Archäologen rekonstruieren Marschwege der Legionäre anhand von Sandalennägeln

Die Kilometer lange Spur der Römer

Hinterlassenschaften der Antike: Kreisarchäologe Klaus Grote mit einer eisernen Fessel (oben), mit der die Römer Hals und Handgelenke von Gefangenen fixierten. Rechts: Sandalennägel. Fotos:  Socher, Rink/pid

Hedemünden. Das vor einigen Jahren entdeckte Römerlager bei Hedemünden (Kreis Göttingen) zieht immer neue Entdeckungen nach sich. Inzwischen geht es bei den Erkundungen nicht mehr nur darum, die Gebäude des vermutlich im Jahre 11 oder 10 vor Christus angelegten Militärlagers ausfindig zu machen.

Die Archäologen und Historiker sind jetzt auch darauf erpicht, die Verbindung zu anderen Fundorten in Hessen und Nordrhein-Westfalen herzustellen und die Marschrouten der Römer in Richtung Elbe zu finden.

In Südniedersachsen haben sie große Fortschritte gemacht: „Wir können inzwischen eine acht Kilometer lange Marschroute rekonstruieren“, sagt der Göttinger Kreisarchäologe Klaus Grote. Bei der Suche nach den Spuren der Römer profitierten die Forscher von einer Besonderheit der damaligen Schuhbekleidung. Die Legionäre, die an den Feldzügen des Drusus beteiligt waren, trugen Sandalen. Diese waren jeweils mit 40 bis 60 Nägeln bestückt, von denen sich immer wieder einzelne lösten.

Zum Glück für die Archäologen blieben sie über 2000 Jahre unberührt im Boden liegen - „wie an einer Perlenschnur aufgereiht“, sagt Grote. Sie konnten damit nicht nur die Wegstrecke ausfindig machen, sondern hatten eine weitere Bestätigung für die zeitliche Einordnung des Römerlagers: Die Nägel hatten genoppte Unterseiten. Solche trug man in der Epoche des Kaisers Augustus.

Insgesamt fanden die Archäologen über 1200 Exemplare, sowohl im Römerlager selbst, das bis zu 6000 Legionären Platz bot, als auch auf den weiterführenden Wegen.

Einige Kilometer weiter in nordöstlicher Richtung entdeckten sie noch eine andere Form der Sandalennägel. Dort hatten die Römer auf einer Anhöhe bei Mollenfelde einen Holzturm errichtet. Da die dort aufgefundenen Sandalennägel eine etwas andere Machart haben, vermuten die Wissenschaftler, dass dieser Posten erst später gebaut wurde.

Als eine besondere Fundgrube entpuppte sich eine andere römische Hinterlassenschaft im Kaufunger Wald. Hier fanden die Archäologen ein von Palisaden umfasstes 4000 Quadratmeter großes Kleinlager der Römer, in dem sich auch Holzbauten befanden. Die Palisaden sind rundherum verkohlt. Möglicherweise hätten die Römer bei ihrem Abzug verbrannte Erde hinterlassen, sagt der Kreisarchäologe. Auch der Turm bei Mollenfelde war abgebrannt.

Bei der Kreisarchäologie stapeln sich inzwischen über 2000 restaurierte Funde: Pfeil- und Lanzenspitzen, Pionieräxte, ein Legionärsdolch, eine Gefangenenfessel, Keramikreste, Schmuck - und jede Menge Sandalennägel.

Große Grabungen seien zunächst nicht geplant, sagt Grote. Jetzt gehe es vielmehr darum, die Funde auszuwerten und wissenschaftlich aufzubereiten. „Da sind auch noch Überraschungen zu erwarten“, sagt er. In zweieinhalb Jahren geht er in Pension, dann muss die Publikation fertig sein. Eines würde er bis dahin noch gerne herausfinden - wo der nächste römische Posten in Richtung Norden war.

Von Heidi Niemann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.