Kettensägekunst: Mit Augenmaß und Feingefühl

Prachtexemplar: Johannes Große ist stolz auf seinen lebensgroßen Löwen. 35 Stunden hat er daran gearbeitet. Fotos: dpa

Frankfurt. Johannes Große betrachtet den Baumstumpf von allen Seiten, überlegt kurz und wirft seine Kettensäge an. Mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl führt er die Kettensäge durch das Holz, und im Handumdrehen zeigen sich erste Konturen.

„Mit der Kettensäge kann man sehr schnell arbeiten“, erklärt der 22-jährige Student sein außergewöhnliches Hobby. „Aber der Nachteil ist: Was weg ist, ist weg. Korrekturen sind nur schwer möglich.“ Neben einer gehörigen Portion Talent sei deshalb vor allem eins gefordert: Übung.

Geschultes Auge

„Mein Vorteil ist, dass ich vorher schon Skulpturen aus Stein gefertigt habe“, sagt der in Frankfurt-Fechenheim aufgewachsene junge Mann und zeigt eine Hand aus Sandstein, aus der eine metallene Pflanze wächst. „Das hat mein Auge natürlich enorm geschult.“ Exakte Skizzen benötigt der Hobby-Handwerker zur Vorbereitung seiner Holzskulpturen deshalb meistens nicht. „Nur wenn ich einen Kundenauftrag habe, bespreche ich die Details an einem Modell aus Ton.“ Neben hölzernen Wurzelmännchen, Engelstorsos, Drachenköpfen und Teddybären sind originelle Baumstumpfveredelungen am meisten gefragt: Mini-Eulen und hämmernde Spechte, Löwen und Adler zaubert er aus den Resten gefällter Bäume.

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Besonders beeindruckend unter den Holzskulpturen ist der lebensgroße Löwe, der während eines Schnitzertreffens in Hemmersheim entstanden ist. 35 Stunden sägte, schnitzte und lasierte Große - dann war die 200 Kilo schwere Raubkatze perfekt. Die meiste Zeit investierte der Künstler dabei in die Details. „Mit der Kettensäge kann man eigentlich relativ fein arbeiten“, berichtet der 22-Jährige. Den letzten Schliff erhalten die Skulpturen mit Handschnitzwerkzeug, ein Bunsenbrenner sorgt für Farbeffekte.

Geschick

Das handwerkliche Geschick wurde dem dunkelblonden Studenten im sprichwörtlichen Sinne in die Wiege gelegt: Sein Großvater führte als Steinmetz den Familienbetrieb in Frankfurt-Fechenheim, den vor einigen Jahren Johannes Großes Bruder übernommen hat. „Ich habe von meinem Großvater viel gelernt und hatte schon als Kind die Gelegenheit, ein Gefühl für die Materialien, das Werkzeug und die Maschinen zu entwickeln.“ Heute nutzt er die Werkstatt zur Lagerung seiner Kunstobjekte. Fabriziert werden sie jedoch stets an der frischen Luft.

Sein Talent erprobt der Künstler an den verschiedensten Materialien: Stein, Metall, Holz und Eis verwandelt er in ausdrucksstarke Skulpturen. Dabei zeigt er sich immer wieder experimentierfreudig: „Es muss nicht alles gleich klappen, ich will aus Erfahrungen lernen“, sagt er und berichtet von einem zersplitterten Eisblock, der seinem Plan von einem liegenden Reh das Ende bereitete. Große bewies Pragmatik: Aus dem Reh wurde ein Herz.

Hobby wird nicht zum Beruf

Trotz des handwerklichen Geschicks möchte Große sein Hobby nicht zum Beruf machen. „Ich nutze meine Kunst lieber als Ausgleich zur Arbeit“, sagt der 22-Jährige, der an der TU Darmstadt Materialwissenschaft studiert. Sein nächstes Projekt hat er trotz Uni-Stress im Auge: „Ich will mich mehr ins Schweißen, Schmieden und Drechseln einarbeiten“, verrät er. (dpa)

Von Christina Pfänder

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