Die letzten noch lebenden Häftlinge des Lagers Sandbostel – Baracken bleiben erhalten

Nur 26 Kilo und fast tot

Einzigartiger Ort der Erinnerung: Auf dem 3,2 Hektar großen Areal der Gedenkstätte Sandbostel sind noch 25 Gebäude aus der Zeit des Nazi-Terrors erhalten. Auf dem Bild einer der letzten noch lebenden Häftlinge, der 87-jährige Russe Dmitri Lomonossow. Foto: epd

Rotenburg. Mit ernstem Gesicht schaut sich Dmitri Lomonossow bei einem Besuch auf dem Gelände des ehemaligen NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers im niedersächsischen Sandbostel um. Vor 67 Jahren brachten ihn die Nazis in diese damals unwirtliche und fast baumlose Moorgegend bei Rotenburg. „Ich war fast tot und wog 26 Kilo, als ich hier ankam“, erinnert sich der heute 87-Jährige. Er gehört zu den Überlebenden des Lagers, das am 29. April 1945 von Briten befreit wurde.

Seine Mahnung, den Frieden zu bewahren, spielt nicht nur am heutigen 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, eine Rolle. Im Internet und in vielen Gesprächen mit Jugendlichen erinnert Lomonossow unermüdlich an Sandbostel, das zu den größten Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht zählte. Es wurde 1939 von polnischen Kriegsgefangenen für 15 000 Menschen gebaut. Zeitweise waren über 70 000 Gefangene gleichzeitig eingepfercht.

„Zwischen 1939 und 1945 waren etwa 600 000 Menschen aus mehr als 70 Nationen interniert“, sagt Andreas Ehresmann, Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel. Heute ist das ehemalige „Stalag X-B“ ein Ort der Erinnerung: 25 Gebäude sind noch erhalten und bilden ein bundesweit einzigartiges Ensemble. Zusammen mit alten Bildern und Dokumenten vermitteln sie eine beklemmende Ahnung davon, was hier geschehen ist.

Bis zu 50 000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden hier ermordet oder starben an Seuchen, Durst und Hunger.

Perfide Hierarchie

Die Nazis hatten in Sandbostel eine perfide Hierarchie eingerichtet. Amerikaner und Briten bildeten die Spitze. Ganz am Ende standen Polen, Italiener und schließlich die sowjetischen Gefangenen, Männer wie Dmitri Lomonossow. Während die ersten nach den Genfer Konventionen behandelt wurden, malen durften und Jazz spielten, verweigerte man den anderen alles. Die Sowjets wurden in einer Flecktyphus-Baracke ihrem Schicksal überlassen, mussten die Drecksarbeit leisten und bekamen „Russenbrot“ aus Laub, Sägespänen und wenig Mehl.

Hass empfindet Lomonossow trotzdem nicht. „Es klingt komisch. Aber mein Verhältnis zu den Deutschen war immer gut“, sagt der Mann, der in Sandbostel von ukrainischen Wachposten misshandelt und nach seiner Heimkehr weiter diskriminiert wurde: Unter Stalin galten Kriegsgefangene als Verräter.

Nach der Befreiung wurden in Sandbostel SS- und NS-Angehörige sowie Mitglieder von KZ-Wachmannschaften inhaftiert. Ab 1948 war Sandbostel Zuchthaus, dann Auffanglager für jugendliche DDR-Flüchtlinge, später Bundeswehrgelände und Gewerbegebiet.

Über Jahrzehnte wurde um eine Gedenkstätte gestritten. Jetzt investieren Bund, Land, Kreis und die Reemtsma-Stiftung 1,4 Millionen Euro, um Baracken vor dem Verfall zu bewahren. Lomonossow findet das wichtig – nicht nur, um die Erinnerung wachzuhalten: „Auf diesem Boden schwebte ich zwischen Leben und Tod. Dieser Ort hat für mich eine große Bedeutung.“ (epd)

Von Dieter Sell

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