sturz des Schahs den Irak unter Saddam Hussein angeregt, einen Krieg mit fürchterlichen Verlusten gegen Iran zu führen. Dann war der Krieg wegen der irakischen Invasion in Kuweit, wo die USA eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Später gab es die Behauptung der Bush-Regierung, man müsste intervenieren, weil der Irak Atomwaffen hätte - eine glatte Lüge. In Wirklichkeit ging es dabei um Öl. Die USA haben kriegstreibend gehandelt und nicht friedenspolitisch.

Die Bundeswehr hat den Kurden im Irak Waffen geliefert. Hilft das? 

Andreas Bruno

Buro: Es gibt immer Kräfte, die sagen, da hilft nur Gewalt. Dabei wird davon ausgegangen - ein kurioses und psychisches Problem -, dass unsere Soldaten, also die Bundeswehr oder Nato-Soldaten, die Guten sind und die anderen die Bösen. Dies gilt es zu überwinden. Wir wollen, dass die öffentliche Meinung und damit vielleicht auch die Politik sich vornimmt, alle Möglichkeiten zu nutzen, um solche Konflikte nicht militärisch, sondern zivil auszutragen.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Buro (86), geboren in Berlin, ist Friedensforscher und seit über 60 Jahren in der westeuropäischen Friedens- und Menschenrechtsbewegungbewegung aktiv. Als 16-Jähriger wurde er 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen. Die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg prägten seine Aktivitäten als Pazifist und Antimilitarist. In den 1950er-Jahren trat er der pazifistischen Organisation Internationale der Kriegsdienstgegner bei, war 1969 Mitbegründer des Sozialistischen Büros und später des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Buro arbeitete an der Uni Frankfurt mit dem Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung. 2008 erhielt er den Aachener, 2013 den Göttinger Friedenspreis. Andreas Buro lebt im hessischen Grävenwiesbach (Hochtaunuskreis), ist zwei Mal verwitwet und hat vier Kinder.

Rubriklistenbild: © AFP

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